Snobs oder Freigeister? : In Zehlendorf finde ich mein wahres Selbst!

"Das reinste Bonzentum", sagt ein Junge über Zehlendorf. Unsere Autorin hat sich für den Zehlendorf Blog Gedanken gemacht und ist zu einem anderen Schluss gekommen.

Stefanie Engel
Die Autorin Stefanie Engel ist 21 Jahre und hat gerade ihr Abitur gemacht.
Die Autorin Stefanie Engel ist 21 Jahre und hat gerade ihr Abitur gemacht.Foto: Thilo Rückeis

„Zehlendorf? Eine sehr schöne Gegend“, antwortet mir eine Mitschülerin auf die Frage, welche Impressionen, Eindrücke oder Stimmungsbilder sie mit dem südlich gelegenen Bezirk von Berlin, der laut amtlichen Statistiken zu den wohlhabendsten Gegenden der Hauptstadt gehört, verbindet. „Eine wirklich schöne Gegend. Perfekt zum Leben. Wenn man es sich leisten kann“, fügt sie noch hinzu. Dann kommt ihr Bus.

Ich bleibe noch einen Moment im Regen stehen und  lasse mir ihre Worte, die zu flüchtig ausgesprochen waren, als dass ich sie mir notieren konnte, durch den Kopf gehen. Obwohl diese Konversation nicht mehr war als ein Small Talk, gab sie mir die Idee zu diesem Artikel. Also ziehe ich meinen Notizblock hervor und schreibe nur ein einzelnes Wort: Diskrepanzen.

Ich hörte Worte wie "Reiche", "Schnösel"

Zunächst einige Fakten: Seit dem Jahr 2000 gilt Steglitz-Zehlendorf als der mit dem höchsten mittleren Haushaltseinkommen verzeichnete Bezirk Berlins (ca. 1950 Euro, Quelle: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg) und liegt damit im Verhältnis zum Bezirk mit dem niedrigsten mittleren Haushaltseinkommen um 550 Euro höher. Ein Umstand, der sich zum Teil auch in sozialpolitischen Strukturen widerspiegelt - und damit leider auch Vorurteile schürt.

So kam mir während meiner Recherche, bei der ich auch immer wieder Menschen auf der Straße zu dem Thema befragte, Worte wie „Snobs“ , „Reiche“ oder „Schnösel“ zu Ohren.

„Warum?“, frage ich den Jungen, der in einer kleinen Gruppe von Freunden am S-Bahnhof Lichterfelde Ost steht und als letztes auf meine Frage geantwortet hatte. Es scheint mir, als hätte er lange und ausgiebig über seine Antwort nachgedacht. Umso erstaunlicher und überraschender finde ich es, mit welcher Argumentation er seine Meinung begründet.

„Das ist doch das reinste Bonzentum da. Die leben in ihren Einfamilienhäusern und fahren teure Autos. Ihre Kinder schicken sie nur auf irgendwelche Privatschulen. Das Geld dazu haben die ja. Ganz klar halten die sich für was Besseres, ganz klar! Die kennen das wirkliche Leben doch gar nicht, weil ihnen in ihrer heilen Welt nur Zucker in den A…  geblasen wurde. Das reinste Spießertum, echt, ich sag' s dir!“

Er erzählt mir weiter, dass er mit seinen zwei Geschwistern und beiden Eltern in einer Wohnung nahe Friedrichshain-Kreuzberg wohnt. Obwohl nicht im Zentrum gelegen, bemerkt er schon jetzt die Veränderungen. „Leben in Berlin wird teurer.“ So oder so ähnlich hatte er es formuliert. Was er damit meint und welche Konsequenzen dies mit sich bringt, kann wohl ein jeder erahnen.

"Oranienburger" ist das wahre Leben?

Als ich ihn frage, ob er selbst schon einmal in Zehlendorf war, antwortet er: „Da kriegen mich keine zehn Pferde hin. Ist langweilig da, das reinste Dorf. Ich bleib in meinem Kiez, da sind meine Freunde, meine Familie, da findet das echte Leben statt. Nicht der schönste Ort, zugegeben, aber mir gefällt’ s. Wie sagt man doch: Nicht schön, aber selten.“ Ich nicke und bemühe mich um ein Lächeln, das jedoch zu zaghaft ist, als dass er es erkennen kann. Seine Miene wird ernster und steifer, und für einen Augenblick glaube ich Verdruss in seinen zusammengekniffenen Augen lesen zu können.

