Nachtrag zur Serie: Stille Helden in Zehlendorf : Hanna Reichmuth – ein rettender Engel

Unser Autor Dirk Jordan hat bereits mehrfach über "Stille Heldinnen und Helden" aus Zehlendorf berichtet. Nun stieß er bei Recherchen zur Bekenntnisgemeinde Schlachtensee auf die Geschichte der einstigen Gemeindehelferin Hanna Reichmuth. Lesen Sie hier, was er über ihr Leben herausgefunden hat.

Dirk Jordan
Pfarrer Anz mit seiner Frau, Schwester Erna Holzmann und Hanna Reichmuth (von links nach rechts) 
Pfarrer Anz mit seiner Frau, Schwester Erna Holzmann und Hanna Reichmuth (von links nach rechts) Foto: Evangelische Kirchengemeinde Schlachtensee

Wenn über die Bekennende Kirche (BK) von Berlin berichtet wird – wie jetzt in dem neuen Buch von Hans-Rainer Sandvoß („Es wird gebeten die Gottesdienst zu überwachen“), dann wird aus dem Südwesten über die Dahlemer Gemeinde, über die in Lichterfelde oder in Nikolassee berichtet, aber nicht über die in Schlachtensee. Das liegt sicher auch daran, dass die Gemeindepfarrer in Schlachtensee in der BK keine besondere Rolle gespielt haben bzw. ihr distanziert gegenüber standen. Bis 1938 amtierte Pfarrer Wilhelm Anz, der sich schon früh dem Pfarrernotbund und der BK anschloss. Sein Nachfolger ab 1939 war der Favorit des deutsch-christlichen Konsistoriums, aber die mit seiner Einsetzung beabsichtigte Zerstörung der Schlachtenseer Bekenntnisgemeinde gelang nicht, und es gab in Schlachtensee – wie in der ganzen Zehlendorfer Gemeinde - keine der unglaublichen Anmaßungen oder gewalttätigen Übergriffe der „Deutschen Christen“ wie in anderen Gemeinden.

Hellmuth Linke, der langjährige Schlachtenseer Pfarrer (1950 – 1974), beschreibt die Zeit nach 1933 mit den Worten: „In Schlachtensee entsteht durch das über Jahrzehnte gewachsene Vertrauen zu Pfarrer Anz, der zwar keine Konfrontation mit den Nationalsozialisten sucht, aber klare Distanz hält, eine Bekenntnisgemeinde, die auch einen eigenen Bruderrat herausstellt. Außerdem kommt es zur Bildung von sieben Hausbibelkreisen, die brüderliche Sammelpunkte für die BK-Gemeinde bilden, in denen die kirchliche Lage offen besprochen und aktuelle Informationen für ihre Überlegungen zum praktischen Handeln weitergegeben werden.“

Krippenspiel 1935
Krippenspiel 1935Foto: Ev. Kirchengemeinde Schlachtensee

Was hier in kurzen Worten zusammengefasst ist, war ein längerer Prozess, der vom Gemeindepfarrer allein hätte nie erfolgreich gestaltet werden können. Hellmuth Linke nennt neben der bis in die 50er Jahre sehr aktiven Frauenhilfe zwei Namen: Die Diakonieschwester Erna Holzmann und die Gemeindehelferin Hanna Reichmuth, die für die Bekenntnisgemeinde eine tragende Rolle spielen sollte. Sie war im Burkhardthaus Dahlem für diesen neuen Gemeindedienst ausgebildet worden, der sowohl das Gemeindebüro und die Kirchenbuchführung wie die Kinder- und Jugendarbeit umfasste. „Sowohl die Gemeindeschwester wie auch die Gemeindehelferin verstehen sich als im Verkündigungs- und Seelsorgedienst stehende Mitarbeiter der Gemeinde. Sie gründen und leiten Gemeindegruppen, in denen sie biblische Verkündigung und Bibelstudium betreiben. Neben und mit dem Pfarrer wird nun in der Gemeinde in verschiedenen Arbeitsgruppen die Bibel gelesen, und es verwandelt sich das Gemeindeleben von einer sich lediglich sonntags sammelnden Gemeinde in eine in Gruppen gegliederte und durch Bibelstudium und Sonntagsgottesdienst gleichermaßen zusammengehaltene Gemeinde. Der Besuchsdienst, den die Gemeindeschwester und die Gemeindehelferin sich neben dem des Pfarrers zu ihrer Sache machen, bringt viele Gemeindeglieder in unmittelbare Berührung mit ihrer Gemeinde.“ 

