#regrettingmotherhood: Brief an die Großmutter : Vier Söhne, ganz allein - Oma, wie hast du das gemacht?

In der Debatte um das Thema "bereuende Mütter", über das Tagesspiegel-Zehlendorf mehrfach berichtete, stellt sich unsere Autorin die Frage: Was hätte ihre Oma dazu gesagt? Waren unsere Großeltern vielleicht die besseren Eltern? Trotz erschwerter Bedingungen?

Hilda Knolle
Vier Generationen vereint - wohl so manche moderne Mutter fragt sich: Wie haben unsere Großeltern unter erschwerten äußeren Bedingungen die "Familie zusammengehalten"?
Vier Generationen vereint - wohl so manche moderne Mutter fragt sich: Wie haben unsere Großeltern unter erschwerten äußeren...Foto: dpa

Liebe Oma,

nun bist Du schon seit mehr als zwanzig Jahren tot, aber noch immer habe ich Deine Stimme im Ohr, wenn Du mich „mein Liebes“ nanntest oder mir „Guten Abend, gute Nacht“ vorgesungen hast. Ich sehe Dich vor mir auf Fotos, im Kreise Deiner vier Söhne, stolz lächelnd, die Arme um alle viere gelegt. Auf diesen Fotos siehst Du glücklich und entspannt aus. Gut, Du warst fast zehn Jahre jünger als ich, als Du Dein erstes Kind bekommen hast. Vielleicht sieht man da so manches gelassener. Und sieht einfach auch zehn Jahre frischer aus.

Mich hat in letzter Zeit die Diskussion über die "bereuenden Mütter" sehr beschäftigt. Viele Mütter haben sich zu dem bislang tabuisierten Thema geäußert - und sich trotz so mancher Freiheitsbeschränkung zu ihren Kindern bekannt. So geht es auch mir. Mit zwei kleinen Kindern stehen die eigenen Wünsche weit hinten, oft ist man Tag und Nacht vor Kraft raubende Situationen gestellt. Aber niemals würde ich meine Entscheidung für Familie in Frage stellen. Nun habe ich ja "nur" zwei Kinder, aber trotzdem gibt es viele Situationen in denen ich ratlos, ja, hilflos bin und dann frage ich mich, wie Du das alles gemacht hast.

Zwei Faktoren müssen es Dir wirklich schwer gemacht haben: Die beiden mittleren Söhne kamen im Abstand von nur elf Monaten! Und die Kinderjahre aller vier fielen genau auf den Krieg und die Zeit danach. Opa war also über längere Zeit nicht da. Und all die Entbehrungen, Bedrohungen und Ängste kann man sich heute nur sehr schwer vorstellen.

Klar, Du hattest eine Haushaltshilfe, wie man das damals wohl häufig hatte, und wie das Deine Schwiegertöchter immer etwas maliziös ins Feld führen, wenn es um die Frage geht, wie viel Arbeit und wie wenig Zeit Du wohl mit vier kleinen Kindern hattest.   

Aber vier Jungs, das bedeutet nicht nur vier Schwangerschaften, Geburten und das Monate lange Stillen. Viermal Trotzphase, davon dreimal fast gleichzeitig. Viermal Pubertät. Und in den Anfangsjahren immer wieder Schlafentzug. Was hilft da eine Haushaltshilfe?

A propos Schlaf: Wie hast Du das gemacht mit vier Kleinen? Hast Du Dich etwa auch ab und zu mit Opa, wenn er dann mal da war, nachts an den Bettchen abgewechselt? Danach sieht Opa auf den alten Aufnahmen eigentlich nicht aus. Eher ein bisschen streng - und gut ausgeschlafen.

Oder habt Ihr sie einfach im Chor oder im Kanon schreien lassen? Dabei seid Ihr wohl kaum nach dem unter verzweifelten Eltern als Geheimtipp gehandelten (aber auch sehr umstrittenen) Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ vorgegangen. Wart Ihr einfach durch das mutmaßliche Dauergeheule abgehärtet?

Und morgens geht es doch beim Frühstück weiter, wenn Deine Urenkelinnen wieder nicht essen - und sich dann auch nicht anziehen lassen wollen. Oder dann doch wieder die mühevoll übergestreifte Strumpfhose wegschleudern, bei Schnee die Sandalen anziehen möchten, die Zöpfchen einfach nicht richtig sitzen wollen.

„Was auf den Tisch kommt, wird gegessen“, klingt da Deine Stimme von Ferne an mein Ohr. Ihr wart schon viel strenger als wir heute. Habt Ihr früher denn nur gebrüllt? Großzügig Klapse verteilt? Half das etwa wirklich besser gegen Appetitlosigkeit, als wenn ich antiautoritär und inkonsequent doch wieder extra Kinderessen koche.

Oder haben die Kinder einfach das Wenige, das es gab, gern gegessen?

Vielleicht wirkst Du auf den Fotos aber auch so entspannt, weil Du dann nicht mal eben doch noch einen Teller Nudeln gekocht oder einen Joghurt aufgemacht hast. Damit die Kinder irgendwas essen. Sondern die harte Linie gefahren hast. Fahren musstest, weil es eben keine Hippgläschen, Fläschchenwärmer, patentierten Beruhigungssauger, elektrische dudelnde Wippen usw. gab. Auf Euer Verhalten war wenigstens Verlass. Kinder brauchen schließlich Konsequenz, sagt auch die Kindergärtnerin. 

Während die meisten von uns heute einfach ein Gläschen nach dem anderen öffnen, einfach alles fertig und passgerecht kaufen können, musstet Ihr alles selber machen. Das war Eure „Selbstverwirklichung“ - und darauf warst Du stolz. Deshalb hättest Du mir gegenüber, wie auch schon gegenüber Deinen Schwiegertöchtern, bestimmt vieles „besser“ gewusst. Und all den öffentlich jammernden oder gar „bereuenden Müttern“ würdest Du wohl verächtlich „So’n Quatsch“ entgegen schnauben. „Was wollt Ihr denn? Nur noch Mamayoga machen und Euch danach in Internetforen darüber austauschen?“

Ich bewundere, wie Ihr Mütter das damals gemacht habt. So patent alles in der Rückschau aus Erzählungen und von Fotos erscheint: Ich beneide Dich nicht um die mangelnden Wahlmöglichkeiten und fehlenden Freiheiten für Frauen damals.

Vieles ist doch heute im Vergleich zu Euch damals einfacher, praktischer. Und wir haben heute ja doch auch Alternativen zur absoluten Mutterschaft.

Die Frage ist: Wissen wir das überhaupt zu schätzen?

Und bestimmt hattest auch Du - vielleicht als Du erfahren hast, dass Du elf Monate nach der letzten Entbindung das dritte Kind bekommen würdest - auch Deine Momente der Hilflosigkeit. Das hätte ich Dich wirklich gerne mal gefragt.

Die Autorin lebt in Zehlendorf. Der Text erscheint auf Tagesspiegel-Zehlendorf, dem lokalen Online-Portal aus dem Berliner Südwesten.

 




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