Schule in der Türkei: Im "Zehlendorf" Izmirs : Schminke, Schmuck, bunter Nagellack - verboten

Zehn Monate an einer Schule in der Türkei. Unsere Autorin schreibt für den Zehlendorf Blog, wie es ihr bisher in Izmir und in ihrer Gastfamilie ergangen ist und warum ihr manche Rituale in der Schule zu militärisch sind.

Meltem Ohle
Meltem Ohle, 16, ist Schülerin am musikbetonten Droste-Hülshoff-Gymnasium in Zehlendorf.
Meltem Ohle, 16, ist Schülerin am musikbetonten Droste-Hülshoff-Gymnasium in Zehlendorf.Foto: privat

Mittlerweile bin ich schon über vier Wochen in Izmir. Die Stadt ist echt schön, vor allem die Stadtteile am Meer. Da kann man von den zahlreichen Fischrestaurants den Sonnenuntergang bewundern und an der Promenade entlang spazieren. Was ich besonders liebe ist, dass ich vom Balkon aus über die Stadt gucken kann, das Meer sehe und direkt daneben die Berge. Ich wohne nicht sehr zentral, aber man kommt recht schnell ins Zentrum, also ähnlich wie in Zehlendorf.

Meine Gastfamilie ist nett und großzügig

In den türkischen Städten wohnen die meisten Menschen in Wohnungen, meine Gastfamilie auch. Viele haben dann aber ein "Sommerhaus" außerhalb der Stadt am Meer. Unseres steht in Gülmürdür, einem Ort südlich von Izmir, da fahren wir manchmal am Wochenende hin und in den Ferien.

Meine Gastfamilie ist sehr nett und großzügig. Ich habe einen Gastbruder, der 10 Jahre alt ist und eine Gastschwester in meinem Alter, sie wird bald 16. Mit ihr gehe ich auch in eine Klasse. Ich bin hier in der 11. Klasse, hier hat man auch eine 11. und 12. Klasse. Meine Schule heißt "Özel Ege Lisesi" (Private Ägäis-Schule) und ist sehr groß. Sie geht von der 1. bis zur 12. Klasse. Die Schule ist relativ neu und privat und daher sehr gut ausgestattet. Es gibt sogar ein Schwimmbad. Die Schule steht direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite. Das ist sehr praktisch, die Schule beginnt auch erst um 9 Uhr, also muss ich viel später als in Berlin aufstehen. Allerdings endet sie auch erst um 16:20 Uhr.

Die Zeiten sind hier aber immer von Schule zu Schule sehr unterschiedlich. Was ich sehr angenehm finde ist, dass eine Schulstunde nur 40 Minuten lang ist. Der Unterricht ist hier echt anders als in Deutschland, viel frontaler. So etwas wie Gruppenarbeit gibt es im Unterricht nicht. Auch mit dem Melden nehmen die Leute hier das nicht so genau, der Lehrer stellt die Fragen meistens in die Runde oder nimmt einfach irgendwen ran. Man trägt hier in der Schule Uniform, wir Mädchen meistens Röcke und Blusen oder T-Shirts. Die Jungen tragen Hosen und Hemden, gerne auch mit Krawatte oder T-Shirts.

Ich mag das Gefühl der Unterwerfung nicht

Auch die Socken müssen aus dem Schulshop sein. Auf den Oberteilen und Krawatten ist immer der Name der Schule eingestickt oder draufgedruckt. Mädchen müssen ihre Haare zusammenbinden, allerdings halten wir uns nicht so sehr daran. Es kann aber schon mal passieren, dass ein Lehrer einen auf dem Gang sagt, dass man die Haare zusammenbinden soll. Das ist aber eher die Ausnahme. Schmuck und Schminke sind auch verboten sowie bunter Nagellack. Am Anfang fand ich es schwierig, sich an diese ganzen Regeln zu gewöhnen. Ich finde sie echt übertrieben. Aber man spart morgens sehr viel Zeit, da man sich nicht schminken darf und sich nur zwischen Shirt und Bluse entscheiden muss.

Jeden Montagmorgen und Freitagnachmittag versammeln sich alle Schüler auf dem Pausenhof der Primary School, stellen sich in Reihe nach Klassen auf. Am Anfang der Reihe steht der/die Kleinste der Klasse und ganz hinten der/die Größte. Dann wird die Nationalhymne ("Istiklal Marşı") gesungen. Was mich aber echt schockiert hat und noch immer tut, ist die Tatsache, dass wir uns im Sportunterricht in der ersten Stunde des Jahres in Reih und Glied aufgestellt haben und dann durch die Halle marschiert sind, während der Lehrer auf einer Trommel den Rhythmus geschlagen hat. Das war echt gruselig.

Wenn die Jungen das machen, mag das ja vielleicht noch einen Sinn haben, da sie irgendwann zum türkischen Militär müssen. Aber muss man das im Sportunterricht üben?