Hanna Reichmuth (1905 – 1968) stammte aus einer Brandenburger Pfarrersfamilie, die sich in der NS-Zeit alle der Bekennenden Kirche anschlossen und zum Teil leitende Funktionen in Brandenburg hatten. Sie war die Jüngste von sieben Geschwistern. Besuchsdienste und Bibelkreise hielt sie auch unter den schwierigen Bedingungen der NS-Zeit durch und grenzte dabei auch diejenigen Gemeindeglieder nicht aus, die unter den Nazis als Juden galten. So schreibt Reinhold Strassmann, der mit seinem Vater, dem bekannten Gerichtsmediziner Fritz Strassmann, in der Nähe der Johanneskirche wohnte und von den Nazis schließlich in Auschwitz umgebracht wurde, mehrfach in Briefen an seinen in die USA emigrierten Bruder Georg von den Hausbesuchen der „guten, treuen Pfarrgehilfin“ (Hanna Reichmuth) und des als Vakanzvertreter tätigen Pfarrers i.R. Herrmann Schade, der in Zehlendorf in der Charlottenburger Straße wohnte.

Plakat der Bibelwoche
Plakat der BibelwocheFoto: Evangelische Kirchengemeinde Schlachtensee


Ebenso berichtete er von seinen Gottesdienstbesuchen in der Johanneskirche und auch nach dem 4. Advent 1941 „von einem wunderschönen Spiel von Christi Geburt in unserer lieben Kirche“, dem Krippenspiel, das Hanna Reichmuth in den 30er Jahren initiiert hatte und das bis in die 70er Jahre Generationen von Schlachtenseer Jugendlichen begleitet hat.

In der Reihe der jüdischen Miniaturen des Hentrich & Hentrich-Verlages hat Jutta Lange-Quassowski die Situation der Strassmanns in Schlachtensee einfühlsam beschrieben: „In der nun immer auswegloser erscheinenden Situation war es Reinhold eine sehr große Freude und ein Trost, dass die Pfarrgehilfin bzw. Vikarin, die offenbar lange sehr krank gewesen war, ins Pfarrhaus zurückkehrte und vor allem, dass auch ein neuer Pastor seinen Dienst antrat, obwohl er schon 75 Jahre alt war (ab Dez. 38). Sofort bat Reinhold den Pfarrer, doch seinen Vater zu besuchen. Und das tat der Pastor dann regelmäßig. Über die nächsten zwei Jahre entwickelte sich ein intensiver Dialog zwischen den beiden alten Herren.“

Wie schon angesprochen bildeten sich als tragende Kerne der Bekenntnisgemeinde Hausbibelkreise heraus. Sie konnten aber auch in der Johanneskirche selber zu Worte kommen. So ist z.B. ein DIN A0 großes handgeschriebenes Einladungsplakat für eine Bibelwoche in der Johanneskirche „von Sonntag, d. 5. – Sonnabend, d.11.3. (1939)“ überliefert mit dem Thema: „Unser ev. Gottesdienst und die 5 Hauptstücke des Katechismus“. An jedem Abend der Woche sprach ein anderer Referent der BK, u. a. Pfarrer Schade, Pfarrer Dr. von Rabenau, Pfarrer Jannasch und Pfarrer Wilhelm Rott. Zu der Bibelwoche hatten Pfarrer Schade und der Bruderrat eingeladen.

Die Hausbibelkreise waren feste Einrichtungen geworden, die auch innerhalb der BK vernetzt waren. So schreibt etwa Wilhelm Rott, von dem eben schon die Rede war, in Briefen an seine spätere Frau, dass er neben seiner schwierigen Arbeit für die 2. Vorläufige Kirchenleitung der BK immer wieder abends zu Bibelkreisen nach Schlachtensee fuhr. Wilhelm Rott wohnte damals im Haus von Maria Gerhard in der Ihnestraße 54. Dort hatte die 2.VKL ihr (geheimes) Büro, nachdem sie nach der Verhaftung von Martin Niemöller aus den offiziellen Kirchenräumen im Tietzenweg von der Gestapo vertrieben worden war. Wilhelm Rott hatte schon vorher eng mit Dietrich Bonhoeffer im Predigerseminar in Finkenwalde zusammengearbeitet und blieb Zeit seines Lebens mit ihm eng befreundet. In seinen Erinnerungen an Dietrich Bonhoeffer „Ihm fiel immer etwas ein“ berichtet er von einer überaus schwierigen Situation und Mission: „Wenige Wochen vor Dietrichs Verhaftung (5.4.1943), als seine und seiner Freunde Hände schon weithin gebunden waren, lud Dietrich mich in sein Elternhaus ein, um meine dienstliche und persönliche Situation zu erörtern. „Wir müssen sehen, wie wir dich hier noch so lange wie möglich funktionsfähig erhalten." (Ich war damals der einzige noch in Freiheit befindliche Mitarbeiter der Vorläufigen Leitung.) Aber wie? Die bereits mattgesetzten Mitwisser im Amt Canaris hatten keinen Zugang mehr zu ihrem Amtschef. Nach einigem Überlegen kam Dietrich auf den Gedanken, eine gemeinsame Bekannte einzuschalten. Der rettende Engel war die aktiv in der Bekennenden Kirche stehende Gemeindehelferin Hanna Reichmuth in Schlachtensee. Im Abenddunkel des gleichen Tages brachte diese einige informierende Zeilen in die Villa Canaris, auf die der Admiral sofort reagierte.“

