Streit um Neubau am Großen Wannsee in Zehlendorf : Empörungswellen am Wannsee

Am Großen Wannsee verärgert ein Neubau die Anwohner. Nach geltendem Bebauungsplan hätte das Gebäude gar nicht errichtet werden dürfen. Bezirksstadtrat Norbert Schmidt spricht von einem "Einzelfall" und verspricht, dass in den nächsten zwei Jahren keine weiteren Bauten dieser Art auf der Grünfläche am Wannsee entstehen werden.

Christian van Lessen
Das zweistöckige Bootshaus mit Übernachtungsmöglichkeit soll zwar nur als Wochenendhaus dienen, verärgert aber trotzdem die Anwohner. Foto: Christian van Lessen
Das zweistöckige Bootshaus mit Übernachtungsmöglichkeit soll zwar nur als Wochenendhaus dienen, verärgert aber trotzdem die...Foto: Christian van Lessen

Am Wannsee-Ufer sind Anwohner in heller Aufregung und verärgert. Die Wellen der Empörung schlagen hoch, die Wut auf das Bezirksamt ist groß. Es geht um einen massiven größeren Rohbau, der inzwischen auf dem Grundstück Am Großen Wannsee 12 d direkt am See entstanden ist. Er ist zwar nur zweistöckig und firmiert nach Angaben des Bezirksamtes als „Bootshaus mit Übernachtungsmöglichkeit“, als Wochenendhaus, aber das tröstet Anwohner auf der gegenüberliegenden Straßenseite und in näherer Nachbarschaft nicht. Das Gebäude in bester Wasserlage vor ihrer Nase hätte nach geltendem Bebauungsplan gar nicht errichtet werden dürfen, weil das Gelände, zu dem noch weitere Grundstücksteile verschiedener Eigentümer gehörten, als Grünfläche ausgewiesen ist.

Anwohner fürchten weitere Luxusbauten


Hier sollte sogar mal ein öffentlicher Uferwanderweg entstehen. „Das Bezirksamt scheint gewillt, das Wannsee-Ufer um jeden Preis zuzubauen“, meint Frank Baumann, einer der Kritiker aus der Nachbarschaft. Er fürchtet, dass andere Grundstückseigentümer nun ebenfalls auf den Geschmack kommen und direkt am Wasser Baupläne dieser Art schmieden und Wohnhäuser und schmucke Villen errichten. Norbert Schmidt (CDU), Stadtrat für Stadtentwicklung in Steglitz-Zehlendorf versucht, erhitzte Gemüter zu beschwichtigen und spricht von einem „Einzelfall“. Alles sei rechtens gelaufen.

Das aber zu erklären, scheint angesichts der Emotionen und Spekulationen um Grundstücksgroßeinkäufer am Wannsee nicht leicht. Die Vorwürfe aus der Nachbarschaft sind massiv. Offensichtlich seien sämtliche Vorschriften verletzt, Geschossflächenzahl, Abstand zum See, und, und, und, schimpfen Anwohner, von Bürgerbeteiligung keine Spur. Wie passen Bau und Grünfläche zueinander?

Bezirksamt stimmte 1991 gegen die Nutzung des Geländes als Grünfläche


Eine klassische Grünfläche, wie sie der noch gültige Bebauungsplan aus West-Berliner Zeiten vorsieht, ist das von mehreren Eigentümern parzellierte Gelände allerdings nie geworden. Der Wanderweg blieb ein schöner Traum. Dafür machten sich unter anderem Wassersportvereine mit mehr oder weniger provisorischen Bauten breit, etwa Holzhütten. Denn schon kurz nach der Wende, im Jahr 1991, hatte das Bezirksamt beschlossen, sich vom Ziel einer Grünfläche auf diesem Gelände zu verabschieden. Die näheren Hintergründe lassen sich nach Ansicht des Stadtrats nicht mehr genau klären, vermutlich sah man den Bedarf an Grünflächen durch das nun zugängliche Umland und die Renaturierung des großen Campinggeländes in Heckeshorn gedeckt.

Der Autor war lange Jahre Redakteur in der Berlin-Redaktion des Tagesspiegel. Er lebt in Zehlendorf. Foto: Mike Wolff
Der Autor war lange Jahre Redakteur in der Berlin-Redaktion des Tagesspiegel. Er lebt in Zehlendorf.Foto: Mike Wolff

Jedenfalls sollte das Gelände am Großen Wannsee nun offiziell Wassersportgelände werden. Aber es blieb beim Plan-Entwurf, detaillierte planungsrechtliche Vorgaben für das Gelände sind bis heute nicht entwickelt worden, auch weil sich offenbar auf dem Gelände lange nichts Aufregendes tat, was das Bezirksamt zur weiteren Planung hätte ermuntern können. So hat sich zwischen vorgeschriebener Grünfläche und geplanter Wassersportfläche in mehr als 20 Jahren rechtlich rein gar nichts getan. In diese Lücke ist nun das Bauprojekt des privaten Eigentümers gestoßen, der sich aus dem Kuchen des parzellierten Geländes etwa ein Viertel herausgeschnitten und den Bau des massiven Hauses in Auftrag gegeben hat .


Bezirkstadtrat Schmidt spricht von einem "Einzelfall"


Der Bezirk sah damit sein Ziel eines Wassersportgeländes nicht in Frage gestellt, im Gegenteil. „Ein Bootshaus, in dem man sich aufhalten und übernachten kann, konterkariert nicht unsere Pläne“, sagt der Stadtrat. Es gebe keine Baugenehmigung, die sei im Zuge eines „Freistellungsverfahrens“ auch nicht nötig, der Architekt werde auf die Einhaltung von Vorschriften achten. Schmidt betonte in diesem Zusammenhang, das Bezirksamt leide unter akutem Personalmangel, abgesehen von Großprojekten bearbeite nur ein Mitarbeiter alle Bauvorhaben. Vielleicht hätten angesichts der beantragten Höhe von über fünf Metern die Alarmglocken früher läuten müssen. Auch er sehe durchaus Gefahren für das Ufer, aber das umstrittene Projekt bleibe ein Einzelfall, man werde die Arbeit am neuen Bebauungsplan mit verbindlichen Bauvorgaben nun fortsetzen. Bis zur endgültigen Planfestsetzung durch das Land Berlin in vielleicht zwei Jahren werde man weitere Bauten dieser Art auf dem Gelände nicht zulassen.

Eine Klage von Anwohnern vorm Verwaltungsgericht auf kurzfristigen Baustopp ist inzwischen abgewiesen worden, nachbarschaftliche Rechte seien nicht verletzt worden, hieß es, aber das Widerspruchsverfahren ist noch nicht entschieden. Das Haus wird bald fertig sein.

Der Autor war lange Jahre Redakteur in der Berlin-Redaktion des Tagesspiegels und lebt in Zehlendorf. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




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