Steglitz-Zehlendorf: Vom Alltag einer blinden Frau : Der Hund, mein treuer Helfer!

Kathrin Backhaus ist blind, und sie hat mit zunehmendem Alter Angst, dass Menschen ihre Blindheit ausnutzen. Aber sie kämpft jeden Tag für bessere Bedingungen in Steglitz-Zehlendorf. An der Seite hat sie einen treuen Freund. Ihren Blindenführerhund.

Anett Kirchner
Kathrin Backhaus und Poseidon, ihr neuer Blindenführhund, der erst knapp zwei Jahre alt ist.
Kathrin Backhaus und Poseidon, ihr neuer Blindenführhund, der erst knapp zwei Jahre alt ist.Foto: privat

Wenn Kathrin Backhaus in der Schloßstraße in Steglitz allein unterwegs ist, läuft sie am Rand des Fußweges, dort, wo die kleinen in die großen Pflastersteine übergehen. Diese Linie hilft der sehbehinderten Frau zur Orientierung. Alle anderen Menschen laufen in der Mitte. „Wenn ich meinen Hund dabei habe, ist das ganz anders“, erklärt sie. Mit seiner Hilfe werde sie in die Gesellschaft integriert – und das nicht nur symbolisch gesehen. Der ausgebildete Blindenführhund läuft mitten auf dem Fußweg und führt Kathrin Backhaus sicher durch die Menschenmenge.

Das zeigt, wie wertvoll der Hund für sie ist. Mit ihm kann sie ein selbstbewusstes und eigenständiges Leben führen. Das bedeutet aber auch Verantwortung und Fürsorge. Mensch und Tier beschützen sich gegenseitig. Denn wenn der Hund im Dienst ist, also Kathrin Backhaus durch die Straßen von Steglitz-Zehlendorf begleitet, muss er sich konzentrieren. „Das ist für ihn richtig anstrengend“, erklärt die Sehbehinderte. Deshalb habe sie auch kein Verständnis für Passanten, die den Hund streicheln oder ansprechen.

Erst vor einigen Tagen ist bei Kathrin Backhaus ein neuer Blindenführhund eingezogen. Zwar freut sie sich sehr, macht sich aber gleichzeitig auch Gedanken. Beide müssen sich erst „beschnuppern“. Hat das Tier die Reife, sie konsequent durch die Straßen zu führen? Poseidon ist erst knapp zwei Jahre alt und ein Riesenschnauzer.

Zwei Jahre hat Kathrin Backhaus auf diesen speziellen Hund gewartet. Die Ausbildung zu einem Blindenführhund ist aufwendig und nicht jedes Tier eignet sich: „Es muss gute Nerven haben, zuverlässig, ausgeglichen und in jeder Hinsicht gesund sein.“ So ein Hund kostet soviel wie ein Mittelklassewagen. Bei Poseidon sind es rund 26.000 Euro. In diesem Fall übernimmt das die Krankenkasse. Kathrin Backhaus hat bereits Erfahrung mit Blindenführhunden. Vor Poseidon wurde sie acht Jahre lang von Hero begleitet; ebenfalls ein Riesenschnauzer.

Kathrin Backhaus mit ihrem alten Blindenführhund „Hero“
Kathrin Backhaus mit ihrem alten Blindenführhund „Hero“Foto: privat

Kathrin Backhaus ist in Lichterfelde-West zu Hause: Hier hat sie ihre Kindheit verbracht und hier lebt sie auch heute. Mitten in der Pubertät - da war sie gerade 16 - kam die Diagnose: Netzhautdegeneration. Das Gesichtsfeld wird zunehmend eingeschränkt. „Ich wollte das am Anfang nicht wahrhaben und habe mich selbst belogen“, verrät die heute 50-Jährige. Die Krankheit musste erst sinnbildlich an ihrer Seele kratzen, bis sie sich offenbarte.

