Psychisch kranke Kinder in Zehlendorf : "Die Eltern schämen sich"

Viele bürgerliche Eltern suchen erst spät Hilfe, wenn sich ihr Kind auffällig verhält. Ein Grund: Sie haben einen zu hohen Leistungsanspruch. Hier erzählt Hannelore Grauel-von Strünck über die Arbeit des Psychosozialen Dienst im Jugendamt.

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Hannelore Grauel-von Strünck, Fachreferentin des Psychosozialen Dienstes im Jugendamt, wünscht sich, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht grundsätzlich als unfähig abgestempelt werden
Hannelore Grauel-von Strünck, Fachreferentin des Psychosozialen Dienstes im Jugendamt, wünscht sich, dass Menschen mit psychischen...Foto: Anett Kirchner

Wenn Familien in psychosoziale Not geraten, Eltern ihre Kinder nicht mehr erreichen und verzweifeln, ist Hannelore Grauel-von Strünck eine kompetente Ansprechpartnerin. Sie hat die Entwicklung in den letzten Jahren in Steglitz-Zehlendorf verfolgt; insbesondere jenes Phänomen, dass Eltern mit psychisch kranken Kindern oft viel zu spät, dafür umso länger die Hilfe des Jugendamtes in Anspruch nehmen (wir berichteten). Grauel-von Strünck ist seit zwölf Jahren Fachreferentin des Psychosozialen Dienstes im Jugendamt und leitet das bezirkliche Erziehungs- und Familienberatungszentrum. Sie kommt ursprünglich aus Mülheim an der Ruhr in Nordrhein-Westfalen, hat an der Freien Universität Berlin (FU) Psychologie studiert und arbeitete zuvor als Kindergärtnerin, Hortnerin und Vorschulpädagogin. Zum 1. Dezember geht die 65-Jährige nun in den Ruhestand. Im Interview mit dem Tagesspiegel-Zehlendorf erzählt sie von ihren Erfahrungen mit Familien im Bezirk.   

Wenn Eltern mit ihren Kindern nicht mehr weiter wissen, wohin können sie sich wenden?

Manchmal klopft spontan jemand an meine Tür. Wie erst kürzlich eine völlig aufgelöste Mutter in einer akuten Krise. Sie hatte im Schaukasten vor unserem Beratungszentrum gelesen, dass sie sich hier melden kann. Ich habe zunächst versucht, sie zu beruhigen. Wichtig ist eine erste Notfall-Versorgung; dass die Menschen ihre Gedanken sortieren, damit sie ihre täglichen Dinge wieder bewältigen können. Unser Angebot ist absolut niederschwellig und unterliegt der Schweigepflicht, wie bei einem Arzt. Jeder kann kommen und fragen, beispielsweise wenn das Kind nicht mehr in die Kita will oder Eltern mit ihrer pubertierenden Tochter im Konflikt sind. Manche wählen allerdings den Gang zum Arzt, um herauszufinden, was ihrem Kind fehlt. Das ist auch ein guter und völlig richtiger Weg.

Wie geht es dann in der Regel weiter?

Der Arzt, ein Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeut oder ein psychologischer Psychotherapeut muss zunächst eine Diagnose stellen. Auf dieser Grundlage entscheidet dann der Sozialarbeiter im Jugendamt, ob das Kind nach einer Maßnahme des Sozialgesetzbuches (SGB) VIII eine Hilfe zur Erziehung (HzE) bekommt, die vom Jugendamt finanziert wird. Wenn sich der Sozialarbeiter jedoch für eine reine Heilbehandlung nach dem SGB V entscheidet, übernehmen das die Krankenkassen. Eine der HzE ist zum Beispiel die Erziehungs- und Familienberatung, die wir hier in unserem Haus anbieten.

Was kann ich mir darunter konkret vorstellen?

Der Erziehungsberater entwickelt in Gesprächen mit der Familie mögliche neue Ideen für den familiären Alltag, die schrittweise umgesetzt werden; unbürokratisch, ohne Antragsverfahren und kostenfrei. Außerdem hilft er - wenn notwendig - bei der Vermittlung zu Krankenhäusern oder Ämtern. Es gibt aber auch präventive Angebote, die wir empfehlen können, so genannte Frühe Hilfen wie etwa Eltern-Cafés, Sportgruppen oder Entwicklungs-Begleitung bei Kleinkindern. Wir arbeiten dabei eng mit den freien Trägern in Steglitz-Zehlendorf zusammen.

Wenn sich ein Kind auffällig verhält, versuchen die Eltern zunächst darüber hinweg zu sehen. Das ist die langjährige Berufserfahrung von Hannelore Grauel-von Strünck.
Wenn sich ein Kind auffällig verhält, versuchen die Eltern zunächst darüber hinweg zu sehen. Das ist die langjährige...Foto: Imago

Was glauben Sie, warum viele Eltern hier im Bezirk sehr spät, wenn das Kind buchstäblich in den Brunnen gefallen ist, bei Ihnen um Hilfe bitten?  

