Streit um Rugbystadion in Berlin-Dahlem : "Das ist Bürgerverachtung"

Einige Bürger wünschen sich in Zehlendorf schon die alte WUB wieder, die "Wählergemeinschaft Unabhängiger Bürger". Derweil geht der Streit um ein geplantes Rugbystadion weiter. Unser Autor argumentiert gegen einen Standort in Dahlem.

Hans-Roland Fäßler
Schwer zu fassen: Immer noch ist offenbar nicht klar, welchen Standort das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf für das geplante Rugbystadion des Berliner RC präferiert. Die Anwohner hinter der ehemaligen Truman Plaza wollen den Standort an der Wilma-Rudolph-Schule verhindern.
Schwer zu fassen: Immer noch ist offenbar nicht klar, welchen Standort das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf für das geplante...Foto: Imago

Der geplante Bau eines Rugby-Stadions auf dem Gelände der Wilma-Rudolph-Oberschule (WRO) gehört zusammen mit dem Hundeverbot am Schlachtensee zu den Topthemen der Bürger in diesem Wohnviertel. Dies ist das Ergebnis einer Nachbarschaftsumfrage der SPD Steglitz-Zehlendorf, über das die Vorsitzende der SPD-Abteilung Krumme Lanke, Ulrike Wöhning, kürzlich auf einer Informationsveranstaltung der Interessenvereinigung Bürgerbeteiligung Dahlem (IVBB) im Musiksaal der WRO berichtete.

Über 50 Betroffene aus der Bruno-Taut-Siedlung und den angrenzenden Wohnanlagen waren der Einladung der Bürgerinitiative gefolgt: das an Bürgerverachtung grenzende Verhalten der für die Planung zuständigen Bezirksstadträtin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) ist der Top-Aufreger im Kiez: in dieser aufgeladenen Stimmung befassen sich bereits Betroffene aus der eher schwarz-grünen Wählerklientel mit dem Gedanken, die WUB wiederzubeleben, die 1974 als "Wählergemeinschaft Unabhängiger Bürger" gegründet worden war und 1975 mit 12,9 Prozent der Stimmen im Triumphzug in die Bezirksversammlung eingezogen war. Ihr Engagement verhinderte damals den Bau eines geplanten Straßentunnels in Zehlendorf. Und nun fordert die Art und Weise, wie das Rugby-Stadion auf dem Gelände der WRO an den Betroffenen vorbei geplant und gebaut werden soll, die Menschen im Viertel politisch stärker heraus, als sich die meisten je hätten vorstellen können.

Cerstin Richter-Kowoski hat bei einer ersten, stürmischen Informationsveranstaltung in der WRO erklärt, sie hätte die Öffentlichkeit informieren wollen, nachdem alle vorgelagerten Fragen geklärt worden seien. Inzwischen sind sich die Betroffenen sicher, dass sie vor vollendete Tatsachen gestellt werden sollten. Immer noch sind wesentliche Fragen offen; auch der Fraktionsvorsitzende der SPD in der Bezirksverordnetenversammlung ( BVV), Norbert Buchta, fühlt sich als Parlamentarier übergangen. Im Sportausschuss und im Schulausschuss der BVV - vor denen sie als zuständige Bezirksstadträtin Rechenschaft abzulegen hat - spreche sie, sagte Buchta, "mit gespaltener Zunge". Für uns Bürger ist klar: Jedes Gremium kriegt also den Honig ums Maul geschmiert, der ihm besonders schmeckt.

Vor vier Jahren bot der Bezirk die Sachtlebenstraße an

Ulrike Wöhning und Norbert Buchta versprachen, nicht nur zuzuhören und die Probleme der Betroffenen verstehen zu lernen, sondern auch unser Anliegen einer angemessenen Bürgerbeteiligung nachhaltig zu unterstützen. Für die CDU und Grüne, staunte Buchta, sei es ausreichend, angekündigte, aber längst noch nicht beauftragte Machbarkeitsgutachten ins Internet zu stellen. Das, so habe man ihm aus der schwarz-grünen Koalition bedeutet, sei Bürgerbeteiligung genug. Das ist aus unserer Sicht nicht nur Missachtung der Bürgerrechte, sondern eben: Bürgerverachtung.

Die Informationsveranstaltung war von Sachlichkeit und der Sachkompetenz fachkundiger Bürger geprägt. Der in Begleitung Norbert Buchtas im Clubsakko des Berliner Rugby-Clubs erschienene André Piede zeigte Flagge: Der Verein wünsche sich, dass der Bezirk ihm endlich eine geeignete Sportstätte zur Verfügung stelle. Vor vier Jahren hätten Bezirksvertreter dem BRC den Standort Sachtlebenstraße angeboten, den der Verein zusammen mit Baseballern gerne genutzt hätte. Dann sei davon plötzlich nicht mehr die Rede gewesen; der Bezirk habe nun auf dem Standort WRO bestanden. Woher dieser Sinneswechsel kam, hat nie jemand erfahren.