Und dann? Ihr Leben krempelte sich komplett um: Blindenschrift erlernen, Laufen mit dem Langstock und eine Lehre zur Bürokauffrau an der Johann-August-Zeune-Schule für Blinde in Steglitz (www.blindenschule-berlin.de). Schemenhafte Umrisse kann sie heute noch wahrnehmen. Um die altersbedingt verringerte Sehschärfe auszugleichen, trägt sie eine Brille. Ihr rechtes Auge ist abgedeckt, weil sie dort irritierende Lichtreflexe sieht. Offiziell, also gesetzlich, gilt sie bereits als blind. Sicher ist: Eines Tages wird sie das auch vollständig sein.

Sie möchte in Lichterfelde-West bleiben

Viele Jahre arbeitete Kathrin Backhaus in der Firma ihres Lebensgefährten, managte das Büro. Trotz der Krankheit war ihr Leben normal. 2009 verlor sie dann plötzlich ihren Lebensgefährten. Herzstillstand. Für sie hieß das: Wieder neu anfangen. Sie richtete sich ihr Leben allein ein. Der Blindenführhund an ihrer Seite gab Halt.

„Heute habe ich Angst vor der Zukunft“, gibt die Früh-Rentnerin offen zu. Sie befürchtet, dass die Menschen ihre zunehmende Blindheit ausnutzen könnten. Manchmal spürt sie, wie sie verharren, schweigen oder einfach nur glotzen – anstatt mit wenigen Worten oder Taten zu helfen.

Sie möchte in Lichterfelde-West bleiben. Die äußeren Bedingungen für Blinde seien hier jedoch beschwerlich. Deshalb engagiert sie sich, will Gehör bei den politisch Verantwortlichen in Steglitz-Zehlendorf finden. Kathrin Backhaus ist im Beirat für Menschen mit Behinderung, in der Seniorenvertretung und in der Arbeitsgemeinschaft Mobilität und Verkehr der Lokalen Agenda 21.

Der Blindenführerhund ist der wichtigste Helfer.
Der Blindenführerhund ist der wichtigste Helfer.Foto: privat

„Ich bin bekannt als die Drei-Zentimeter-Tante“, sagt sie und schmunzelt. Denn die meisten Bordsteine in ihrer Umgebung seien an den Kreuzungen auf Null Zentimeter abgesenkt. Das könne lebensgefährlich für sehbehinderte Menschen sein, weil der spürbare Übergang zur Straße fehle. Im Berliner Straßengesetz sei verankert, dass der Bordstein auf drei Zentimeter abgesenkt werden dürfe.

„Also habe ich ein drei Zentimeter großes Holzklötzchen gebastelt“, verrät Kathrin Backhaus. Damit sei sie von Kreuzung zu Kreuzung gelaufen und habe die Höhe der Bordsteine aufgeschrieben. Die Liste schickte sie an das Tiefbauamt. Eine erste Reaktion gibt es: Am Augustaplatz seien die Bordsteine auf drei Zentimeter angehoben worden. Nun möchte sie weiterkämpfen, so lange, bis sie keine Angst mehr vor der eigenen Zukunft haben muss.Engagement zeigt Kathrin Backhaus auch im Internet. Sie ist aktiv bei Facebook und hat eine eigene Homepage. Mit dem Titel „Der Blindenführhund bei der Arbeit“ hat sie außerdem einen Film bei YouTube online gestellt.

„Computer sind für uns Blinde eine große Hilfe“, erklärt sie. Alles läuft über eine Sprachausgabe. Texte, E-Mails oder Routenplaner werden vorgelesen. Auch Smartphones sind beliebt. Beispielsweise wird eine SMS eingesprochen und verschickt. Oder man stellt laut eine Frage: Wie wird das Wetter in London? Sekunden später erklingt eine Stimme und trägt das Wetter der britischen Hauptstadt vor.

Die Autorin schreibt unter anderem für die Evangelische Wochenzeitung "dieKirche". Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.

  

 




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