Ganz einfach: Sie schämen sich. Wenn sich ein Kind den Arm bricht, gehen die Eltern ganz selbstverständlich zum Arzt, ohne Hemmschwelle. Wenn sich ein Kind auffällig verhält, versuchen die Eltern zunächst darüber hinweg zu sehen. Denn ein Mensch der sich in einem psychischen Notstand befindet, verhält sich nach Ansicht vieler komisch oder anders als normal. Das finden viele befremdlich und können damit nicht umgehen. Hier im gutbürgerlichen Zehlendorf kommt hinzu, dass Eltern meist einen hohen Leistungsanspruch an sich selbst haben. Sie wollen immer gut sein. Das gilt selbstverständlich auch für die Familie.

Wie erklären Sie sich diese Hemmschwelle?

Ich denke, die Ursache liegt in der Industrialisierung. Die Menschen sind nur dann vollständig einsetzbar, wenn sie funktionieren. Andernfalls werden sie für die Gesellschaft eine Last. Die Urvölker haben das einst anders gemacht. Sie scharrten sich regelrecht um den Kranken, kümmerten sich, bis er gesund wurde. Seinerzeit funktionierten die Menschen nur in einer Gruppe. Heute muss das die Familie oft alleine auffangen. Deshalb ist es doch gut, dass es ein Jugendamt, soziale oder freie Träger der Jugendhilfe gibt.

Doch viele meiden den Gang zum Jugendamt, aus Angst, dass ihnen ihr Kind weggenommen wird. Was empfehlen Sie solchen ängstlichen Eltern?

Ich bitte sie, frühzeitig zu uns zu kommen. Je eher, desto besser. Denn es gibt eine ganze Palette von möglichen Hilfen, Angebote, die die meisten Eltern gar nicht kennen. Dieses Gespenst Jugendamt geht nur deshalb um, weil die Eltern entweder zu wenig Bescheid wissen oder weil sie tatsächlich viel zu spät Hilfe suchen. Natürlich steht das Kindeswohl an erster Stelle. Und wenn das gefährdet ist, müssen die Sozialarbeiter eine Entscheidung treffen, sonst machen sie sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. Aber bis dahin ist es ein weiter Weg. Wenn die Eltern früh um Hilfe bitten, brauchen sie keine Angst haben, dann finden wir hier eine für alle Seiten tragbare Lösung.

Fällt Ihnen da ein Beispiel ein?

Ich erinnere mich an Paula. Sie war 14 Jahre alt und litt an massiven Tobsuchtsanfällen. Das brachte die Eltern an den Rand ihrer Möglichkeiten. Paula musste in einer Klinik behandelt werden. Danach haben wir hier versucht, eine geeignete Hilfe für die Jugendliche zu finden. Sie sagte aber zu allem: „Nein!“ Nun halte ich nichts davon, etwas anzubieten, das eine Seite - egal ob Eltern oder Kind - nicht will. Dann bringt es nichts und kostet unnötig Geld. Für Paula konnten wir schließlich doch noch etwas finden, womit alle einverstanden waren: einen Auslandsaufenthalt. Sie kam mit neuen Erfahrungen zurück, hatte eine Fremdsprache gelernt, machte ihren Schulabschluss nach und ging ihren Weg. Ein Erfolg. Aber - das möchte ich betonen - eine solche, vergleichsweise teure Hilfe ist ein Einzelfall. Ich möchte damit jedoch deutlich machen, dass wir ernsthaft darum ringen, individuell für jeden eine Lösung zu finden.

 

Wie ist Ihre persönliche Herangehensweise, wenn Eltern und Kinder bei Ihnen Hilfe suchen? 

Ich sage immer: „Das eine tun, das andere nicht lassen.“ Dieser Satz hat mich durch mein ganzes berufliches Leben begleitet. Was ich damit meine? Dass einseitige, starre Regeln nicht weiterhelfen. Wenn der Vater zum Beispiel mit dem Sohn Spiele am Computer spielen möchte: okay. Wenn die Mutter der Meinung ist, der Sohn sollte mehr Bücher lesen: auch okay. Beides geht zusammen und ist gesünder, als wenn man sich stupide nur auf eine Sache fixiert. Eine Entweder-oder-Regelung finde ich falsch.

Und wie sehen Sie die Zukunft der Erziehungs- und Familienberatung in Steglitz-Zehlendorf?

Ich bin optimistisch. Grundsätzlich. Ich habe das Gefühl, dass sich die Menschen hier langsam öffnen, mehr über psychische Erkrankungen sprechen und sich dafür nicht mehr all zu sehr schämen. Wenn wir es schaffen, diese Etikettierung weg zu bekommen, also dass Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht grundsätzlich als unfähig abgestempelt werden, sind wir auf dem richtigen Weg.

Das Interview führte Anett Kirchner. Sie ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt als lokale Reporterin regelmäßig für den Tagesspiegel Zehlendorf. Folgen Sie Anett Kirchner auf Twitter und auch der Redaktion Zehlendorf .

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