Nun hat Norbert Buchta zwei Schriftliche Anfragen an den Bezirk gerichtet, mit denen er sowohl der BVV als auch den Betroffenen Aufklärung darüber verschaffen will, welche Gutachten (Umwelt, Verkehr, Emissionen, etc.) für beide Standorte beauftragt werden sollen, welche planungsrechtlichen Kriterien gelten sollen und wie das mit einer nachhaltig betrachteten Finanzierung aussieht. Buchta hat in seinen Fragenkatalog eine Reihe von Erkenntnissen aufgenommen, die fachkundige Bürger aus der Nachbarschaft der WRO durch eigene Recherchen gewonnen haben.

In der BVV am Mittwoch hatte die SPD viele Fragen

Gegen den Standort  Sachtlebenstraße führt der Bezirk hohe Kosten für die Sanierung durch Schadstoffe unbekannter Herkunft kontaminierter Flächen ins Feld, obwohl darauf seit Jahrzehnten Sport betrieben wird; diese Kosten müssten allerdings vom Land Berlin und nicht vom Bezirk übernommen werden. Das Altlasten so oder so nichts auf und unter Sportplätzen zu suchen, auf denen unsere Kinder und Jugendlichen Sport treiben, ist der entscheidende Punkt, auf den die verantwortliche Politikerin im Bezirk wohl noch nicht gekommen ist.

Die Hoffnung der Betroffenen, dass der Bezirk die Fragen Norbert Buchtas umfassend beantwortet und dieses unsägliche Verfahren endlich transparent gestaltet, ist nicht sehr groß. Bezirksbürgermeister Norbert Kopp und Karl-Georg Wellmann von der CDU bringen zwar Verständnis für die Nachbarn der WRO auf und geben zu erkennen, dass sie diesen Standort für untauglich halten. Aber passiert ist bisher - jedenfalls für uns erkennbar: - nichts. Ihre Parteifreundin Richter-Kotowski treibt mit den Anwohnerinteressen weiter ihr dubioses Spiel.

Streit ums Ei. Im Sommer schien es so, als würden alle Beteiligten sich doch auf die Sachtlebenstraße einigen können. Aber noch immer ist alles offen und die Wilma-Rudolph-Schule nicht aus dem Rennen. Was wiederum eine Bürgerinitiative in Aktion gebracht hat.
Streit ums Ei. Im Sommer schien es so, als würden alle Beteiligten sich doch auf die Sachtlebenstraße einigen können. Aber noch...Foto: Imago

Es verfestigt sich der Eindruck, dass sie über die Durchsetzung des Rugby-Stadions auf dem Gelände der WRO ihre Ambitionen auf das Amt der Bezirksbürgermeisterin voranbringen und Norbert Kopp aus dem Amt drängen will. Die Menschen im Kiez sind fassungslos, dass parteiinterne Machtkämpfe auf ihrem Rücken ausgetragen werden sollen. Immerhin: Bei Ulrike Wöhning und Norbert Buchta von der SPD haben die Betroffenen das Gefühl, dass ihre Interessen ernst genommen werden. Aber auch hier gilt: Der Worte sind genug gewechselt, nun lasst uns endlich Taten sehen.

Die Nachbarschaft der WRO ist jederzeit bereit, den BRC bei der Suche nach alternativen Standorten zu unterstützen, aber ein Rugby-Stadion auf dem Schulgelände in einer naturgeschützten, schon an jedem normalen Schultag dem Verkehrsinfarkt ausgesetzten Gegend ist ein Schildbürgerinnenstreich, den wir mit allen politischen und juristischen Mitteln verhindern werden.

Der Autor ist Sozialdemokrat und Vorstandsmitglied der IVBB Dahlem. Die Redaktion hat keinen Einfluss auf die Intention des Textes genommen. Der Tagesspiegel-Zehlendorf lädt alle Beteiligten und auch alle Parteien im Bezirksamt ein, einen eigenen Beitrag zu verfassen und die eigene Sicht der Dinge zu erläutern.

Folgen Sie der Redaktion Zehlendorf gerne auch auf Twitter.




Liebe Leserinnen, liebe Leser,

willkommen im Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf. Unsere lokale Plattform ist offen für Debatten, die die Bürger in Steglitz und Zehlendorf bewegen. Auch direkt aus dem Kiez heraus, aktuell, bürgernah und kritisch. Gerne laden wir auch Sie ein, das Portal gemeinsam mit uns weiterzuentwickeln und zu befüllen; auch die gesellschaftlichen Gruppen und Multiplikatoren sind aufgerufen, eigene Diskussionsbeiträge zu verfassen. Wenn Sie Lust haben, eigene Texte zu liefern, oder Anregungen zu kommunalpolitischen Themen haben, schreiben Sie uns gerne an: steglitz.zehlendorf@tagesspiegel.de

Ihr Team von Tagesspiegel Steglitz-Zehlendorf

14 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben