Vereinsmitgliedschaften für Kinder : "Du musst! Ich habe komplett bezahlt!"

Aufnahmegebühren, Verbandsgebühren, doppelte Mitgliedschaften und lange Kündigungsfristen - Vereinssport für Kinder ist kostspielig. Unsere Autorin hat mit ihren Kindern bereits einige Hobbys ausprobiert und versucht für den Tagesspiegel Zehlendorf, die Vereinspolitik zu durchschauen.

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Unsere Autorin findet: Es gehört zum Kindsein dazu, sich nicht auf Dauer festlegen zu müssen: Heute für Hockey zu schwärmen und morgen für Fußball
Unsere Autorin findet: Es gehört zum Kindsein dazu, sich nicht auf Dauer festlegen zu müssen: Heute für Hockey zu schwärmen und...Foto: Imago

Das erste Wort unserer Tochter – nach Mama, Papa - war „Pfärt“. Seit sie sich artikulieren kann, lässt sie keine Gelegenheit aus, uns ihren sehnlichsten Wunsch immer wieder deutlich zu machen: Reiten! Und das möglichst auf einem eigenen Pferd! Diesen Wunsch haben wir der Tochter bisher stets verwehrt, denn mein Mann, ihr Vater, leidet unter einer Pferdeallergie. Pferdeallergie zählt vermutlich ebenfalls zu den ersten Wörtern, die unsere Tochter aussprechen konnte, denn wir – die Eltern – wurden nicht müde, ihr immer wieder gebetsmühlenartig zu erklären, warum sie auf keinen Fall reiten kann. Einige Jahre ging das gut. So gut, dass sie sich (obwohl sie ja viel lieber reiten wollte!) auf Tennis einließ, zum Schwimmen ging und sich im vorigen Jahr, sechsjährig, für Hockey interessierte. An Tennis und Schwimmen hatte sie recht schnell das Interesse wieder verloren, und auch mit unseren Söhnen hatten wir bereits einige Vereinseintritte und Wiederaustritte durchgestanden. Welche Eltern kennen das nicht: Kaum hat man sich nach dem mehrwöchigen Probetraining dazu durchgerungen, das Kind richtig anzumelden, vergeht nur kurze Zeit, nach der die Tochter oder der Sohn verkündet: Will nicht mehr!

Hockey ist gerade bei Zehlendorfer Kindern ein beliebter Vereinssport. Doch nicht immer gehen die Kleinen gerne zum Training...
Hockey ist gerade bei Zehlendorfer Kindern ein beliebter Vereinssport. Doch nicht immer gehen die Kleinen gerne zum Training...Foto: Imago

Nun hat man aber bereits Mitgliedsbeitrag und Aufnahmegebühr bezahlt und kommt aus der Sache so schnell nicht mehr raus. Denn bei den meisten Vereinen beträgt die Kündigungsfrist – wie ich finde, nicht kindertaugliche - drei Monate zum Jahresende.

Nun also Hockey (denn Reiten geht ja nicht wegen Pferdeallergie!). Ich informierte mich über die Modalitäten in einem Zehlendorfer Sportverein, in dem eine Schulfreundin unserer Tochter bereits Hockey spielte. Und war geschockt! Dass mein Kind nach einem vierwöchigen Probetraining Mitglied werden soll, damit hatte ich gerechnet. Aufnahmegebühr und Verbandsgebühr fand ich ebenfalls okay. Dass aber auch mindestens ein „Elternteil“ passives Mitglied werden musste, wobei dann nochmals Aufnahme- und Verbandsgebühr anfallen sollten, empörte mich. Kosten insgesamt: fast 500 Euro!

Ich rief in der Geschäftsstelle an und beschwerte mich. Der Mitarbeiter war freundlich und zeigte Verständnis. Er erklärte, dass man so den Eltern die Gelegenheit geben wolle, über vereinsinterne Fragen wie Baumaßnahmen oder eben auch Mitgliedsbeiträge mit abzustimmen. Die Kinder seien ja noch nicht volljährig und daher nicht stimmberechtigt. Weiterhin signalisierte er, dass sich bislang noch niemand wirklich an dieser Praxis gestört habe.

Andere Eltern beklagen sich über die finanzielle Bürde

War ich denn die Einzige, die sich darüber ärgerte? Ich sprach andere „Elternteile“ darauf an. Auch sie beklagten sich und stöhnten über die finanzielle Bürde. Doch offensichtlich hatte es keiner zur Sprache gebracht. Alle hatten sie brav bezahlt. Eine Mutter meinte, dass mit der Doppel-Mitgliedschaft beabsichtigt werde, die Hürde des Austretens höher zu hängen und die Kinder zu binden. Erfahrungsgemäß sei es ja so, dass Kinder schnell wieder die Lust verlören und nicht ewig bei einer Sportart blieben. Eine andere Mutter sagte, primär ginge es ums Geld. Und ein Vater mutmaßte, dass die Vereine durch Doppel-Mitgliedschaften mehr Mitglieder bekämen und dadurch wohl mehr Förderung erhielten.