„Bist wohl auch so eine.“, sagt er. Ich schüttle den Kopf, weiß jedoch nicht, mit welcher Antwort ich seiner Vermutung entgegenwirken kann. Also bedanke ich mich schnell bei allen und wünsche ihnen einen schönen Abend. „Wo soll’ s denn noch hingehen?“, frage ich in die Runde, bevor der Zug einfährt. „Oranienburger Straße“, lautet die Antwort, die mir ein Mädchen über die Schulter  zuwirft. Und unwillkürlich denke ich mir: „Dort, wo das wahre Leben stattfindet.“

Tatsächlich kann man soziale Diskrepanzen nirgendwo sonst mit einer distinktiven Klarheit erkennen wie in Berlin. So zählt die Stadt zu den Bundesländern mit der höchsten Armutsgefährdungsquote, in der die sozialen Unterschiede zum Teil von Bezirk zu Bezirk variieren. Zehlendorf, der grüne Bezirk mit seinen unzähligen Prachtbauten und Villenkolonien, mit denen man ihn oft in Verbindung bringt, stößt damit - verständlicher Weise - bei dem ein oder anderen auf Voreingenommenheit und Widerwillen.

Nichtsdestotrotz kann dies mein Bild von dem Bezirk, in dem ich geboren, gewachsen und erwachsen geworden bin, nicht trüben.

Ich liebe die unzähligen Parkanlagen, in denen ich mich im Sommer oft mit Freunden treffe, ich liebe die vielen, vor allem alten Villen, die von einer für mich magischen Nostalgie zeugen, und vor allen Dingen schätze ich die besinnliche Ruhe einiger Plätze, die mich der Hast der Großstadt entkommen lassen und mich mancher Tage sogar für einen Augenblick lang den Frust des Alltags vergessen ließen. So ziehe ich mich oft, wenn mir der Trubel der Stadt zu bunt und der Lärm der Straßen zu zermürbend wird, in den Stadtpark zurück. Dort gibt es einen Rosengarten und einen von Steinquadern eingerahmten Teich, in welchem der ein oder andere Frosch an warmen Sommertagen Abkühlung sucht. Klingt zu schön um wahr zu sein? Ja, tut es sicherlich. Aber Orte wie dieser existieren.

Ich sah einen Wald, einen Märchenwald

Ich kenne diesen Park seit meiner Kindheit, hier verbrachte ich viele Stunden mit meinen Großeltern, fütterte Enten, fing Frösche, beobachtete die Meisen, die mancher Tage so mutig waren, dass sie mir Brotkrumen aus der Hand fraßen und rief verzückt auf, wenn ich einen Karpfen oder einen kleinen Fisch im Wasser entdeckte. Hier lernte ich im Winter das Schlittschuhlaufen, fuhr auf Schlitten seichte Hänge hinab und war meiner sicher, mich zwischen all den Bäumen, Rhododendren, Hecken und von Sträuchern verwinkelten Ecken in einem Wald zu befinden. Einem Märchenwald.

„Steffi, das hier ist doch kein Wald“, hatte mein Opa darauf lachend entgegnet, und ich widersprach ihm ein jedes Mal vehement. Es mag sein, dass dies für andere nur ein gewöhnlicher Park mit vielen schönen Spielplätzen ist. Für mich jedoch ist es noch immer der selbe besondere Ort, der mich damals wie heute mit seiner Faszination in den Bann zieht. Hier finde ich meinen inneren Frieden, tanke Kraft für meine ausgezehrten Sinne, hier finde ich an jedem Platz Erinnerungen, die jenen Ort so kostbar für mich machen. Hier finde ich Inspirationen und Erkenntnisse, ja, ich mag sogar sagen, hier finde ich zu meinem wahren Selbst. Und jetzt, wie ich gerade daran denke, sagt mir meine innere Stimme bewusst und völlig klar: „Dort, wo das echte Leben stattfindet.“

Kurzum: Der Bezirk Zehlendorf ist ein Ort für sich, den man lieben oder geringschätzen kann. Dass es ein Ort für eine eher wohlhabendere Bevölkerungsschicht ist, mag stimmen, doch dass es sich dabei ausschließlich um „Snobs“ oder „Schnösel“ handelt, kann ich nicht bestätigen. Ich kann nur einem jeden nahe legen, die Gegend an einem schönen, sonnigen Tag einmal selbst zu erkunden, denn wer denkt, dass es Zehlendorf an Sehenswürdigkeiten und spannenden Freizeitaktivitäten mangelt, liegt falsch. Zehlendorf bietet mehr als nur eine Fassade in schöner Naturkulisse. Denn wie pflegte Oscar Wilde zu Lebzeiten schon zu sagen: „Reisen veredelt den Geist und räumt mit allen unseren Vorurteilen auf.“

 Die Autorin ist 21 Jahre und geht auf die Goethe-Oberschule.

 




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