Sehnsucht nach Berlin-Zehlendorf : Sorry liebes Mainz, Du bist zu klein!

Zuletzt war Mainz in aller Munde, weil die Bahn aus Personalmangel den Bahnhof nicht mehr anfuhr. Unsere Autorin lebt seit 2007 in der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz und hat für den Zehlendorf Blog aufgeschrieben, wie es sich dort anfühlt

Karla Fiehring
Arbeitsplatz in Mainz.
Arbeitsplatz in Mainz. Unsere Autorin jobbte während der gesamten Studienzeit in verschiedenen Medienberufen.Foto: privat

Ich steige mit meinem Bruder um vier Uhr morgens im schlafenden Berlin-Zehlendorf ins Auto. Wir machen uns auf den Weg quer durch Deutschland hin zu einer mir eher unwohl im Magen liegenden, zukünftigen Heimat. Die Autobahn-Ausfahrt "Mainz-Zentrum" ist vor lauter Regen auf der Windschutzscheibe kaum zu erkennen. Kurz vor der Abfahrt überquert man den Rhein – heute noch jedes Mal ein imposantes Schauspiel, wenn man die Brücke ein paar hundert Meter weiter nördlich nimmt. Diese Brücke führt die motorisierten Besucher der Landeshauptstadt jedoch direkt in ein Gebiet mit betonfarbenen Fabriken, ohne Leben, grau und schäbig. Zu dem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass Mainz-Laubenheim ein Stadtteil ist und nicht nur ein düsterer Vorort. Die Aussicht, wenn man von der Avus die Abfahrt Wannsee nimmt, ist auch nicht weltbewegend. Doch man gelangt direkt auf die breite Potsdamer Chaussee, die an sich schon den Eindruck von Großstadt vermittelt.

Wir schafften es, den Mainzer Dom zu verpassen

Wenn ich von meinem Leben erzähle, das sich abgespielt hat, nachdem ich Zehlendorf verlassen habe, erzähle ich immer dieselbe Geschichte: Wie ich damals, mit meinem Bruder auf der Suche nach einer WG, die Mainzer Innenstadt nicht fand.

Ich bin in Zehlendorf aufgewachsen. Wir hatten ein Einfamilien-Reihenhaus mit einem kleinen Garten und allen Klassenkameraden immer direkt um's Eck. Ich war also typisches Zehlendorfer Kind, das einerseits Schlachtensee und Grunewald für selbstverständlich hielt, andererseits aber auch gewohnt war, innerhalb von zehn bis zwanzig Minuten mit der S1 in der Großstadt anzukommen.

Blick auf den Hauptbahnhof von Mainz und der beginnenden Innenstadt
Blick auf den Hauptbahnhof von Mainz und der beginnenden Innenstadt, die unsere Autorin bei ihrer ersten Ankunft in Mainz völlig...Foto: Reuters

Und nun sollte es mich aus meinem sorgenfreien Elternhaus in die Fastnachts-Hochburg von Rheinland-Pfalz ziehen, die insgesamt nur einen H&M, damals keinen einzigen Starbucks, und schon gar keine Auswahl an idyllischen Seen in Fahrrad-Reichweite zu bieten hatte.

Im Regen, keine Menschenseele

Wir fahren, der Autobahnkarte folgend, die Rheinstraße entlang Fluss abwärts, mit der Absicht, bei der erstbesten Möglichkeit, einen Stadtplan von Mainz zu kaufen. Ein geschlossenes ungarisches Restaurant, ein unbeleuchtetes Modelleisenbahn-Fachgeschäft und eine leere Esso-Tankstelle sind die drei mir in Erinnerung gebliebenen (und damals wirklich abschreckenden) Eindrücke dieses Wegs in die Stadt. Zwar werden die Häuser dichter und die Straßen städtischer, doch im Regen ist keine Menschenseele anzutreffen. Und wie auch immer wir das schaffen – anscheinend sind wir ziemlich perplex von dieser Leblosigkeit – wir übersehen den Mainzer Dom.

Stattdessen biegen wir links ab, denn die Kaiserstraße, die uns lockt, mehrspurig und mit Straßenschildern, die zum Hauptbahnhof deutet, muss doch in die Mitte der Stadt führen! Wir finden aber keine Geschäfte, keine Einkaufsstraße, keine Cafés. Wir sehen nur die klobige Christuskirche mitten auf dem Grünstreifen zwischen den beiden Straßenseiten und verkennen sie – heute belächele ich es als Berliner Überheblichkeit unsererseits – als den Dom. An dieser Stelle endet meine Erinnerung jener Erkundung – und setzt erst an einem Ort wieder ein, den ich zwei Jahre später wieder erkennen sollte: Dem Parkplatz eines Real,- und Media Markts auf dem Weg zum ZDF-Hügel, auf dem wir endlich einen Mainzer Stadtplan kaufen konnten.

