Portrait Ehrenamtskoordinatorin des Ökumenischen Willkommen Wannsee : Neue Knoten knüpfen

Die Ehrenamtskoordinatorin des Ökumenischen Willkommen Wannsee ist eine bislang einzigartige Schnittstelle innerhalb der Berliner Willkommensinitiativen. Seit 100 Tagen ist Saskia Helbig nun im Amt, Zeit für eine erste Bilanz.

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Saskia Helbig vor dem Gemeindehaus der Evangelischen Gemeinde am Schuchardtweg
Saskia Helbig vor dem Gemeindehaus der Evangelischen Gemeinde am SchuchardtwegFoto: Maike Raack

"Ich kann viele in ihrem Engagement unterstützen“, sagt Saskia Helbig. Die 38Jährige, zierlich, kurze dunkle Haare, wirkt auf den ersten Blick eher zurückhaltend. Und doch ist ihre Aufgabe zentral für das Ökumenische Willkommen Wannsee (ÖWW): Seit April koordiniert sie hauptamtlich die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe des ÖWW.

Ortstermin in Wannsee. Bei einem Treffen mit ehrenamtlichen Koordinatoren und anderen Helfern der Arbeitsgruppen Sprache und Bildung und Sport geht es darum, dass viele Flüchtlinge nicht zuverlässig zu Kursen oder Ausflügen erscheinen, obwohl sie kurz vorher noch hätten teilnehmen wollen. Saskia Helbig hört erst einmal zu, sie nickt ab und zu, macht sich Notizen, ist sehr zugewandt. Man dürfe die Menschen nicht überfordern, "wir müssen mehr Verständnis für ihre Situation haben", ist man sich schließlich einig. Saskia Helbig erklärt den Helfern: „Ich bin gerade dabei, die Kommunikation mit der Heimleitung des CJD (Christliches Jugenddorfwerk Deutschlands, Anmerkung der Red.) zu verbessern. Es würde generell sehr helfen, wenn wir das CJD mehr einbinden." Außerdem sei die Gefahr immer groß, dass keiner der Helfer vom anderen wisse, wer was mache. "Deshalb ist eine professionelle Koordination so wichtig," sagt einer der Helfer.

Zuerst einmal zuhören: Saskia Helbig bei einem Treffen mit Flüchtlingshelfern in Wannsee
Zuerst einmal zuhören: Saskia Helbig bei einem Treffen mit Flüchtlingshelfern in WannseeFoto: Raack

Helbig nickt zustimmend. Die studierte Erziehungswissenschaftlerin ist in Zehlendorf aufgewachsen und hat sich auf den Schwerpunkt Erwachsenenbildung und Mediation spezialisiert. Anderthalb Jahre hat sie für das Forum ziviler Friedensdienst in Bonn gearbeitet, danach unter anderem im Projekt "Über Lebenskunst" der Bundeskulturstiftung. Dann wurde sie Mutter und in ihrer Elternzeit kam die Flüchtlingsthematik auf. „Ich wollte mich sinnvoll einbringen, auch über ein Ehrenamt hinaus. Und da kam mir die Ausschreibung des ÖWW sehr gelegen.“ Ihre ehrenamtliche Vorgängerin habe ihre Aufgabe sehr professionell gemacht, aber irgendwann waren 20 Stunden Ehrenamt neben Vollzeittätigkeit und Familienleben zu viel.

Auch wenn sie vorher "hauptsächlich im Weiterbildungsbereich gearbeitet hat", ist die Arbeit für Flüchtlinge und mit Ehrenamtlichen so neu auch nicht für sie, sagt Helbig. Das "Netzwerken“ und die Fäden zusammen zu halten sei in beiden Bereichen entscheidend. Und so ist ihr Arbeitsalltag von Anfang an geprägt von der Notwendigkeit, Leute kennen zu lernen, zu wissen, wer wo aktiv ist. "Das meiste habe ich im Gespräch mit den Ehrenamtlichen selbst gelernt. Noch heute greife ich in jedem Gespräch wichtige Informationen ab." Denn die Arbeitsstrukturen seien sehr komplex durch die Ökumene aus evangelischer, katholischer und Baptistengemeinde; aber gerade diese Vielseitigkeit mache ihren Arbeitsalltag auch sehr reizvoll. „Ich hatte vorher keine Ahnung, was die Baptistengemeinde so macht.“

