Neuer CDU-Kreischef in Steglitz-Zehlendorf : Thomas Heilmann gewählt

Der CDU-Kreisverband Steglitz-Zehlendorf ist zerstritten, jetzt soll ihn Justizsenator Thomas Heilmann führen und befrieden. Dem Zehlendorf Blog sagte er: Es wird Zeit brauchen.

Armin Lehmann
Thomas Heilmann ist neuer Kreischef der CDU Steglitz-Zehlendorf. Er wurde mit über 85 Prozent der Stimmen gewählt.
Thomas Heilmann ist neuer Kreischef der CDU Steglitz-Zehlendorf. Er wurde mit über 85 Prozent der Stimmen gewählt.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es ist 20.45 Uhr, als es unruhig wird im Rathaus von Zehlendorf, erster Stock, Bürgersaal. Normalerweise finden hier die Bezirksverordnetenversammlungen des Bezirks Steglitz-Zehlendorf statt, aber heute ist die CDU hierher gekommen, um ihren Kreisparteitag abzuhalten, aber das ist nun wirklich nicht alles. Es geht um so viel mehr, es geht darum, einen völlig zerstrittenen Kreisverband wieder zu versöhnen, es geht um Aufbruch und Zukunft, und es geht um die Wahl von Thomas Heilmann, der für alles das stehen soll.

Und nun steht er also da, vor dem Tagungspräsidium und wartet, denn die Zählkommission ist offensichtlich fertig. Aber dann sagt der Wahlleiter, dass man sich leider verrechnet habe. Es seien nicht wie angenommen 116 Delegierte anwesend, sondern 118, und diese zwei hätten nicht wählen können, weil nicht genügend Stimmzettel ausgegeben worden waren. Das könnte man anfechten. Also, noch ein bisschen warten auf den Aufbruch, alle noch mal an die Urnen.

Um 21.20 ist es dann aber doch geschafft. Zumindest für Thomas Heilmann, er ist gewählt, bei 93 Ja-Stimmen, 16 Nein-Stimmen und neun Enthaltungen. Das sind über 85 Prozent, ein Ergebnis, mit dem Heilmann wird leben müssen. Immerhin ist keine Stimme ungültig, und Thomas Heilmann kann lächelnd und zufrieden die Wahl annehmen.

Michael Braun bittet um Verzeihung

Aber die Verzögerung passte ein bisschen zu diesem Abend und zum Zustand dieser Partei, es läuft vieles nicht so richtig rund für die einst so stolze CDU im Südwesten Berlins. Bei Boulette, Wiener Würstchen, Kartoffelsalat und jede Menge an alkoholischen Getränken diskutierten die Delegierten den Zustand ihrer Kreispartei, und nirgendwo waren in diesen Gesprächen wirklich fröhliche Gesichter zu sehen, nirgendwo war reine Zuversicht zu spüren, die meisten waren skeptisch und konnten es nicht wirklich begreifen, dass ausgerechnet ihre Kreispartei von so vielen Intrigen und persönlichen Auseinandersetzungen erschüttert worden ist, wie es ein Delegierter ausdrückte.

Thomas Heilmann, der Justizsenator, wohnhaft in Dahlem, ist hier nicht der Kandidat, der alle auf sich vereinen kann. Noch nicht. Als der Parteitag beginnt und der zu diesem Zeitpunkt gegen 18.30 Uhr noch amtierende Kreischef und ehemalige Justizsenator Michael Braun kurz die Delegierten bittet, aufzustehen, um die Verstorbenen zu ehren, sitzt ausgerechnet Heilmann ziemlich weit hinten in der Reihe für die Dahlemer Delegierten und dort sitzt er einige Zeit ziemlich allein. Es ist irgendwie ein symbolisches Bild für das Heilmann gar nichts kann, denn zu diesem Ortsverband gehört auch Karl-Georg Wellmann, CDU-Bundestagsabgeordneter, der selbst lange Zeit Kreischef werden wollte und erst zurückzog und für Heilmann plädierte, als er sah, dass er keine Chance haben wird. Waren die Reihen erst wegen Wellmann leer oder aus Protest gegen Heilmann? Jedenfalls mussten einige Delegierte noch schnell per Telefon herbeigeordert werden, was wiederum auch nicht für einen wirklich versöhnenden Parteitag sprach.

Ein Ortsvorsitzender vergiftet die Stimmung

Viele Delegierte fühlen sich vernarbt, sie sagen, dass die Mitglieder Wellmann und Braun samt Heilmann es nie so weit hätten kommen lassen dürfen, so weit, dass Braun und Wellmann, die sich seit ewigen Zeiten kennen und bei der Jungen Union gemeinsam begonnen haben, sich auf der Straße nicht mehr grüßen und auf die andere Seite wechseln, wie es heißt. Braun wollte für den Bundestag kandidieren, damit, so sehen das viele, hat er den Fehdehandschuh geworfen, und das ganze Desaster mit ausgelöst.

Braun redet in seinem Beitrag vor allem über sich, er lobt sich und seine Arbeit, er ist nicht bescheiden, aber er bekommt viel Beifall. Eine Frau sagt: "Er darf das, er kann doch seine Erfolge betonen. Das ist doch nicht verkehrt." Braun sagt: Er habe die Partei geeint und neu ausgerichtet, die nach dem Wahldebakel 2005 danieder lag. Er sagt, er habe die Partei modernisiert und sie im Südwesten bürgernäher gemacht. Und er erinnert daran, dass er das erste schwarz-grüne Bündnis auf Kreisebene geschmiedet habe. Heilmann isst derzeit ein Brötchen und klatscht ab und an. Braun bittet sogar um Verzeihung, am Ende stehen viele auf zum Applaus, aber es bleiben auch viele sitzen. Vor allem die Delegierten aus Wannsee.

