NS-Serie über Stille Helden sogar in Australien gelesen : Zehlendorf Blog des Tagesspiegel schreibt Geschichte

Unser Autor hat für seine Serie "Stille Helden" viele Bücher gelesen und Archive durchstöbert, aber erst die Veröffentlichung im Internet brachte ihn wirklich weiter - er bekam sogar Antworten aus dem fernen Australien.

Dirk Jordan
Elfriede Hengstenberg mit ihren Schülern. Foto: Von Eltern im Unterricht, privat, www.arbor-verlag.de
Elfriede Hengstenberg mit ihren Schülern.Foto: Von Eltern im Unterricht, privat, www.arbor-verlag.de

Durch meine Recherchen zu den Stillen Helden - Menschen, die in Zehlendorf Verfolgten im Nationalsozialismus geholfen haben - habe ich überraschende Vorteile des Internets erlebt und der Zehlendorf Blog des Tagesspiegels war der Katalysator dabei. Natürlich wusste ich, dass das Internet ein "world wide web" (www) ist und man dort vieles finden kann. Aber wie hilfreich es sein kann, habe ich erst bei der Arbeit erlebt.

Bei Beginn meiner Arbeit habe ich mich auf Bücher wie das von Hans-Rainer Sandvoß über den Widerstand in Steglitz und Zehlendorf gestützt, ein Besuch in der Gedenkstätte der Stillen Helden in der Rosenthaler Straße vermittelte einige weitere Informationen, durch die Unterlagen im Landesarchiv konnte ich z.B. für die Schwestern Kaulitz deren mutiges Verhalten nachvollziehen. Über ihr Leben konnte ich aber erst berichten, als ich Personen fand, die die Schwestern Kaulitz noch kennen gelernt hatten.

Dieses Glück ist aber selten. Vielfach können aus den auffindbaren Unterlagen das Leben der Stillen Helden nicht rekonstruiert und Nachfahren nicht gefunden werden. Nach gut einem Jahr Arbeit weiß ich, dass allein für Zehlendorf mehr als fünfzig Geschichten von mehr oder minder unbekannten Frauen zu erzählen wären, die mit ihrem Mut und ihrer Bescheidenheit, ihrer Aufrichtigkeit und inneren Ruhe dazu beigetragen haben, dass Verfolgte die Nazi-Diktatur überlebt haben.

Stille Helden Tei 2: Elfriede Hengstenberg
Den aufrechten Gang üben. Foto: Hengstenberg-Archiv, www.arbor-verlag.deWeitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Hengstenberg-Archiv, www.arbor-verlag.de
19.06.2013 14:07Den aufrechten Gang üben.

Für sie Nachfahren zu finden, wird ohne Suche im Internet nicht mehr möglich sein. Ohne das Internet wird es aber auch nicht möglich sein, mehr Menschen, insbesondere unter den Jugendlichen, mit einem Thema wie dem der Stillen Helden vertraut zu machen. Was heute nicht auch im Internet ist, ist nicht.

Kaffeerunde im Wohnzimmer. Pflegetochter Anna Wanda, Margarethe und Gertrud Kaulitz (v.l.n.r.) Foto: Renate Breckenridge
Kaffeerunde im Wohnzimmer. Pflegetochter Anna Wanda, Margarethe und Gertrud Kaulitz (v.l.n.r.)Foto: Renate Breckenridge

Mit Artikeln im Jahresband des Zehlendorfer Heimatvereins wird es also nicht mehr getan sein, nicht nur wegen der großen Anzahl von zu ehrenden Frauen, sondern auch wegen des notwendig sehrt begrenzten Leserkreises. Gedruckte Auflage mal zwei o. ä., weiter schafft es kein Buch, kein gedrucktes Erzeugnis, das sind die strukturellen Grenzen der Erfindung Gutenbergs. Das Internet kennt solche Grenzen nicht.

Für mich kam daher der Zehlendorf Blog des Tagespiegels gerade zur rechten Zeit. Nach einem Vortrag in Schlachtensee über die Schwestern Kaulitz hatten sich zwei ehemalige Klavierschülerinnen von Gertrud Kaulitz gemeldet, die heute noch in der Gegend wohnen, aber erst durch die Veröffentlichung im Zehlendorf Blog ist die Geschichte auch außerhalb des Bezirks bekannt geworden.

Trude und Fritz Wisten im Jahr 1959. Foto: Susanne Weyl
Fritz und Trude Wisten lebten vor der NS-Zeit mit ihren beiden Töchtern in Stuttgart, dann gingen sie nach Berlin und überlebten...Foto: Susanne Weyl

So hat ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung die Enkelin eine der "Untergetauchten", die Gertrud Kaulitz mehrfach beherbergt hatte, bei einer Internetrecherche nach dem Namen ihrer Großmutter Lucie Nachmann von dem Beitrag im Zehlendorf Blog gelesen und Details von der Rettung ihrer Großmutter erfahren. Die Großmutter hatte nie Genaueres über ihre Zeit im Untergrund erzählt.

Auf den zweiten Artikel im Zehlendorf Blog über Elfriede Hengstenberg meldeten sich drei ehemalige Schüler, u. a. einer aus Stuttgart und einer aus der Lüneburger Heide.

Aber der größte Erfolg war einer kleinen Suchmeldung für Lucie Strewe, einer weiteren Stillen Heldin, beschieden. Drei Monate nachdem sie im Zehlendorf Blog erschienen war, erreichte mich folgende Mail aus Australien:

“Hi there Dirk, Not sure if you are still looking for information on my grandmother. If you do, we all know a little bit. Most of us live in Australia or New Zealand as my father Odo Strewe, an antifascist who had to leave Germanyabout 1937. He had already been imprisoned briefly in Prinz Albrecht Strasse by the Gestapo. His father managed to talk them into letting him go and he fled...

Kind regards

I. S."

Nach dieser Mail konnte ich eine Enkelin von Lucie Strewe finden, die in Augsburg lebt, und habe von ihr viele Informationen und Materialien über Lucie Strewe erhalten, so dass ich den Artikel fertig stellen konnte, der im Frühjahr auch im Zehlendorf Blog erscheinen wird. Dem Internet sei Dank – trotz NSA...

Der Autor Dirk Jordan (69) war lange Jahre Volksbildungsstadtrat in Kreuzberg und lebt in Schlachtensee. Sie erreichen ihn über seine Homepage oder den Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




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