Ich mag dieses Gefühl der Unterwerfung nicht, man macht genau das, was einem jemand sagt, ohne selber zu denken. Das ist schwierig zu beschreiben, aber so fühlt es sich an, als ob man eine Puppe wäre. Allgemein finde ich gewisse militärische Züge an der Schule nicht gut. Morgens (außer montags) stellen sich alle 9. bis 12.-Klässler nach Klassen vor der High School auf. Ein Lehrer (meistens ein Sportlehrer) steht vorne und brüllt: "LINKS! RECHTS! GUTEN MORGEN!"

"DANKE!" brüllen wir Schüler im Chor.

"WIE GEHT ES EUCH?!"

"DANKE!"

Dann gehen wir nacheinander hinein, zuerst die Zwölftklässler, dann die Elftklässler, usw. Dabei begutachten einen die Lehrer, ob man auch ja die richtigen Klamotten trägt. Sie kontrollieren sogar manchmal die Socken. Wenn man zu oft falsche trägt, wird man bestraft, man muss irgendwelche Disziplinaufgaben machen. Mir konnte bisher keiner so genau erklären, was man da genau macht.

Was mir aber sehr gut in der Schule gefällt ist das Lehrer-Schüler-Verhältnis. Die Lehrer machen oft Scherze und alle lachen mit ihnen. Die Lehrer nennen die Schüler meistens "arkadaşlar", das bedeutet Freunde. Zu Schulbeginn haben manche Schüler Lehrer mit Küsschen links, rechts begrüßt, wie man in den mediterranen Ländern sich eben begrüßt. Ich hätte nur nicht gedacht, dass man das auch mit Lehrern macht. Die Lehrer sind mir gegenüber sehr nett und interessiert. Allerdings ist es manchmal schwierig, mit ihnen und auch den Schülern zu kommunizieren, da die meisten nicht so viel Englisch sprechen und ich nicht viel Türkisch kann. Meine Gastschwester kann zum Glück ganz gut Englisch und übersetzt dann.

An der Hafenpromenade von Izmir.
An der Hafenpromenade von Izmir.Foto: AFP

Mein Türkisch hat sich schon verbessert würde ich sagen, ich verstehe mehr. Aber bis ich es wirklich sprechen kann, muss ich noch viel üben. Zum Glück kriege ich in der Schule ein paar Stunden Türkischunterricht die Woche von den Englischlehrern. Das ist sehr angenehm, da es schon langweilig war am Anfang, ständig Mathe, Chemie etc. auf Türkisch zu haben. Ich bin in einer Klasse mit Mathe- und Naturwissenschaftenprofil. In der Türkei wählt man in der High School Profile wie Mathe und Naturwissenschaften, Mathe und Türkisch, Sozialwissenschaften, etc.

Zusätzlich zur Schule gehen die meisten Schüler noch in die "Dershane" (Unterrichtshalle), dort hat man extra Stunden, die einen auf ein Examen vorbereiten, das die Regierung von jedem verlangt, der studieren möchte. Von dem Ergebnis dieses Examens ist auch abhängig, wo und was man studieren kann. Es reicht zum Studieren also nicht nur der normale Schulabschluss. Deshalb fangen die meisten türkischen Schüler, deren Eltern es sich leisten können, ab der 11. Klasse zur Dershane zu gehen.

Es besteht keine Chancengleichheit

Meine Gastschwester hat das manchmal nach der Schule, immer samstagvormittags und sonntagnachmittags fünf Stunden. Für mich ist das unvorstellbar, neben der Schule und den ganzen Hausaufgaben dann noch zu einer Extraschule zu gehen, für die man auch Hausaufgaben machen muss und in der man ebenfalls Arbeiten schreibt. Außerdem ist es unfair den Leuten gegenüber, die nicht so viel Geld haben. Diese Extraschulen sind nicht billig. Es besteht nicht wirklich Chancengleichheit. Wegen der Extrastunden ist die Freizeit hier also sehr begrenzt. Das ist für mich echt blöd, da alle so viel mit Lernen und Schule beschäftigt sind. Aber es ist nur noch diese Woche Schule und dann sind Ferien wegen des Opferfests, eines der wichtigsten Feste im Islam.

Dann geht's wieder mal ab ans Meer!

Die Autorin ist 16 und Schülerin am Droste-Hülshoff-Gymnasium in Zehlendorf. Zurzeit geht sie für zehn Monate in Izmir/Türkei zur Schule. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




Liebe Leserinnen, liebe Leser,

willkommen im Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf. Unsere lokale Plattform ist offen für Debatten, die die Bürger in Steglitz und Zehlendorf bewegen. Auch direkt aus dem Kiez heraus, aktuell, bürgernah und kritisch. Gerne laden wir auch Sie ein, das Portal gemeinsam mit uns weiterzuentwickeln und zu befüllen; auch die gesellschaftlichen Gruppen und Multiplikatoren sind aufgerufen, eigene Diskussionsbeiträge zu verfassen. Wenn Sie Lust haben, eigene Texte zu liefern, oder Anregungen zu kommunalpolitischen Themen haben, schreiben Sie uns gerne an: steglitz.zehlendorf@tagesspiegel.de

Ihr Team von Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf

4 Kommentare

Neuester Kommentar