Was kann man in der Flüchtlingshilfe verbessern? Eine Besprechung im Gemeindehaus am Schuchardtweg - im Hintergrund Saskia Helbigs Arbeitsplatz und ihr Laptop
Was kann man in der Flüchtlingshilfe verbessern? Eine Besprechung im Gemeindehaus am Schuchardtweg - im Hintergrund Saskia Helbigs...Foto: Raack

Ist denn ihre Stelle bei 120 aktiven Ehrenamtlichen auf 300 Flüchtlinge mit 20 Stunden ausreichend kalkuliert? „Das ist ein Job, bei dem man nicht auf die Uhr sehen kann", sagt Saskia Helbig. Aber sie sei relativ mobil mit ihrem Laptop, arbeite auch mal von zuhause aus, um mehr Ruhe zu haben. Denn ihr Arbeitsplatz im Gemeindehaus der Evangelischen Gemeinde am Schuchardtweg, an einem der runden Tische in einem Gruppenraum, ist oft ziemlich trubelig. "Der Kindergarten ist schon manchmal sehr laut und dann finden dort direkt nebenan Musikkurse statt. Aber es bringt mir auch viel, vor Ort zu sein, mal bei den Flüchtlingshelfern im Bettenhaus der ehemaligen Lungenklinik am Heckeshorn vorbeizugehen, ein paar Worte bei der Kinderbetreuung oder in der Kleiderkammer zu wechseln."  

Und so checke sie oft gerade abends nochmal ihre Emails, wie überhaupt ihre Arbeitszeit "eigentlich eher antizyklisch" funktioniert: Nachmittags, abends und am Wochenende nehmen die Anfragen zu, "weil dann die berufstätigen Helfer Zeit haben", sagt Helbig. So finden auch Sitzungen meistens abends statt.

Das Engagement hat nicht nachgelassen

Obwohl nun viel weniger Flüchtlinge nach Berlin und nach Wannsee kommen als noch vor einem halben Jahr, sei das Engagement der Helfer gleich geblieben. „Manche ziehen sich zurück, aber es kommen auch viele nach. Es melden sich vermehrt auch junge Helfer, etwa einer pro Woche."

Auch wenn ihre Tätigkeit nicht unmittelbar Flüchtlingsarbeit ist, könne sie vieles möglich machen und sowohl für die Helfer als auch für die Heimleiterinnen immer ansprechbar sein. Hin und wieder gibt es Missverständnisse, die geklärt werden müssen. Gerade im Bereich der Kinderbetreuung sind klare Absprachen sehr wichtig. "Auf Englisch würde man sagen, ich bin ein „Facilitator“ für die Ehrenamtlichen, also eine, die darauf achtet, dass Öl im Getriebe ist.“ In der Praxis verbringe sie viel Zeit mit dem Schreiben und Beantworten von Emails oder suche die passenden Leute; zuletzt eine Übersetzerin für Kurdisch, weil sich eine Hebamme nicht mit einer Schwangeren verständigen konnte. "Das ist oft zeitintensiver, als man denkt", sagt Helbig. "Aber es ist immer ein kleines Erfolgserlebnis, wenn man einen neuen Knoten knüpfen konnte." Schließlich fand sich eine Übersetzerin über den Kontakt zu einer jungen Mutter, die sich künftig für die Eltern-Kind-Arbeit in der Flüchtlingsunterkunft engagieren möchte.

"Verbessern kann man immer was"

Etwa alle sechs Wochen laden Saskia Helbig und der ÖWW-Sprecher Helmut Krech zu einer Steuerungsrunde ein, in der sich die fünf Koordinatoren der Arbeitsgruppen Sport, Freizeit und Kinder, Bildung, Begleitung im Alltag, Freitagstreffen und Kleiderkammer mit den Vertretern der drei Wannseer Gemeinden zum Austausch treffen.

Ob sie bislang das Gefühl hatte, etwas bewirken zu können? „Ich denke schon, dass ich eine wichtige Unterstützung bin“, sagt Saskia Helbig bescheiden. „Es ist auf jeden Fall sehr bereichernd, gemeinsam Widrigkeiten zu trotzen. Und es macht viel Spaß, in Kontakt mit den Menschen zu kommen." Auch wenn man immer etwas verbessern könne - nach drei Monaten ist nun vieles eingespielt. Eines der nächsten Projekte, das Helbig angehen möchte, ist, einen jour fixe anzusetzen. Und sie freut sich, dass dank ihres Einsatzes die Deutsche Klassenlotterie dem ÖWW 1600 Euro gestiftet hat. Damit können sie nun einen Beamer für den Deutschunterricht anschaffen und den schulpflichtigen Kindern ein Freizeitprogramm für die Sommerferien anbieten.

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