Neues Heizkraftwerk für Berlins Südwesten : 170 000 Tonnen Kohlendioxid im Jahr weniger

500 Millionen Euro kostet das neue Gas- und Dampfturbinen-Heizkraftwerk im Berliner Südwesten. 2016 soll die Anlage in Betrieb gehen, unsere Zehlendorf-Reporterin hat sich schon mal umgesehen und sogar schon ein bisschen Nostalgie bei sich entdeckt.

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Aus der Entfernung sieht selbst ein Heizkraftwerk romantisch aus.
Aus der Entfernung sieht selbst ein Heizkraftwerk romantisch aus.Foto: Anett Kirchner

Ohne ausdrückliche Fotoerlaubnis geht für Journalisten auf der Baustelle des Heizkraftwerkes Lichterfelde nichts. Mit Adleraugen beobachten die Verantwortlichen, welche Motive ins Visier genommen werden. Außenaufnahmen sind gestattet. Bevor jedoch der Rundgang über die Baustelle beginnen kann, wird zur Sicherheitseinweisung ins Pförtnerhäuschen am Barnackufer gebeten. Das dauert etwa eine halbe Stunde. Am Computer wird ein Film über mögliche Gefahren gezeigt. Dann folgt ein Test mit vier Fragen. Sind alle Antworten korrekt, bekommt man einen personalisierten Einweisungsnachweis – gültig für ein Jahr.

Auf dem Standort des alten Heizkraftwerkes Lichterfelde am Teltowkanal baut Vattenfall derzeit ein neues Gas-und-Dampfturbinen-Heizkraftwerk. Im Mai dieses Jahres wurde der Grundstein im Beisein des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Klaus Wowereit, gelegt. Der Neubau kostet etwa 500 Millionen Euro. Ende 2016 soll die Anlage in Betrieb gehen. Bis dahin versorgt das alte Heizkraftwerk - errichtet in den 1970er Jahren - rund 100.000 Haushalte im Berliner Südwesten mit Strom und Wärme. Der Neubau erfolgt demzufolge parallel zum laufenden Betrieb.

„Dabei muss das bestehende Heizkraftwerk gut gesichert werden“, erklärt der Projektleiter Stephan Helbig. Um den Überblick zu behalten, sei das Bauvorhaben in mehrere Bauabschnitte und Baufelder eingeteilt worden. Anhand einer Grafik zeigt er, wie das aus der Vogelperspektive aussieht. Auf der Freifläche zwischen den Kühltürmen und dem Barnackufer – Baufeld B – entsteht das eigentliche neue Heizkraftwerk. Westlich der alten Anlage direkt am Teltowkanal befindet sich das Baufeld A. Dort werden bereits seit Sommer 2012 drei neue Heißwassererzeuger und eine Fernwärmepumpstation errichtet, die demnächst, also ab diesem Winter in Betrieb gehen sollen.

Stephan Helbig führt über die Baustelle, vorbei an den kolossalen Kühltürmen. Wer direkt darunter stehen bleibt und einen Blick nach oben wirft, sieht eigentlich nur eine Wand aus Beton; oben links und rechts ein wenig Himmel. Es wirkt erdrückend. In den Türmen wird die Temperatur des Wassers, das aus dem Teltowkanal gepumpt und zur Kühlung der Anlage des Heizkraftwerkes gebraucht wird, wieder gesenkt. „Das Wasser kommt mit etwa 35 Grad Celsius aus dem Heizkraftwerk“, erklärt Helbig. Bevor es in den Teltowkanal zurückgeführt werden könne, dürfe die Temperatur nicht mehr als 28 Grad Celsius betragen.

Ein Kühlturm wird abgerissen

Zwei der drei Kühltürme werden für die neue Anlage künftig weiter genutzt. Der dritte wird abgerissen. Was momentan nicht zu sehen ist: Das Innere der etwa 50 Meter hohen Kolosse bekommt eine Generalüberholung; unter anderem werden die Ventilatoren instand gesetzt. Die äußere Hülle der Kühltürme ist bereits saniert.

