Schriftstellerin Nicki Pawlow über die Krumme Lanke : Wenn Wasser ein Gedächtnis hätte

826 Schritte sind es für unsere Autorin Nicki Pawlow bis ans Ufer der Krummen Lanke. Für den Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf hat sie aufgeschrieben, was sie mit "ihrem" See über die Jahre und Jahreszeiten verbindet. Eine Liebeserklärung.

Nicki Pawlow
Ob sich der See erinnert? fragt sich unsere Autorin. Etwa an die vielen älteren Anwohner, die am liebsten frühmorgens zum Schwimmen ans Wasser gehen
Ob sich der See erinnert? fragt sich unsere Autorin. Etwa an die vielen älteren Anwohner, die am liebsten frühmorgens zum...Foto: dpa

Wenn Wasser ein Gedächtnis hätte, woran würde sich die Krumme Lanke erinnern? Vielleicht auch an mich, wie ich Sommer für Sommer im See schwamm und am Ufer in der Sonne lag? Und an meine drei Kinder, die hier, kaum konnten sie laufen, mit Schwimmflügeln im Wasser plantschten? Inzwischen sind die Söhne groß und gehen ohne mich mit ihresgleichen an die Krumme, wie wir unseren Lieblingssee gern liebevoll nennen. Und die Tochter, bald neun, schwimmt wie ein Fisch. Heute liege ich entspannt auf meiner Decke und beobachte andere Mütter und Väter, die – so wie ich früher auch – ihre Dreikäsehochs auf Schritt und Tritt verfolgen, um sie vor dem tiefen Wasser zu bewahren. Die manchmal auch kopflos am Strand entlang hasten, weil sie das Kindchen drei oder vier Schrecksekunden lang aus den Augen verloren haben. Und jedesmal kann ich die große Erleichterung gut nachempfinden, wenn sie das Kleine endlich wieder in die Arme schließen können. Dann atme ich mit ihnen auf.

Im Sommer ist es so herrlich am See, eigentlich muss man gar nicht in den Urlaub fahren. Die schönsten Tage liegen in den Ferien, wenn es in der Stadt stiller ist, weil so viele verreist sind. Dann ist der Strand recht leer. Dann liegen die Leute nicht wie sonst Handtuch an Handtuch und es ist nicht schwierig, ein Plätzchen zu ergattern.

Ort für Mutproben: Die Jugend misst sich hier gern im Baumspringen
Ort für Mutproben: Die Jugend misst sich hier gern im BaumspringenFoto: dpa

Die schönste Stunde wiederum liegt zwischen sieben und acht Uhr am Abend. Die Familien mit den kleinen Kindern sind schon nach Hause gegangen. Die Jugendlichen, die hier Party machen werden, großenteils noch nicht hier. Es ist immer noch voll, doch schon lichter geworden. Jetzt am Abend nähert sich die Sonne langsam den Baumkronen, die letzten Sonnenstrahlen prickeln auf meiner Haut und auf dem Wasser flirrt dieses gleißende Licht, das ich so liebe. Mit kleinen Kindern ist dies nur schwerlich zu genießen, denn alles, was sich noch im Wasser tummelt, ist kaum mehr zu erkennen. Anstelle von Gesichtern nur noch Silhouetten in einem Gleißen und Glitzern, als würden auf der Wasseroberfläche unzählige Diamanten tanzen. Wenn endlich die Sonne hinter der Anhöhe versunken ist, so schütteln wir die Liegedecke aus, packen unsere Butterbrotpapiere, Apfelsinenschalen und Trinkflaschen ein und gehen in Badezeug, das Handtuch über der Schulter, die 826 Schritte nach Hause. Barfuß durch den Grunewald. Glücklich, nicht noch in ein Auto oder eine U-Bahn steigen zu müssen, um heim zu kommen, sondern hier wohnen zu dürfen, in der (für uns) schönsten Ecke Berlins. Das nasse Badezeug hängen wir zum Trocknen an den Ästen des Apfelbaumes im Garten auf. Bestimmt gehen wir morgen wieder an die Krumme und heute – wie so oft im Sommer – mit schmutzigen Füßen ins Bett.