Die Autorin Karla Fiehring studiert in Mainz und stammt aus Berlin-Zehlendorf
Die Autorin Karla Fiehring studiert in Mainz und stammt aus Berlin-Zehlendorf.Foto: privat

War das also die Innenstadt? Ein Karree, das man so leicht umfahren konnte? War Mainz so wenig bunt, so wenig lebhaft oder sonnig, weil einmal im Jahr im Februar aller Schalk und alle Narrheit gebündelt verprasst wird? In Zehlendorf hingegen scheint immer etwas los zu sein. Weder an verregneten, noch an sonnigen Tagen findet man am Teltower Damm je einen Parkplatz. Die Leute tummeln sich in den Cafés – im Sommer und im Winter. Man steht nie alleine an einer Bushaltestelle.

Jeder fünfte Student arbeitet beim ZDF

Der friedliche Bezirk Zehlendorf hat aber auch mehr Einwohner als die gesamte Landeshauptstadt Mainz zusammen – vielleicht hat mich, als Berliner Göre, allein dieser Fakt schon abgeschreckt. Und es hat mich von Anfang an betonen lassen, dass man Wiesbaden und Frankfurt hinzurechnen müsste, um wirklich ein "Stadtgefühl" zu erleben. In Mainz ist alles mit dem Fahrrad oder sogar zu Fuß zu erreichen. Ein spontanes Treffen von "Mainz-Weisenauern" und "Mainz-Gonsenheimern" kann in 20 Minuten stattfinden – und trotzdem hat man noch Zeit, vorher zur Bank zu gehen. In Berlin hingegen muss die Zehlendorfer und die Köpenicker Jugend eine Stunde Vorlauf haben, um sich in der Mitte zu treffen.

Inzwischen bin ich fast sechs Jahre in Mainz. Ich arbeitete während meines gesamten Studiums, schrieb zum Beispiel meinen ersten Artikel für das Mainzer Wochenblättchen und managte später die ganze (ein-Mann-) Redaktion, wenn der Redakteur im Urlaub war. Außerdem fand ich nach zwei Jahren meinen Weg zum ZDF und verbrachte dort viele Wochenenden in der Tele-Text-Redaktion damit, dem Fernsehgarten live zu lauschen oder hektisch den Hymnen-Ticker beim Fußball-Länderspiel zu schalten. In Mainz ist geschätzt jeder fünfte Student mal als Aushilfe im ZDF ein- und ausgegangen – offenbar aber nie bei der Deutschen Bahn und dem Mainzer Hauptbahnhof, dessen Dasein als zeitweise Waise gerade ganz Deutschland bewegte.

In Mainz arbeitet jeder fünfte Student zeitweise beim ZDF, unsere Autorin auch.
In Mainz arbeitet jeder fünfte Student zeitweise beim ZDF, unsere Autorin auch.Foto: dpa

Als Studentin der Publizistik und Filmwissenschaft haben mir die diversen lokal ansässigen Medien natürlich imponiert. Aber es hat mir auch immer wieder veranschaulicht, wie klein Mainz doch ist, wenn etwas "so großes" seinen Reiz allein dadurch verlieren kann, dass es erreichbar wird.

Die ersten meiner Kommilitonen haben das Studium inzwischen abgeschlossen. Von fünf Absolventen wohnt und arbeitet immerhin noch eine in Wiesbaden. Die anderen sind über ganz Deutschland verstreut. Und wenn ich ehrlich bin: Auch ich werde Mainz nach meinem Abschluss im Oktober wieder verlassen, denn mein Herz ziept jedes Mal ein bisschen, wenn ich Berliner Luft schnuppere. Berlin fehlt mir.

Es wird wohl die Gewissheit bleiben, dass Mainz eine tolle Studentenstadt ist, aber es bleibt auch das Gefühl, dass Mainz komplett ausgestorben ist, sobald ein paar Regentropfen drohen. Es bleibt der deprimierende Eindruck, vieles gehe an Mainz vorbei, während Zehlendorf, als Teil von Berlin und trotz der Randlage, bei allem Geschehen irgendwie eingeschlossen ist. Mainz ist liebenswert - aber eben nicht Teil einer viel größeren, unüberschaubaren und tollen Stadt wie Berlin. Sorry!

Die Autorin Karla Fiehring, 25 Jahre, studiert in Mainz seit 2007 Publizistik und Filmwissenschaft. Ihre Familie lebt in Zehlendorf. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




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