Steglitz-Zehlendorf: Protestkonzert in Matthäuskirche : Gegen die Demontage der Musikschule

Die Haushaltssperre ist im Juli für die Musikschule aufgehoben worden, doch die Lage in der Verwaltung bleibt angespannt. Lehrer, Eltern, Schüler und Förderer wollen nun mit einem Protestkonzert ein Zeichen setzen.

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Seit der Haushaltssperre gingen der Musikschule hunderte Schüler verloren, Veranstaltungen wie das Sommerfest konnten nicht stattfinden.
Seit der Haushaltssperre gingen der Musikschule hunderte Schüler verloren, Veranstaltungen wie das Sommerfest konnten nicht...Foto: Anett Kirchner

 

Dirk Strakhof - seit 30 Jahren Musikschullehrer in Steglitz-Zehlendorf - hat einen Traum. Statt der 30 bis 40 Standorte träumt er von einem großen Musikschulgebäude, etwa im Steglitzer Kreisel, mit einer intakten Verwaltung, einem guten Kundenservice und Betriebsklima. Realitätsfremd? Obwohl die bezirkliche Haushaltssperre im Juli für die Musikschule aufgehoben wurde, bleibt die Lage in der Verwaltung offenbar angespannt. Die Schülerzahlen sinken weiter. Einige Lehrer befürchten sogar, dass die Musikschule „heruntergefahren werden soll“, obwohl sie den größten Kostendeckungsgrad im Bezirk habe. Lehrer, Eltern, Schüler und Förderer wollen jetzt mit einem Protestkonzert ein Zeichen gegen „die fortschreitende Demontage der Leo-Borchard-Musikschule“in Steglitz-Zehlendorf setzen.

Das Konzert findet am Freitag, den 13. November, um 19 Uhr in der Steglitzer Matthäuskirche statt. Schüler-Solisten und Ensembles der Musikschule werden den Abend gestalten. Zwischendurch gibt es Redebeiträge. Es werden Christian Höppner vom Deutschen Tonkünstlerverband Berlin, Gernot Schulz vom Förderkreis der Leo-Borchard-Musikschule, Hubert Kolland vom Landesmusikrat Berlin, Annette Breitsprecher von der Landeslehrervertretung der Berliner Musikschulen und Bezirksverordnete verschiedener Parteien sprechen.

„Weder die zuständige Bezirksstadträtin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) noch der Bezirksbürgermeister Norbert Kopp (CDU) haben sich auf meine Einladung hin gemeldet“, sagt Strakhof, der zu den Veranstaltern gehört. Er gehe deshalb davon aus, dass sie nicht dabei sein werden.

Die Lage für Lehrer und Schüler in der Musikschule spitzt sich indessen nach eigenen Angaben weiter zu. Manche sprechen sogar von einem Zusammenbruch der Verwaltung. Schüler, die mit dem Unterricht beginnen möchten, würden 2015 keinen Unterricht mehr bekommen, heißt es. Viele der Lehrer hätten Einkommenseinbußen von bis zu 600 Euro monatlich. Ein Kollege, der nicht genannt werden möchte, habe in diesem Jahr zehn Schüler verloren und konnte nur zwei ersetzen. Mehrere Schülerverträge lägen unbearbeitet auf den Schreibtischen der Musikschul-Mitarbeiter. Die seien überfordert und deshalb wachse der Verwaltungsstau in der bezirklichen Musikschule täglich weiter.

Den Ursprung dieser Misere sehen die Initiatoren des Protestkonzertes vor allem in den seit 2013 aufwendigen Einzelabrechnungen, die die überwiegend als freiberufliche Honorarkräfte arbeitenden Lehrer monatlich schreiben müssen (wir berichteten). Jede Stunde werde notiert, Mitarbeiter der Musikschule tippten die Abrechnungen per Hand ab, um sie später mit einer Software zu verarbeiten.

Dirk Strakhof, seit 30 Jahren Musikschullehrer in Steglitz-Zehlendorf
Dirk Strakhof, seit 30 Jahren Musikschullehrer in Steglitz-ZehlendorfFoto: Manfred Pollert

„Derzeit gibt es genau eine Person, die die Abrechnungen von den circa 300 Lehrern monatlich bearbeitet“, erklärt Strakhof. Zu wenig. Deshalb werde die Musikschule auch regelmäßig vertragsbrüchig. Honorare würden oft später als vertraglich vereinbart gezahlt. Beispielsweise nach den langen Sommerferien habe das für viele Lehrer eine existenzielle Belastung bedeutet und sei nicht hinnehmbar. Er wisse allein von 35 Kollegen, die bis Ende Oktober ihr September-Honorar verspätet, unvollständig oder nicht bekommen hätten. „Das Geld muss aber laut Vertrag bis zum 15. des Monats überwiesen worden sein“, erklärt er.

Auf der Webseite zu dem Protestkonzert haben einzelne betroffene Lehrer unter der Rubrik „Meinung“ anonym ihre Erfahrungen niedergeschrieben. Dort heißt es zum Beispiel: „Ich habe für Oktober einen Abrechnungsvordruck mit nur einem Schülernamen erhalten, die anderen Schüler standen nicht darauf.“ Oder auch: „Um Wohngeld beantragen zu können, benötige ich eine Verdienstbescheinigung der in diesem Jahr geflossenen Beträge. Ich bat die Verwaltung vor Wochen darum. Reagiert wurde bisher nicht.“  

Aufnahmestopp für Einzelschüler

Darüber hinaus hatte die bezirkliche Haushaltssperre zu Beginn des Jahres offensichtlich auch Auswirkungen auf die finanzielle Situation der Musikschule. Denn damit einher ging ein Aufnahmestopp für Schüler im Einzelunterricht. Gekündigte Verträge wurden nicht ersetzt. „So gingen der Musikschule hunderte Schüler verloren; Veranstaltungen wie das Sommerfest konnten nicht stattfinden, das Ansehen in der Bevölkerung wurde beschädigt“, findet Strakhof.

Auf eine Kleine Anfrage der Piraten in der BVV-Sitzung im Oktober, wie viele Schüler denn nun gekündigt hätten, habe Richter-Kotowski von etwa 530 Verträgen im Zeitraum vom 1. Januar bis 31. August gesprochen. „Eigentlich normal im Vergleich zum letzten Jahr“, gibt Strakhof zu. Dem stünden allerdings lediglich 177 Neuverträge gegenüber, wie der engagierte Musikschullehrer im Bildungs-Ausschuss erfuhr.

Die Frustrationsgrenze ist bei vielen Beteiligten offenbar längst überschritten. Deshalb tun sie jetzt das, was sie gern tun und vermutlich am besten können – Musik machen. Allerdings nicht zum Vergnügen, sondern aus Protest. Die Organisatoren des Konzertes in der Matthäuskirche fordern eine deutliche Verbesserung der Verwaltungssituation als Voraussetzung für einen reibungslosen Musikschulbetrieb, die grundsätzliche Ausnahme der Musikschule von künftigen Haushaltssperren, mehr feste Musikschullehrerstellen und Investitionen in bessere Räumlichkeiten. Wenn all das eines Tages in Erfüllung gehen sollte, würde Dirk Strakhof seinem Traum von einem großen Musikschulgebäude für Steglitz-Zehlendorf vielleicht ein wenig näher kommen.

Die Autorin Anett Kirchner ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt als lokale Reporterin regelmäßig für den Tagesspiegel Zehlendorf. Folgen Sie Anett Kirchner auch auf Twitter.

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