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Unfallserie mit Berliner Linienbus : "Ein Wunder, dass niemand verletzt wurde"

Ein BVG-Busfahrer rammt einen Imbiss, Autos und fährt immer weiter. Er ist nüchtern - aber die Ärzte stellen etwas anderes fest.

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Am Tag danach. Dieser Imbiss wurde getroffen. Das Vordach hat Schaden genommen. Verletzt wurde niemand.
Am Tag danach. Dieser Imbiss wurde getroffen. Das Vordach hat Schaden genommen. Verletzt wurde niemand.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ein Busfahrer hat am Mittwochabend mehrere Verkehrsunfälle in Steglitz verursacht und anschließend den Linienbus in Schöneberg zurückgelassen. Das teilte die Berliner Polizei am Donnerstagvormittag mit. Beim Fahrer wurde Unterzuckerung festgestellt. "Derzeit wird geprüft, ob die Unterzuckerung ursächlich für das Verhalten des Busfahrers gewesen sein könnte", hieß es im Polizeipräsidium. "Verletzt wurde glücklicherweise niemand." Bei dem Fahrzeug handelt es sich um einen großen Doppeldecker.

44-Jähriger auf dem Weg gen Schlossstraße

Nach Angaben von Zeugen war der 44-Jährige gegen 19.35 Uhr mit dem Bus der Linie X76 (U-Bhf Walther-Schreiber-Platz - S-Bahnhof Lichtenrade) während einer Betriebsfahrt in der Kieler Straße von der Bergstraße kommend in Richtung Schlossstraße unterwegs. Plötzlich sei er auf den Gehweg gefahren, habe einen Imbiss gestreift und sei dann nach rechts auf die Fahrbahn der Schlossstraße abgebogen. Daraufhin fuhr der Bus über den Mittelstreifen und beschädigte diesen.

Auch ein Polizeiwagen wurde gerammt

Der Mann stoppte allerdings den BVG-Bus nicht, sondern fuhr weiter: In Höhe Schildhornstraße missachtete er nach Polizeiangaben die Rotphase einer Ampel. Dabei touchierte er mit dem Bus den an der Ampel wartenden VW einer 31-Jährigen und anschließend einen Polizeiwagen, der gerade wegen eines Einsatzes vor einem Einkaufszentrum parkte.

Am Tag danach war der Unfall Gesprächsthema am Imbiss.
Am Tag danach war der Unfall Gesprächsthema am Imbiss.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Am Innsbrucker Platz ließ der Fahrer seinen Bus zurück

Wieder stoppte der Mann nicht, wieder rollte der Bus weiter: Über die Rhein- und Hauptstraße fuhr der 44-Jährige weiter bis zum Innsbrucker Platz. Erst dort hielt er an "und ließ den Bus mit steckendem Schlüssel und laufendem Motor zurück". Rund zehn Minuten später kehrte der Busfahrer zurück.

Passanten, die zwischenzeitlich auf den Bus "aufgepasst" hatten, hielten den Busfahrer fest, bis die Polizei vor Ort war. Eine durchgeführte Atemalkoholkontrolle ergab einen Wert von null Promille. Rettungssanitäter stellten eine Unterzuckerung bei dem Busfahrer fest und brachten ihn zur Behandlung in ein Krankenhaus. Anschließend konnte er die Klinik wieder verlassen.

Imbiss-Mitarbeiter: "Ein Wunder, dass niemand verletzt wurde"

Bei dem getroffenen Imbiss handelt es sich um das Geschäft "Zur Bratpfanne". "Es war ein Wunder, dass letztlich niemand verletzt worden ist", sagte am Morgen danach Alexander Arndt, der als Prokurist in der Firma tätig ist. "Das Dach ist verbogen, vier Scheiben sind zerstört, die zwei Verkäufer haben einen Schock erlitten, aber zum Glück lief alles glimpflich ab." Der Imbiss steht dort seit den 60er Jahren. Das Unternehmen selbst wurde 1949 gegründet.

Kunden konnten offenbar ausweichen oder sahen den Bus kommen; so blieb es bei einem Seitenschaden an den vier Vordächern. Am Morgen danach machte der Imbiss wieder ganz normal auf, die Luken sind geöffnet. Der Schaden ist überschaubar, der Schreck groß.

Die BVG kontrolliert die Gesundheit der Mitarbeiter

Nach Angaben der BVG wird die Gesundheit der Busfahrer alle fünf Jahre kontrolliert. Das entspreche den gesetzlichen Vorgaben. Wenn eine chronische Krankheit vorliegt, könne auch öfter kontrolliert werden, sagte ein Sprecher der BVG. Das entscheide der betriebsärztliche Dienst.

Nach Angaben der Berliner Polizei kommt es pro Jahr in Berlin zu rund 2800 Unfällen, die von Bussen verursacht werden. Damit sind allerdings auch Reisebusse und Kleinbusse gemeint. Insgesamt handele es sich nur um zwei Prozent aller Unfälle in Berlin.

Die Folgen von Blutzucker

Wir haben zu dem Fall auch Dr. Hartmut Wewetzer befragt, Leiter der Wissen- und Forschen-Redaktion beim Tagesspiegel. Er schreibt: "Sinkt der Glukosespiegel im Blut unter eine bestimmte Grenze, dann kann das Gehirn nicht mehr richtig arbeiten. Denn es ist ganz besonders auf die regelmäßige Zufuhr von Traubenzucker (Glukose) durch das Blut angewiesen. Glukose ist der entscheidende „Treibstoff“ des Gehirns. Obwohl es nur zwei Prozent Anteil am Körpergewicht hat, verbraucht es 20 Prozent der in Form von Glukose bereitgestellten Energie. Deshalb ist es in erster Linie das Gehirn, das unter einer Unterzuckerung (Hypoglykämie) leidet.

"Der Körper schüttet Adrenalin aus"

Die Störung der Gehirnfunktion kann sich in Benommenheit, Verwirrtheit, Sprachstörungen,  Sehstörungen (Doppelbilder, Verschwommenheit), merkwürdigem Verhalten und vielem mehr äußern. Außerdem versucht der Körper, der Unterzuckerung zu begegnen, indem er Stresshormone wie Adrenalin ausschüttet. Dadurch kommt es zu Zittern, Schwitzen, Herzklopfen und –rasen und Heißhunger. Häufigste Ursache einer Unterzuckerung sind falsch dosierte Medikamente bei einer Zuckerkrankheit (Diabetes). Sie bewirken eine zu starke Absenkung des bei Diabetikern erhöhten Blutzuckerspiegels.




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