Vor allem Abends ruhig und romantisch: Für Nicki Pawlow ist ab 19 Uhr die schönste Stunde am See
Vor allem Abends ruhig und romantisch: Für Nicki Pawlow ist ab 19 Uhr die schönste Stunde am SeeFoto: dpa

 

Wenn der See ein Gedächtnis hätte, so würde er sich an die vielen älteren Anwohner erinnern, die am liebsten frühmorgens ans Wasser gehen, um zu schwimmen. Bis weit in den Herbst hinein. Gern bis zur Boje und zurück. Manche auch nackt. Ist ja noch nichts los am See. Und danach noch ein kleiner Plausch. Einige dieser Älteren sind die guten Geister der Krummen Lanke, denn sie unterstützen das Grünflächenamt und den Förster selbstlos beim Aufräumen. Morgens sieht der Strand wie eine Müllhalde aus: Die Papierkörbe sind überfüllt, Plastikverpackungen und Essensreste, leere Flaschen und Kronkorken, Kleidungsstücke und verkohltes Holz liegen umher. Nicht auszudenken, wie es am Uferstrand ohne diese guten Geister aussähe.

Die Autorin

ist Schriftstellerin und Vortragsrednerin und lebt mit ihrer Familie seit 15 Jahren in Berlin-Zehlendorf, 826 Schritte von der Krummen Lanke entfernt. Weitere Texte von Nicki Pawlow finden Sie hier.

 Wenn die Krumme Lanke ein Gedächtnis hätte, dann wüsste sie, dass mein Mann Winter für Winter zu mir sagt: „Lass uns heiße Würstchen und Glühwein verkaufen!“ Dazu hätte ich wohl Lust, wenn der See denn zugefroren wäre. Das ist nicht jeden Winter der Fall. Doch wenn, ja dann würden wir auf dem dicken Eis, in der Mitte des Sees, einen Stand aufbauen und ein gutes Geschäft machen. Ich könnte eine Glocke schwenken und die Kunden herbeirufen. „Heiße Bockwurst mit Senf!“ Klingelingeling! „Heißer Glühwein mit Schuss!“ Klingelingeling! Und alle würden sie kommen. Die Jungs in ihren dicken Wollpullis, die auf einem abgezirkelten Feld schlittschuhlaufend in großen Schwüngen einem Puck nachjagen; ebenso wie die Kinder, die das Auf-den-Kufen-Gleiten gerade noch an Mamas Hand üben; auch das Pärchen, das dick eingemummt und untergehakt, den Hund an der Leine, übers Eis schlendert und die Jugendlichen, die sich neben der eingefrorenen Boje eine Rutschbahn gebaut haben und das spiegelglatte Eis entlangschlittern. Nur die ganz Vorsichtigen, die sich bloß am Rand der Eisfläche auf den See wagen, weil sie dem weißen Frieden nicht trauen, kämen nicht in den Genuss von Würsten und Glühwein. Vielleicht haben sie ja Recht und wir sind leichtsinnig.

Ein grausiges Knirschen aus den Tiefen des Sees

Sind wir aber gar nicht. Ich weiß noch, wie wir einmal mit unserem Ältesten auf dem gefrorenen See spazieren gingen, die jüngeren Geschwister waren noch nicht auf der Welt, unser Erstgeborener war noch winzig und saß auf einem Schlitten. Vor diesen hatten wir unseren Bobtail gespannt, er zog den Kleinen freudig übers Eis. Mit einem Mal war ein grausiges Knirschen zu hören. Es kam aus der Tiefe des Sees und fuhr mir in Mark und Bein. Sofort kehrten wir um und liefen flugs ans Ufer zurück. War es nur Einbildung? Ich weiß es nicht zu sagen. Denn es war ein harter Winter, 15 Grad unter Null und das Tauwetter noch Wochen entfernt.

Seit 2004 gibt es an der Krummen einen neuen Brauch. Immer am Neujahrstag treffen sich an der großen Badestelle die selbsternannten „Eismeerschwimmer“. Jung und Alt, Groß und Klein, alle waten ins eiskalte Wasser und tauchen ein. Überwiegend nackig, einige mit Wollmützen auf dem Kopf, vereinzelt im Neoprenanzug. Eines Jahres musste erst eine dünne Eisschicht aufgehackt werden, bevor alle ins Wasser konnten. Doch das schreckt die „Eisschwimmer“ nicht. Und nach dem Anbaden kann sich jeder, der will, eine Urkunde ausstellen lassen, die den Tauchgang dokumentiert. Ein lustiges Happening ist das und ein besonderes Ritual, nach einer langen Silvesternacht das Neue Jahr zu begrüßen. An diesem 1. Januar kamen mehrere Dutzend Teilnehmer. Und jedes Jahr werden es mehr.

