Ü18 - die Leserreporter : Atemlos in Zehlendorf

Abgehetzt, ausgepumpt – und dann ist auch noch die S-Bahn weg oder der Bus. Was macht man da? Vielleicht stehen bleiben, inne halten, atmen und einfach mal zur Ruhe kommen. In Zehlendorf geht das ganz gut.

Christian Petzold
Der Autor, Christian Petzold, ist Jahrgang 1965 und lebt mit seiner Familie in Zehlendorf.
Der Autor, Christian Petzold, ist Jahrgang 1965 und lebt mit seiner Familie in Zehlendorf.Foto: privat

Ein regnerischer Tag in Zehlendorf. Ich bin dennoch fast eine Stunde durch das nasse Fischtal gelaufen, um dem Sitzen am Schreibtisch etwas entgegen zu setzen. Von der Clayallee kommend, über die Schützallee und Riemeisterstraße zum Fischtal. Aufbrausende Winde hieß es im Radio. Entsetzlich, denn immer meine ich, Gegenwind zu haben. Da quält man sich. Auch noch gegen den Wind. Ein langes Stück also bin ich gelaufen und geriet außer Atem. Ich musste stehen bleiben. Aber diese Atemlosigkeit war verbunden mit einem gewissen Entzücken, das die heftig eingesogene frühlingshafte Luft in mir entstehen ließ. Dazu die dann doch angenehme Nötigung, innezuhalten, stehen zu bleiben. Tief einzuatmen.

Einen Tag zuvor war ich einem S-Bahnzug der Linie 1 („Zurückbleiben bitte“) nachgelaufen, den ich unbedingt bekommen musste. Innerlich aufgepumpt mit geballtem Ärger über die ständige Unpünktlichkeit der Busse. Und noch mehr! Wer macht eigentlich diese Fahrpläne? Alle Busse kommen fast immer auf einmal und wenn man diese verpasst, steht man in Zehlendorf Seit an Seit mit anderen Leidensgenossen. Dann quälen sich die Busse im Stau hinunter zum Teltower Damm. Am S-Bahnhof Zehlendorf, die Obsthändler bauen sich gerade auf und verkünden zugleich die Sonderangebote, quillt es  Richtung Treppe zum Bahnsteig. Meist hektisch, manchmal schubsend. Vorsicht ist geboten. Die Schuhe sind geputzt.

  Aber gut. Ich habe es geschafft. Hänge nun durchgeschwitzt und hechelnd in meinem Sitz, mühsam nach Atem ringend: ein beängstigender Stress. Schön kann es sein, atemlos zu sein. Und Atemlosigkeit kann schaurig sein. In der Atemlosigkeit kann man dem prallen Leben, aber auch dem blassen Tod nahe sein. Atmen müssen wir nicht lernen. Aber wir haben doch – so scheint es – ein wenig vergessen, was „atmen“ auch ist. „Alle sprachen leiten aus den sinnlichen begriffen des wehens, hauchens, blasens, athmens, da die seele dem menschen eingeblasen und wieder von ihm ausgeblasen wird, auch die vorstellung des geistes und der seele her“ heißt es im Grimmschen Wörterbuch. Ruach ist im Hebräischen der Geist und der Atem (man hört im gesprochenen ruach ja das Hauchen). Das griechische Wort „Psyche“ kennen wir, wissen aber nicht mehr, dass Atem und Seele auch in diesem Wort verschränkt sind, nicht anders ist es bei „spiritus“ und „anima“ (lateinisch). Noch immer öffnen manche Menschen das Fenster, wenn ein Mensch gestorben ist, damit zugleich mit dem letzten Atemzug, der die Seele trägt, auch die Seele entfliehen kann.

Noch schnell am Gemüsestand vorbei, die Treppe hochgespurtet, und dann..., ja dann bekommt unser Autor vielleicht noch seine Bahn.
Noch schnell am Gemüsestand vorbei, die Treppe hochgespurtet, und dann..., ja dann bekommt unser Autor vielleicht noch seine Bahn.Foto: Thilo Rückeis

Heute bezeichnet der Atem die „Luftmenge, die bei der Tätigkeit des Luftholens bewegt wird“. Man kann die Spurengase im Atem messen, Lungen werden explantiert und implantiert. Ja, man kann natürlich „beatmet werden“. Auch das noch: Atemtherapeuten und Atemschulen preisen ihre Angebote im Internet an. Der Atem und die Seele? Das scheinen geschiedene Leute zu sein! Das also rauscht und windet durch den Kopf, als ich mich ziemlich außer Puste weiter Richtung Siebenendenweg schleppe. Inzwischen hat auch der Wind nachgelassen, und ich laufe mit einer erkennbaren Behäbigkeit weiter am Hertha 03-Gelände entlang, schaue kurz den Kids beim Fußballtraining zu und drehe dann wieder um. Nur nach Hause, bevor mir wieder der Atem weg bleibt.

Vielleicht erinnern wir uns künftig wieder an die Atemseele, den Seelenatem, wenn das Atmen erst einmal zwangsglobalisiert ist. Schon 1923 nimmt Hermann Hesse im „Steppenwolf“ das, was da kommt, vorweg: Gustav und Harry schießen gemeinsam Autos von der Straße. „Gustav lächelte: 'Ja, es sind eben gar zu viele Menschen auf der Welt. Früher merkte man es nicht so. Aber jetzt, wo jeder nicht bloß Luft atmen, sondern auch ein Auto haben will, jetzt merkt man es eben.“ Neulich hörte ich eine pikante Betrachtung im Radio: Atemluft ist längst industriell privatisiert worden. Rücksichtslose aller Art betrachten sie als ihren Besitz. Unsere „Inspiration“ speist sich aus der Chemiefabrik und aus Abgasen. Das alles natürlich nicht in Zehlendorf. Hier darf noch kräftig durchgeatmet werden. Aber klar ist schon: Atmen ist viel mehr als nur eine Funktion. Ich stehe leicht gebeugt und hechelnd vor der Wohnungstür.

Der Autor ist Experte auf dem Gebiet Demenz, Pflege und Alternde Gesellschaft




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