Später wird Braun noch eine hübsche Geschichte erzählen, wie er und Heilmann sich gerade kennengelernt haben im Landesvorstand und eines Tages nach einem Parteitag im Auto saßen und bis vier Uhr morgens über Politik diskutiert haben. "Man kann gut mit Thomas Heilmann diskutieren", ruft Braun noch und sagt, dass er ihn jetzt unterstützen werde. Ein bisschen Versöhnung ist also doch zu spüren an diesem Abend, auch wenn das nicht alle ernst nehmen. Der Ortsvorsitzende aus Wannsee, Stefan Schlede, wird in seiner Rede aus privaten Telefonaten mit Heilmann zitieren und ihm Erpressung vorwerfen, Heilmann wiederum kontert das ziemlich diplomatisch, und alle wissen, dass Schlede letztlich nur die Stimmung weiter vergiften wollte. Aber so sieht ganz bestimmt kein Versöhnungsparteitag aus, an dem Heilmann ironisch als "Friedensengel" verunglimpft wird. Aber er kann das ab, er ist harten Kampf gewohnt. Er kommt aus der Wirtschaft.

Donnernder Applaus für Bundespolitik

Thomas Heilmann selbst macht es jedenfalls geschickt. In seiner persönlichen Vorstellung, die er relativ kurz hält, redet er am meisten über den Bundestagswahlkampf und die Grünen, die er als den eigentlichen Gegner bezeichnet. Viele im Kreisverband werfen ihm vor, dass er gerade nicht die Parteiarbeit schätze, dass er die Leute nicht kennt und nur in den großen Linien denke. Ein wichtiger CDU-Mann hat ihn gefragt, woher er denn wissen wolle, wem er vertrauen könne. Und er meinte mit diesem Hinweis, dass Heilmann zu wenig vernetzt sei in der Partei. Aber in seiner Rede schert sich der Justizsenator und ehemalige PR-Mann wenig um diese Kritik, sondern spricht über die Steuererhöhungen der Grünen, die ihn fassungslos gemacht hätten und die die Mittelschicht besonders belasten werden. "Das dürfen wir nicht zulassen", ruft er, als sei er der Frontmann von Angela Merkel. Donnernder Applaus, plötzlich steht da einer, der über die große Politik und die großen Linien redet - und alle finden das gut.

Zum Bezirk, das sagt Heilmann selbst, will er nicht viel sagen. Er habe sich aber schon Gedanken gemacht, und spätestens nach der Bundestagswahl werde er diese Themen auch im Kreisverband vorantreiben wollen: Stadtplanung und Schule nennt er als Themen und sagt: "Auch wenn die Bezirke nicht viel Einfluss haben bei der Schulpolitik, so kann man doch versuchen, selbst kreativ zu sein." Es ist ein Versprechen und eine Forderung zugleich.

Gemeinsames Bier ist schwierig

Am Ende, da ist es schon weit nach 22 Uhr, geht es noch darum, ob es Wellmann schafft, als Stellvertreter gewählt zu werden und ob die Wahl des erweiterten Kreisvorstands nun dem Proporz und dem Wohlwollen der insgesamt elf Ortsverbände entspricht. Heilmann hat versucht, ein Paket zu schnüren zwischen den verfeindeten Lagern Wellmann und Braun. Wellmann bekommt dann 76 Prozent und wird stellvertretender Kreisvorsitzender - gewählt werden auch Cornelia Seibeld, Oliver Friederici und Stephan Standfuß. Michael Braun soll nun weiter im Präsidium stellvertretender Landesvorsitzender bleiben. Heilmann dagegen will seinen Posten als Vize-Landeschef bei der Wahl des Präsidiums am 1. Juni aufgeben. Aber hier im Rathaus Zehlendorf wird auf den Gängen schon wieder gestritten und gegen die jeweils andere Seite gewettert. Eigentlich ist jetzt ein großes Büffet aufgebaut, es gibt Schnittchen und vieles mehr, das Buffet wird auch eröffnet, aber statt einer schönen Feier mit Thomas Heilmann droht die Versammlung sich über weitere Abstimmungen zu zerstreiten. Es ist jetzt das Klein-Klein eines Kreisparteitags. Und Heilmann bleibt nichts anderes übrig als zu sagen: "Das nächste Mal machen wir das besser", er bittet um Entschuldigung. Bier fließt jedenfalls reichlich, aber gemeinsam ein Bier trinken gehen, das taten die einzelnen Lager hinterher jeder für sich. Wenn überhaupt.

Thomas Heilmann jedenfalls weiß nach diesem Abend ganz genau, dass die eigentliche Arbeit noch vor ihm liegt. Heilmann steht um 22.25 Uhr ganz hinten im Saal, die letzten Abstimmungen laufen, immer wieder kommen Delegierte auf ihn zu, um ihm zu gratulieren, ihn um etwas zu bitten oder um Erklärungen zu bekommen. Heilmann bleibt geduldig, höflich und direkt. Das hat Charme, sagen seine Befürworter, seine Gegner sagen, er lächele jetzt alles nieder. Den Zehlendorf Blog macht Heilmann um diese Uhrzeit noch freundlich darauf aufmerksam, dass sein Ergebnis "das beste der letzten 14 Jahre ist". Er ist entspannt, sein Schlusssatz: "Ich freue mich über dieses Ergebnis, aber natürlich weiß ich, dass es einige Zeit brauchen wird, um die Mitglieder im Kreisverband zu versöhnen."

Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




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