 

Im Sommer rappelvoll: Eine der größeren Badestellen an der Krummen Lanke
Im Sommer rappelvoll: Eine der größeren Badestellen an der Krummen LankeFoto: dpa

So schön es winters am See auch sein mag – sommers ist es noch viel schöner! Und manchmal, wenn ich des Abends zur schönsten Stunde am Strand sitze, um die letzten Sonnenstrahlen zu genießen, kann ich sie spüren: Die Erhabenheit des Gewässers, seine Kraft und Ruhe, die kein Geschrei zu übertönen vermag. Ich atme ein, ich atme aus. Und dann überfällt mich der drängende Wunsch, ein besserer Mensch zu sein, wilder zu leben, weiter zu reisen, Sinnvolles zu tun, die Welt um mich herum etwas besser zu machen.

Ja, der See ist erhaben. Auch über uns. Er stört sich gewiss nicht daran, ob Hunde an seinen Uferwegen spazieren geführt werden oder nicht; ob Fahrradfahrer mit Fußgängern in Streit geraten oder nicht; ob ein Mensch ohne Angelschein einen Fisch fängt oder nicht.

Denn im Angesicht der Zeit sind wir Menschen für die Krumme Lanke mit all unseren kleinen und großen Streitereien nicht mehr als eine Episode der Geschichte, winziger noch als ein Fliegenschiss. Der See war lange vor uns da und wird noch lange nach uns existieren.

 Viele Unglückliche ließen hier ihr Leben

Wenn der See ein Gedächtnis hätte, so würde er sich auch an all die Unglücklichen erinnern, die hier ihr Leben gelassen haben. In dem Sommer, als wir herzogen, ertrank ein Familienvater in der Krummen Lanke, Jahre später ein kleines Mädchen, das nicht schwimmen konnte. Zwei oder drei Herbste darauf meldete eine Frau ihren Mann als vermisst und hängte auf der Suche nach ihm im Wald Zettel auf. Später wurde er tot aus dem Wasser gezogen. 1974 fanden amerikanische Soldaten den verletzten  Verfassungsschutz-V-Mann Ulrich Schmücker, der in der Nähe des Ufers seinen Schussverletzungen erlag. Der Mord wurde nie restlos aufgeklärt. Und 1928 kam der Wachtmeister Fritz Göhrs auf einem Patrouillenritt zu Tode, weil er unter sein Pferd geriet, das ihn erst abgeworfen hatte und dann im Wasser auf ihn fiel. Er ertrank. Ein Gedenkstein an der Badestelle erinnert heute an ihn.

Kuriose Reminiszenzen wären da noch: Die Schießübungen der Amis, die bis 1991 im Grunewald Manöver machten, so dass es ab und an mächtig krachte und rumste; und die Bergung eines britischen Bombers, der 1944 während eines Luftangriffes explodierte, in die Krumme Lanke stürzte und erst 1970 geborgen wurde. Memories, Memories ...

 

Im Herbst kehrt nach turbulenten Sommertagen und -nächten wieder Ruhe ein
Im Herbst kehrt nach turbulenten Sommertagen und -nächten wieder Ruhe einFoto: Boshena Kaiser

Übrigens gibt es inzwischen zahlreiche Forschungen, die sich mit den Eigenschaften des Wassers beschäftigen und die besagen, dass Wasser tatsächlich Informationen aufnehmen und speichern kann. Manche behaupten sogar, dass menschliche Gedanken, Gefühle und Worte – je nachdem, ob positiv oder negativ – auch einen ebensolchen Einfluss auf die Struktur des Wasser ausüben können. Wie so oft in der Geschichte werden diese Erkenntnisse jedoch von der etablierten Wissenschaft noch überwiegend abgelehnt und belächelt. Trotzdem finde ich die Vorstellung beeindruckend, dass meine Gedanken, Gefühle und Worte eine positive oder negative Auswirkung auf Wasser haben könnten. Daraus folgt, dass wir Menschen, die wir zu 80 % aus Wasser bestehen, immer gut darauf achten sollten, was wir denken, fühlen und sagen. Vielleicht erinnern Sie sich ja daran, wenn Sie das nächste Mal in der Krummen Lanke oder anderswo baden gehen. Begrüßen Sie das Wasser freundlich und liebevoll, es wird es Ihnen danken.

Und zum Schluss mit einem Augenzwinkern noch ein paar Verse aus dem Lied von der Krummen Lanke, 1923 komponiert von Fredy Sieg:

„Nachher saß ich mit der Emma uff der Banke,
über uns da sang so schmelzend ein Pirol.
Unter uns da lag so still die krumme Lanke,
neben uns aß eener Wurscht mit Sauerkohl.“

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