Ukrainische Kinder in Zehlendorf : Eine Zirkus-Auszeit vom Kriegsalltag

Trampolin statt Terror: Im Berliner Kinderzirkus Cabuwazi können Kinder aus ukrainischen Krisengebieten den Bürgerkrieg hinter sich lassen.

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Der Zirkus Cabuwazi in Zehlendorf hat mit deutschen und ukrainischen Kindern ein Programm auf die Beine gestellt.
Der Zirkus Cabuwazi in Zehlendorf hat mit deutschen und ukrainischen Kindern ein Programm auf die Beine gestellt.Foto: Davids

Drei blonde Mädchen stehen vor dem blau-gelben Zirkuszelt. Helena, 13, und Lydia, 11, rudern aufgeregt mit den Armen und gehen ein letztes Mal die Abläufe durch. In wenigen Minuten beginnt die Show, für die sie zwei Wochen emsig geprobt haben. Sie tragen schwarze Zylinder, viel zu große Fräcke und haben dickgeschminkte rote Lippen.

Die 12-jährige Nastia steht auch dabei, aber sie guckt etwas ratlos. Deutsch versteht sie nicht, denn Nastia ist nur zu Besuch in Berlin. Sie kommt aus der Ukraine. Ihr Zuhause ist Luhansk, eine Großstadt im Donbass, dem Krisengebiet an der Grenze zu Russland. Wegen des Bürgerkriegs wohnt sie mittlerweile in Charkiw.

Nun sind sie und 39 weitere Flüchtlingskinder aus Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, in die Partnergemeinde Zehlendorf gereist. Im Zirkus Cabuwazi auf dem Düppel-Gelände sollen sie den Krieg ein bisschen vergessen dürfen.

Ermöglicht hat ihnen das der Verein Partners Osteuropa, gegründet von den Berliner Grünen-Politikern Viola von Cramon und Oliver Schruoffeneger nach einem Ukraine-Besuch im vergangenen Herbst. Sie wollen den gesellschaftlichen Austausch zwischen Deutschland und der kriegsgeschüttelten Ukraine vertiefen – symbolisch, aber auch moralisch und ganz praktisch.

„In der Ukraine fragt man sich: Wir haben uns Europa zugewandt – aber wo seid ihr jetzt?“, erzählt Schruoffeneger. „Wir wollen den Kindern die Möglichkeit geben, Ferien zu genießen wie ganz normale Kinder, sie aus der belastenden Situation rausholen und das Selbstbewusstsein wieder aufpäppeln.“

Im Kinderzirkus Cabuwazi haben bis zum Ende der Sommerferien insgesamt 120 ukrainische Kinder die Möglichkeit, ein eigenes Zirkusprogramm auf die Beine zu stellen.

„Der Krieg ist vor allem im Kopf“

Allein in Charkiw, sagt Schruoffeneger, leben inzwischen mehr als 400.000 Binnenflüchtlinge. „Aber in Charkiw sind wir relativ sicher“, erzählt Victoria Bulgahowa. Die Lehrerin betreut mit ihren drei Kolleginnen die 40 ukrainischen Kinder, die momentan zu Gast sind. Zur Zeit gebe es immerhin noch alle ein bis zwei Wochen eine Explosion. „Der Krieg ist vor allem im Kopf und macht uns langsam kaputt. Jede Woche sehen wir die kaputten Panzer durch die Straßen rollen. Wir gehen schlafen und wissen nicht, was morgen passiert“.

Alltag im Flüchtlingsheim
Milat aus dem Iran schleift mit anderen die Außenseite des Kunstasyl-Bauwagens. Er ist das Symbol des Projekts. Das Heim befindet sich im Hintergrund. Im Februar hat die deutsch-schweizerische Künstlerin Barbara Caveng in einem Heim für Asylsuchende in Spandau ein Kunstprojekt begonnen. Beim "Kunstasyl" entscheiden die Bewohner mit den Künstlern gemeinsam, was sie tun wollen, um das Heim zu einer Heimat zu machen - und sei es auf Zeit. Ein Teil der Fotos von Till Rimmele sind am 23. Juli 2015 auch in einem vierseitigen Dossier zum Thema im gedruckten Tagesspiegel erschienen, oder nachzulesen im E-Paper.Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: Till Rimmele
23.07.2015 00:02Milat aus dem Iran schleift mit anderen die Außenseite des Kunstasyl-Bauwagens. Er ist das Symbol des Projekts. Das Heim befindet...

Auch Helena und Lydia, die zu der deutschen Delegation im Kinderartisten-Team gehören, wissen um die Not, die bei ihren neuen Freunden aus der Ukraine herrscht. „Aber sie reden nicht gerne darüber“, sagen sie. Stattdessen spielen die Kinder zusammen Kicker, bringen sich gegenseitig etwas Russisch und Deutsch bei.

Und manchmal wundern sie sich auch übereinander: „Letzte Woche gab es so kleine Gummibärchenpackungen und die ukrainischen Kinder haben sich mega gefreut“, staunt Lydia. „Die deutschen Kinder sind auch ein wenig komisch“, sagt Nastia. „Die essen Pizza mit Messer und Gabel“. So kommen sich die Ukraine und Deutschland auf dem Zehlendorfer Ascheplatz Stück für Stück näher. Nebenbei laufen die Proben für das Zirkusprogramm – und natürlich die Aufführungen.

Applaus – dann in die Rückkehr in die Realität

Wenn der Vorhang fällt, gibt es kein Halten mehr: „Viele von uns sind weit gereist!“, ruft Helena. „Manche von uns sind aus Zehlendorf, manche aus Steglitz und manche sogar aus Charkiw in der Ukraine!“ Dann fliegen Keulen und Bälle durch die Luft, Trampolinspringer hüpfen durch die Manege, Einräder flitzen im Kreis. Der 12-Jährige Karen schlurft ganz lässig herein und als derbe Hip-Hop-Beats loshämmern, legt er einen Breakdance hin, wie man ihn sonst wohl nur in der New Yorker Bronx zu sehen bekommt. Der schmächtige Geworg rast in einem Rhönrad durch die Manege und wieder zurück.

Das Publikum ist von der Vorstellung des Zehnjährigen überzeugt, alles johlt und klatscht, Gänsehautstimmung im Kinderzirkus. Die Kinder baden im Applaus, können noch einmal die Show genießen, bevor es am nächsten Tag zurück in die Realität, zurück nach Charkiw, geht.

Nach der Aufführung starrt Geworg, der kleine Rhönradfahrer, etwas bedrückt auf den Boden. Eigentlich sei er Armenier, seine Familie lebte aber seit jeher in Donezk – die Stadt, die die russischen Separatisten inzwischen zu ihrer Hauptstadt erklärt haben. „Deutschland ist schön“, sagt Geworg, „aber am liebsten würde ich zurück zu meinen Freunden nach Donezk. Wenn nur der Krieg endlich aufhört.“

Die nächsten deutsch-ukrainischen Vorstellungen des Kinderzirkus finden am 15. und 29. August jeweils um 14 Uhr in der Lissabonallee 6 in Zehlendorf statt. Der Eintritt ist frei.

Der Text erscheint auf dem Tagesspiegel-Zehlendorf, dem digitalen Stadtteil- und Debattenportal aus dem Berliner Südwesten.

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