Ich informierte mich, wie die Bedingungen in anderen Vereinen in Steglitz-Zehlendorf waren und erfuhr, dass einige ebenfalls auf Doppel-Mitgliedschaften bestehen. Doch ein anderer Verein kam sowieso nicht infrage, da meine Tochter dort hin wollte, wo ihre Freundin bereits Hockey spielte. Also bezahlte ich zähneknirschend. Und nun musste auch die Ausrüstung angeschafft werden: Hockeyschläger (einer für's Feld, einer für die Halle), Schienbeinschützer, Hockey-Handschuh, Sportshirt mit Aufdruck, Hockeyrock, Zahnschutz). Zweimal wöchentlich war Training. Es machte der Tochter Spaß, einige Monate ging alles gut. Dann kam der Einbruch. Meine Tochter verlor die Freude an diesem Sport. Ich hielt es für eine Laune, wollte nicht gleich nachgeben und machte Druck: „Du musst! Ich habe komplett bezahlt!“

„Du weißt, dass ich eigentlich nichts anderes als reiten will!“, konterte sie.

Wieder erneuerte ich mein Sprüchlein mit der Pferdeallergie und einigte mich mit ihr auf den Kompromiss, nur einmal in der Woche zum Training zu gehen. Und während ich am Spielfeldrand saß und zusah, beneidete ich die „Elternteile“, deren Töchter begeistert über den Platz fegten, weil sie Hockey liebten und Spaß hatten. Meine Tochter hatte keinen Spaß. Sie fügte sich, doch sie war nicht mit dem Herzen dabei. Und in mir regte sich der Zweifel: War es richtig, dass ich sie hierher zwang? „Nur“ weil alles bezahlt war? Andererseits: Durfte ich so schnell klein beigeben? Musste man nicht auch mal was zu Ende bringen? Aber welches Ende bitte? Meine Güte, das Kind ist sieben. Sie hat das Recht und zum Glück auch die  Möglichkeit sich auszuprobieren! Das zu finden, was ihr Spaß macht, wofür sie eine Begabung hat! Die wenigsten Kinder bleiben ein Leben lang bei der ersten (oder zweiten oder dritten) Sportart, die sie anfangen. Und das gehört zum Kindsein doch dazu! Sich nicht auf Dauer festlegen zu müssen. Heute für Hockey zu schwärmen und morgen für Fußball. Sprunghaft sein zu dürfen – also Sprünge, sprich Erfahrungen machen zu können. Ich finde, dem sollten die Vereine mehr Rechnung tragen, wenn sie in ihren Satzungen die Modalitäten für Mitgliedschaften festschreiben. Bis zum 12. Lebensjahr sollten der Eintritt in und vor allem auch der Austritt aus einem (Sport)-Verein vereinfacht werden. Also weg mit den Doppel-Mitgliedschaften und her mit moderaten Kündigungsfristen, vier Wochen zum jeweiligen Halbjahr!

In mir keimte ein Entschluss. Ich sprach mit meinem (pferdeallergischen) Mann und wir beschlossen, im Hockeyverein zu kündigen und unsere nun bald achtjährige Tochter beim Reiten anzumelden. Wieder informierte ich mich, wo das in Zehlendorf möglich ist. Und wieder der Schock: Auch hier ist die Unsitte verbreitet, dass ein „Elternteil“ mit dem Kind Mitglied werden muss. Noch dazu wäre dies, alles in allem fast doppelt so teuer wie die Hockeymitgliedschaft. Für Familien mit mehreren Kindern, die in verschiedenen Vereinen Mitglied sein wollen, finanziell schier unmöglich zu bewerkstelligen.

Was war die Alternative? Durch einen glücklichen Zufall fand ich sie. Mitten in Zehlendorf existiert ein Pferdehof, klein und fein, liebevoll und kompetent geführt. Und so erfrischend normal. Es gibt keine Mitgliedschaft, weder fürs Kind noch fürs „Elternteil“. Man kann Kurse und Reitstunden buchen. Die Preise sind annehmbar (die Tiere und Anlagen wollen ja auch erhalten werden). Nun reitet unsere Tochter einmal in der Woche. Sie ist selig! Hat sie doch nach nahezu lebenslangem und zähem Kampf ihr Ziel (endlich reiten!) erreicht. Wie lange das anhält? Wir werden sehen. Da müssen wir, also mein Mann und ich – jetzt einfach mal durch. Pferdeallergie hin, Pferdeallergie her...

 Nicki Pawlow ist Schriftstellerin und lebt mit ihrer Familie in Berlin-Zehlendorf. Sie schreibt regelmäßig für den Tagesspiegel über die alltäglichen Dinge des Lebens. Zuletzt erschien ihr Roman „Der bulgarische Arzt“ (Langen Müller Verlag, München 2014). Folgen Sie Nicki Pawlow auch auf Twitter!




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