Superintendent Krug über das Gedenken zum 8. Mai : Segen beruht auf Austausch

Das Gedenken zum 8. Mai hat sich im Lauf der Jahrzehnte gewandelt: Heute dient die Erinnerung weniger der Trauerbewältigung als dem Frieden und der Begegnung, schreibt an dieser Stelle der Superintendent des Kirchenkreises Teltow-Zehlendorf.

Johannes Krug
Jugendaustausch, wie hier im vergangenen Jahr - 70 Jahre nach Kriegsende - zwischen Deutschen, Russen und Polen, ist immer noch die beste, wirksamste Prophylaxe gegen Abgrenzung, Hass und Krieg, sagt unser Autor, Superintendent im Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf
Jugendaustausch, wie hier im vergangenen Jahr - 70 Jahre nach Kriegsende - zwischen Deutschen, Russen und Polen, ist immer noch...Foto: www.jugend-erinnerung.de

Der 8. Mai 1945 war ein Dienstag. In Zehlendorf war der Krieg schon zwei Wochen zuvor, am 24. April, zu Ende, nachdem die Rote Armee von Süden her den Teltowkanal überquert hatte. Es war Frühling geworden zwischen dem kleinen und dem großen Ende. Am 08. Mai war es sogar etwas wärmer als sonst um diese Zeit. Ein Soldat der Roten Armee, Ilja Kritschewski, erinnert sich: „Der Tag war frühlingshaft, sonnig. Leichte, wie mit Wasserfarbe hingetupfte Wölkchen zogen langsam über den Himmel.“ Doch es lag etwas Süßliches in der Luft – im Frühjahr 1945 war das allerdings nicht der Flieder. Verwesungsgeruch lag über der Stadt. Der Tod war allgegenwärtig. Und wer den Krieg überlebt hatte, kauerte oft nur in Kellerlöchern. Ein britischer Reporter, Thomas Cadett, fasste seine Eindrücke vom Berliner Mai '45 so zusammen: „Die Bevölkerung ist apathisch.“

Am 08. Mai 2016 erinnern wir uns wie die 70 Jahre davor, was am 08. Mai 1945 geschah. Und wir erinnern uns, wie es so weit kommen konnte. Erinnern ist niemals ein Selbstzweck. In den ersten Jahren nach Ende des Krieges war für Viele die Erinnerung mit Bewältigung von Verlust, Trauer und schrecklichen Bildern verbunden. Dann kam die Zeit, in der die geschichtliche Deutung des Tages im Vordergrund stand. Ein Höhepunkt bleibt zweifellos Richard von Weizsäckers große Rede zum vierzigsten Jahrestag, die klar stellte, dass der 08. Mai ein Tag der Befreiung sei – freilich mit sehr unterschiedlichen Folgen für die beiden Teile Deutschlands.

Segen ruht nach biblischer Überzeugung auf Begegnung, auf Austausch. Jugendaustausch zwischen den einstigen Kriegsgegnern (und über sie hinaus) hält unser Autor für die wichtigste Lehre aus dem, was damals geschah
Segen ruht nach biblischer Überzeugung auf Begegnung, auf Austausch. Jugendaustausch zwischen den einstigen Kriegsgegnern (und...Foto: www.jugend-erinnerung.de

Heute, 71 Jahre später, hat sich der Charakter des Tages wieder gewandelt. Was in den Jahren zuvor immer schon mitschwang, ist ganz in den Vordergrund getreten: Heute erinnern wir uns, damit unsere Geschichte nicht noch einmal in einem Trauerspiel endet. Unser Gedenken dient dem Frieden, aus unserer Erinnerung soll Zukunft werden, aus unserer Rückschau Weitblick. Darum halte ich es für die große Herausforderung an diesem Tag, eine Form des Gedenkens zu finden, die anschlussfähig ist für die Jugend, denen der 2. Weltkrieg so weit entfernt ist wie den heute fünfzig Jährigen der Kaiser. Ernste Worte, traurige Musik und Kranzniederlegungen hatten ihre Zeit. Die Jugend werden wir damit nicht für ein Gedenken gewinnen.

In unseren Tagen können wir die Erinnerung an die unselige Geschichte und das Ende der Naziherrschaft gut gebrauchen. Hierzulande nimmt die Anfälligkeit für markige Rhetorik zu. Es fallen wieder mehr Menschen herein auf politische Positionen, die auf Ausgrenzung und Angstmacherei setzen. Der 08. Mai steht auch dafür, dass Führerlust und Untertanengeist, Angstmacherei und Überlegenheitswahn doch nur wieder in einem Trauerspiel enden können. Christlich gesprochen: Auf ihnen liegt kein Segen.

Der Austausch zwischen den jungen Deutschen, Russen und Polen wurde begleitet von einem Team des Jungen Deutschen Theaters. Dabei entstand ein Theaterstück, das am Volkstrauertag 2015 am Deutschen Theater Premiere hatte.
Der Austausch zwischen den jungen Deutschen, Russen und Polen wurde begleitet von einem Team des Jungen Deutschen Theaters. Dabei...Foto: www.jugend-erinnerung.de

Segen ruht nach biblischer Überzeugung auf Begegnung, auf Austausch. Ich halte Jugendbegegnungen, Jugendaustausch zwischen den einstigen Kriegsgegnern (und über sie hinaus) für die wichtigste Lehre aus dem, was damals geschah. Wenn das Erinnern an diesem Tag Jugend zusammenführt, hat sie ihr Ziel erreicht.  

Im vergangenen Jahr hat die Evangelische Kirche in Zehlendorf, unterstützt von zahlreichen Partnern, 18 Jugendliche aus Deutschland, Polen und Russland eingeladen, sich 70 Jahre nach Kriegsende gegenseitig zu besuchen. Sie haben sich in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, getroffen, in Krakau, nicht weit entfernt von Auschwitz. Und in Berlin. An den drei Symbolorten des großen Krieges haben wir die Jugend von heute der Kriegsgegner von einst zusammengebracht. Sie sind sich begegnet, haben Zeitzeugen gesprochen und drei unterschiedliche Erinnerungskulturen kennengelernt. Bei ihren Treffen wurden sie begleitet von einem Team des Jungen Deutschen Theaters, und bei diesen Begegnungen ist ein Theaterstück entstanden, das am Volkstrauertag am Deutschen Theater Premiere hatte. Wer das Glück hatte, dabei zu sein, war tief berührt. Die Evangelische Kirche hat hier die Initiative ergriffen, weil wir davon überzeugt sind, dass Begegnung, Jugendaustausch immer noch die beste, wirksamste Prophylaxe sind. Würden wir nur ein Bruchteil dessen, was Kriege morgen kosten werden, heute in den Jugendaustausch stecken – wir hätten heute jeden Euro richtig investiert und morgen viel Geld gespart. Aktuell planen wir ein Folgeprojekt.

Johannes Krug, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Teltow-Zehlendorf
Johannes Krug, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Teltow-ZehlendorfFoto: Martin Kirchner

Im Mai 2016 verdanken wir den süßlichen Duft wieder dem Flieder. Selbstverständlich ist das nicht. Jetzt ist es an uns, gerade nicht apathisch zuzuschauen, wie sich unser Land um uns herum verändert, sondern wach, teilnehmend und beherzt Austausch und Begegnungen zu fördern. Damit auch unsere Kinder an diesem Tag nur das eine in der Nase haben: den Frühling.

Rundfunkgottesdienst am 8. Mai 2016, 10 Uhr, Pauluskirche Zehlendorf, Kirchstraße 6, 14163 Berlin, Einlass bis 9.30 Uhr

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