Steglitz-Zehlendorf: Stele für Villenkolonie Alsen : Erinnerung an eine schwierige Vergangenheit

Seit 2008 werden an markanten Orten Stelen in Steglitz-Zehlendorf aufgestellt. Nun erinnert eine Informationsstele an der Königstraße Ecke Am Großen Wannsee an die besondere Bedeutung der Villenkolonie Alsen.

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Ein markantes Wahrzeichen der einstigen Villenkolonie Alsen ist der Flensburger Löwe
Ein markantes Wahrzeichen der einstigen Villenkolonie Alsen ist der Flensburger LöweFoto: Anett Kirchner

Die wohl bekanntesten Häuser am Westufer des Großen Wannsees, die heute noch stehen, sind die Villa Liebermann und die Villa Marlier; auch Haus der Wannsee-Konferenz genannt. Beide spiegeln die wechselvolle und zum Teil schwierige Vergangenheit der einstigen Villenkolonie Alsen wider. Ab 1870 entstanden hier Landhäuser vermögender Geschäftsleute, Industrieller, Bankiers und Künstler. Später, während der Zeit des Nationalsozialismus, wandelte sich der Charakter des großbürgerlichen Villenvorortes. In viele der Landhäuser zogen Vertreter des NS-Regimes ein. Juden wurden enteignet und vertrieben. Eine Informationsstele an der Königstraße Ecke Am Großen Wannsee erinnert jetzt an die besondere kulturelle Bedeutung der Villenkolonie sowie an deren spezielle Rolle während der NS-Zeit.

Auf den Spuren der ehemaligen Alsenkolonie
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01.10.2015 13:15Enthüllung der neuen Stele

„Diese Villenkolonie Alsen weist auf eine einzigartige und weitgehend vergessene Geschichtslandschaft hin“, erklärte Hans-Christian Jasch jüngst bei der Einweihung der Stele. Er ist der Direktor der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. In dem Gebäude wurde am 20. Januar 1942 die „Endlösung der Judenfrage“ besprochen. Das als Wannsee-Konferenz in die Geschichte eingegangene Treffen fand auf Einladung des Chefs der Sicherheitspolizei, Reinhard Heydrich, statt. Vertreter der Reichsministerien, der SS und der NSDAP waren anwesend. Im Wesentlichen ging es um die Frage der geplanten Deportation der europäischen Juden und die Definition des Opferkreises.

Die einstige Fabrikantenvilla - 1914 für den Unternehmer Ernst Marlier erbaut - war von 1941 bis 1945 ein Gäste- und Tagungshaus des Reichssicherheitshauptamtes. „Nach dem Zweiten Weltkrieg tat man sich in West-Berlin schwer mit der Erinnerung an die NS-Zeit“, sagte Jasch weiter. Erst viele Jahre später, genau gesagt 1982, sei an dem Gebäude eine entsprechende Gedenktafel angebracht worden. 1992 wurde es als Gedenkstätte eröffnet. Inzwischen besuchen etwa 115.000 Gäste pro Jahr das Haus. „Und was viele nicht wissen, bei uns gibt es eine der größten Bibliotheken über den Holocaust“, erzählte er zum Schluss.

Ursprünglich entstanden ist die Villenkolonie Alsen im heutigen Ortsteil Wannsee als Sommersitz für die „gute Gesellschaft“. Der Bankier Wilhelm Conrad beauftragte den Gartenbaudirektor Gustav Meyer, einen Gesamtplan einer Villenkolonie in Form eines Hippodroms mit der Königstraße als Längsachse zu entwerfen. Er selbst wollte sich auch hier niederlassen, kaufte mehrere Parzellen Land und verkaufte die meisten Grundstücke wieder. Zu den neuen Besitzern gehörten unter anderem Max Liebermann, Hermine Feist und die Verlegerfamilie Langenscheidt.

Der ursprüngliche Name „Colonie Alsen” kommt von einer dänischen Ostseeinsel, weil die damalige idyllische Lage am Wannsee – seinerzeit noch weit außerhalb der Stadt Berlin - an die Ostseelandschaft der Insel Alsen erinnert haben soll.

„Bereits 1871 hatte die Villenkolonie ein eigenes Wasserwerk und 1880 ein Elektrizitätswerk“, ist auf der Stele nachzulesen. Conrad, der auch Vorsitzender der Berlin-Magdeburger Eisenbahngesellschaft war, habe zudem die Bahnstrecke von der Innenstadt bis nach Wannsee ausbauen lassen. In der Bevölkerung sei sie dann spöttisch „Wahnsinnsbahn, die auf Conrädern rollt” genannt worden.

Ein markantes, bis heute erhaltenes Wahrzeichen der einstigen Villenkolonie ist der Flensburger Löwe unweit der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Auf dem Neuen Friedhof Wannsee in der Lindenstraße sind viele der ehemaligen „Colonisten“, Christen wie Juden, begraben. Hier fand auch Conrad seine letzte Ruhestätte.

Nach 1933 nutzte beispielsweise die Reichspost die Villa Liebermann als Erholungsheim, heißt es auf der Stele. Nach dem Tod von Max Liebermann 1935 sei seine Witwe Martha gezwungen gewesen, Haus und Grundstück weit unter Wert zu verkaufen. Angesichts ihrer bevorstehenden Deportation habe sie 1943 Suizid begangen. Nach und nach wurde die Villenkolonie zu einem bedeutenden Standort für den Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS (SD), wird weiter ausgeführt: „In das Landhaus Oppenheim zog das geheime Ostforschungs-Institut des SD mit dem Tarnnamen Wannsee-Institut ein.“ Es habe Gutachten über Osteuropa erstellt und sei an den Vorbereitungen zum Überfall auf Polen 1939 und auf die Sowjetunion 1941 sowie an Aktionen der SS-Einsatzgruppen beteiligt gewesen.

„Die Stelen sind regelrecht ein Markenzeichen geworden“

Die Texte für die neue Informationsstele zur einstigen Villenkolonie Alsen stammen aus den Federn von Michael Haupt und Gideon Botsch. Insgesamt gibt es nunmehr 19 solcher Stelen im ganzen Bezirk; etwa die am Strandbad Wannsee oder an der Podbielskiallee, die an den Soldatensender AFN (American Forces Network) erinnert sowie am Hohenzollernplatz zur Entstehung der Kolonien Nikolassee und Schlachtensee. Die Realisierung der auffällig roten Gedenksäulen liegt jeweils in den Händen des Kulturamtes von Steglitz-Zehlendorf. Seit 2008 werden sie an markanten Orten im Bezirk aufgestellt.

„Sie sind regelrecht ein Markenzeichen geworden“, findet Cerstin Richter-Kotowski (CDU), die Bezirksstadträtin unter anderem für Kultur. Sie seien ein wichtiger Bestandteil der Erinnerungskultur, zeigten gesellschaftliche und historische Zusammenhänge auf. Entworfen wurden die zwei Meter hohen und 90 Zentimeter breiten Stelen von der Künstlerin Karin Rosenberg. Schon bald soll eine weitere Stele hier im Bezirk eingeweiht werden, nimmt Richter-Kotowski vorweg. Und zwar am 14. Oktober an der Wismarer Straße zu Gedenken an das ehemalige KZ-Außenlager Lichterfelde.

Die Autorin Anett Kirchner ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt als lokale Reporterin regelmäßig für den Tagesspiegel Zehlendorf. Folgen Sie Anett Kirchner auch auf Twitter.

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