Niemand wusste vom "rettenden Engel"

Hanna Reichmuth als „rettender Engel“, davon wusste vermutlich niemand in der Gemeinde etwas und auch bis heute ist ihre Tat nicht gewürdigt worden. Aus der Familie Reichmuth wurde berichtet, dass sie wohl mehrfach solche Kurierdienste versehen hat und auch eine gute Tat am Schlachtensee ist bekannt. Sie habe dort eine junge Frau, die mit Selbstmordabsichten in den See stieg, aber zögerte, mit vielen guten Worten davon abgehalten, sie an die Hand genommen und wieder aus dem See geführt. Sie konnte ihr auch helfen, für ihr Leben eine neue Perspektive zu finden.

Hanna Reichmuth setzte ihre segensreiche Arbeit auch nach dem Krieg in der Gemeinde fort, obwohl sie durch die Belastungen der NS-Zeit sehr geschwächt und häufig krank war. Sie war es, die einer Deutsch-Amerikanerin aus Massachusetts, die in das Schlachtenseer Gemeindebüro kam, um nach ihren Verwandten zu forschen, zu denen sie durch den Krieg den Kontakt verloren hatte, von der großen Not, die auf der Berliner und eben auch auf der Schlachtenseer Bevölkerung lastete, erzählte und damit ein „Tor zur Welt“ öffnete, was damals niemand ahnte. Es waren die Hanna Reichmuth eigene Zugewandtheit zu den Menschen, aber auch Offenheit für Neues, die das Samenkorn für eine jahrelange, segensreiche ökumenische Beziehung legten. Es war eine neue Form des Bekenntnisses und ein weiterer Schritt zur Abkehr von der national(istisch)en Verengung der evangelischen Kirche und Gemeinde.

Patenschaften zwischen amerikanischen und deutschen Gemeinden

Hellmuth Linke erzählt die weitere Entwicklung so: „Die Amerikanerin ging nach ihrer Heimkehr in die USA zu ihrem Bischof, um ihm ihre Eindrücke zu erzählen und fand bei ihm ein offenes Ohr. Bischof Lawrence rief seine Pfarrer zusammen und ließ die Europareisende von ihren Eindrücken berichten. Das führte zu dem Plan, Patenschaften der dortigen Gemeinden mit Berliner Gemeinden zu begründen. Die Gemeinde Westfield, aus der die Deutsch-Amerikanerin stammte, entsandte zusätzlich eine Vikarin, Mary Heilner, nach Schlachtensee, um die Einfädelung dieser Patenschaften zu begleiten. Hanna Reichmuth nahm Mary Heilner bei ihrem Besuch in ihrer eigenen Wohnung auf, und am Ende dieser Zeit waren sie fürs Leben Freundinnen geworden. Bischof Lawrence entsandte später Mary Heilner zum zweiten Mal nach Schlachtensee, diesmal für fast drei Jahre als ökumenische Fieldworkerin in den Jahren 1950 bis 1952.“

Aus dieser Zeit habe ich selber noch Erinnerungen an Hanna Reichmuth und Mary Heilner. Aus dem Kinderzimmer konnte ich fast auf ihren Balkon schauen.

Auch wenn es in der und um die Bekenntnisgemeinde Schlachtensee keine großen Kämpfe gegeben hat, so hat doch diese schwierige Zeit die aktiven Gemeindeglieder zu einer in Kirchenkreisen bis dahin eher unbekannten Selbstverantwortung und Selbständigkeit geführt, die auch nach dem Krieg weiter spürbar war. In der Schlachtenseer Gemeinde entwickelten sich neue aktive Gruppen wie der „Mütterkreis“, der sich vor allem um das benachbarte Flüchtlingslager in Düppel kümmerte, und später eine aktive Junge Gemeinde, die mit zu den ersten gehörte, die sich an Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz und Theresienstadt beteiligte und dabei auch bewusst die Überwindung des „Eisernen Vorhangs“ mit im Blick hatte. Hanna Reichmuth hat bis zu Lebensende 1968 diese Entwicklungen aktiv begleitet.

Der Autor Dirk Jordan (69) war lange Jahre Volksbildungsstadtrat in Kreuzberg und lebt in Schlachtensee. Sie erreichen ihn über seine Homepage oder den Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegel.




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