Auf der Baustelle in Lichterfelde sind derzeit pro Woche etwa 200 Arbeiter von 20 verschiedenen Baufirmen aus dem In- und Ausland beschäftigt, erzählt der Projektleiter. Entsprechend betriebsam ist die Atmosphäre auf dem Gelände: Schwerlastkräne heben große Lasten, Baukräne transportieren Betonteile, Bagger heben Baugruben aus, Baufahrzeuge bringen Materialien und Baugerüste werden aufgestellt. Wer das Gelände betritt, muss wenigstens  Bauhelm, Schutzbrille, Sicherheitsschuhe und Leuchtweste tragen. Das gilt auch für Journalisten.

Das Heizkraftwerk Lichterfelde
Projektleiter bei Vattenfall, Stephan Helbig (links) und Olaf Weidner vom Bereich Kommunikation Berlin bei VattenfallWeitere Bilder anzeigen
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29.09.2014 11:47Projektleiter bei Vattenfall, Stephan Helbig (links) und Olaf Weidner vom Bereich Kommunikation Berlin bei Vattenfall.  

Das Kesselhaus mit den Heißwassererzeugern, das Gebäude mit den Schaltanlagen und die Fernwärme-Koppelstation sind fast fertig gestellt. Ein Blick hinein ist erlaubt, Fotos nur von außen. Weiter geht es zum Herzstück der neuen Anlage im Baufeld B. Hier entstehen unter anderem das Maschinen- und das Kesselhaus. Bislang ist allerdings wenig zu sehen, denn derzeit sind vor allem Tiefbaufirmen mit den Fundamenten beschäftigt.

Das neue Heizkraftwerk soll künftig circa 230 Megawatt Fernwärme und 300 Megawatt Strom erzeugen. Dabei wird die sogenannte Gas-und-Dampfturbinen-Technik (GuD) genutzt. Mit der umweltfreundlichen Anlage können laut Vattenfall, im Vergleich zum bestehenden Kraftwerk, jährlich bis zu 170.000 Tonnen Kohlendioxid eingespart werden. Ferner sei die GuD effizienter. „Bisher erreichen wir einen elektrischen Wirkungsgrad von etwa 37 Prozent, mit dem neuen Heizkraftwerk wird er bei rund 54 Prozent liegen“, schildert Helbig. Zudem könne die Anlage auf die Einspeisung aus Wind- und Sonnenstrom reagieren und somit die Integration erneuerbarer Energien ermöglichen.

Neben den beiden Kühltürmen werden auch andere der bereits bestehenden Einrichtungen wie Erdgasanschluss, Schaltanlagen und Verwaltungsgebäude übernommen und weiter genutzt. Nach und nach sollen sie rückgebaut werden.

Anett Kirchner ist freie Journalistin und bloggt seit Januar 2014 auch für den Zehlendorf Blog des Tagesspiegels
Anett Kirchner ist freie Journalistin und bloggt seit Januar 2014 auch für den Zehlendorf Blog des Tagesspiegels, außerdem...Foto: privat

Damit verschwinden dann auch die drei markanten Schornsteine aus dem Stadtbild des Berliner Südwestens. Ein bisschen Nostalgie kommt auf. Denn egal aus welcher Himmelsrichtung, die etwa 160 Meter hohen Schlote sind überall schon von weitem zu sehen. Für manche gelten die Schornsteine in Lichterfelde als eine Art Wahrzeichen, anderen helfen sie zur Orientierung. Wer glaubt, sie künftig zu vermissen, hat bis Ende 2016 noch Gelegenheit, sie für das Familienalbum festzuhalten. Ein schönes Motiv gibt es vom gegenüberliegenden Ufer des Teltowkanals. Von hier ist das Fotografieren ausdrücklich erlaubt.

Die Autorin Anett Kirchner ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt seit Januar 2014 als lokale Reporterin regelmäßig für den Zehlendorf-Blog des Tagesspiegels.

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