Von Zehlendorf nach Sansibar : Auf Suaheli wird's billiger

Unsere Bloggerin aus Zehlendorf ist drei Monate als freiwillige Helferin in Tansania und berichtet regelmäßig über ihre Erlebnisse. Dieses Mal ging es nach Sansibar, wo unsere Autorin zunächst dachte, sie sei an der Côte d'Azur gelandet.

Nora Tschepe-Wiesinger
Unsere Autorin in Stone Town, Sansibar.
Unsere Autorin in Stone Town, Sansibar.Foto: NTW

Meine Reise nach Sansibar beginnt mit einem Käsebrot. Ich habe seit drei Wochen weder Vollkornbrot noch Käse gegessen, stattdessen jeden Tag Reis oder Ugali (ein Getreidebrei aus Maismehl und das Nationalgericht in Tansania) – mittags und abends. Als meine deutsche Freundin Clara, mit der ich eine Woche Urlaub auf Sansibar mache, mir ihr bereits leicht verschrumpeltes Roggenbrot mit Gouda anbietet, bin ich im siebten Himmel.

Das Käsebrot ist nur der Beginn einer kulinarischen Luxuswoche mit Rührei zum Frühstück, Kartoffelbrei zum Mittagessen und frischem Salat zum Abendbrot. Während meines Urlaubs auf Sansibar esse ich kein einziges Mal typisch tansanisch und fühle mich dadurch eher wie im Strandurlaub am Mittelmeer als auf einer afrikanischen Insel im Indischen Ozean. Zu Sansibar gehört eigentlich eine ganze Inselgruppe, doch umgangssprachlich wird nur die größte der Inseln als Sansibar bezeichnet. Seit 1964 gehört der Sansibar-Archipel zur Vereinigten Republik Tansania.

Mein Gefühl, wieder in Europa zu sein, verstärkt sich durch die Unmengen weißer Touristen, die mit ihren Shorts und Sonnenbrillen leicht zu erkennen sind. Zwischen den muslimischen Einheimischen, von denen viele von Kopf bis Fuß verschleiert sind, wirken sie noch exotischer als auf dem tansanischen Festland. Dennoch haben sich die  Einwohner Sansibars, die Zanzibaris, mittlerweile fest auf die ausländischen Besucher eingestellt; der Tourismus ist die Haupteinnahmequelle der Inselbewohner.

In Stone Town, der malerischen Altstadt von Sansibar-Stadt (Zanzibar-Town), der Hauptstadt Sansibars, reiht sich ein Souvenirshop an den anderen und das Angebot an Restaurants und Cafés, in denen es europäisches Essen gibt, ist riesig. Die Strandpromenade ist gesäumt von Hotels, die in ihrer Größe und Ausstattung ohne weiteres auch an der Côte d’Azur stehen könnten. Hinzu kommen die vielen Straßenhändler, die jedem Touristen Gewürze, Armreifen und Strandtücher verkaufen wollen und dabei mitunter ziemlich aufdringlich werden. Als ich an einem rotweißen Perlenarmband erst Interesse zeige und dann doch dankend ablehne, werde ich von dem dazugehörigen Verkäufer eine halbe Stunde lang durch Stone Town verfolgt.

Kulinarische Luxuswoche...
Kulinarische Luxuswoche...Foto: NTW

Die sansibarischen Händler haben bei ihrer Arbeit nicht etwa ein lukratives Geschäft im Sinn, sondern wollen einfach nur ihre Ware loswerden. Folglich lässt sich der Preis für alles Verkäufliche verhandeln – besonders günstig wird es, wenn man Suaheli spricht. Ich bin froh, mit Clara unterwegs zu sein, die 2011/2012 für ein ganzes Jahr als Freiwillige in Tansania war. Während sich meine Suahelikenntnisse noch immer auf „Hakuna matata“ beschränken, spricht sie die tansanische Landessprache fließend und wird zu meiner persönlichen Shoppingassistentin und Reiseführerin.

Sansibar ist aufgrund der Scharen an Touristen im Vergleich zum tansanischen Festland unglaublich teuer, aber mit Claras Hilfe wird alles günstiger. Sie verhandelt souverän Taxi-, Bus- und Hotelpreise, und ich kann auf einmal doppelt so viel Souvenirs für meine Familie und Freunde kaufen, als in meinem Budget eigentlich vorgesehen ist. Ich nehme mir vor, unbedingt mehr Suaheli zu lernen, sobald ich aus Sansibar zurück bin, denn die Sprache ist nicht nur der Schlüssel zu günstigeren Preisen, sondern führt auch zu einem freundlicheren Umgangston aufseiten der Einheimischen.

An der Ostküste.
An der Ostküste.Foto: NTW

Dank Claras Sprach- und Landeskenntnissen sind wir zwar viel näher an den Tansaniern dran als die meisten Touristen, dennoch erweist sich unsere weiße Hautfarbe erschreckend oft als Mauer zwischen den Kulturen. Schon bei der Überfahrt mit der Fähre von Daressalam nach Sansibar-Stadt werden wir aufgrund unserer Hautfarbe bevorzugt behandelt. Obwohl wir uns ein Ticket für die Economyklasse kaufen, werden wir – wie alle Weißen – in die First Class, einen klimatisierten Raum mit breiten Ledersitzen und amerikanischem Fernsehprogramm, geleitet. Viele Touristen scheinen die plötzliche privilegierte Stellung zu genießen oder sogar zu erwarten; mir hingegen ist sie unangenehm.

Ganz gleich in welchem Hotel wir schlafen oder in welchem Restaurant wir essen – wir sind umgeben von Weißen und werden bedient von Schwarzen. Ich fühle mich schlecht, an einem einzigen Tag so viel Geld auszugeben, wie ein Tansanier durchschnittlich im gesamten Monat verdient. Einheimische, die gewerblich, in der Industrie oder im öffentlichen Dienst arbeiten, bekommen ungefähr 80.000 tansanische Schilling pro Tag; touristische Betriebe zahlen circa 150.000 Schilling. Umgerechnet entspricht das einem Monatslohn von 38 bis 70 Euro.

Auf Sansibar wird alles dafür getan, um den Touristen einen möglichst angenehmen Urlaub im westlichen Stil zu ermöglichen. Auch ich genieße die europäischen Toiletten, die warmen Duschen und das unglaublich leckere Essen; aber mein Gefühl, nicht mehr in Afrika, sondern an der Côte d'Azur sein, verstärkt sich von Tag zu Tag.

"Ganz gleich in welchem Hotel wir schlafen oder in welchem Restaurant wir essen – wir sind umgeben von Weißen und werden bedient von Schwarzen. Ich fühle mich schlecht..."
"Ganz gleich in welchem Hotel wir schlafen oder in welchem Restaurant wir essen – wir sind umgeben von Weißen und werden bedient...Foto: NTW

Clara ergeht es ähnlich, und so beschließen wir, nach vier Tagen im touristischen Stone Town an einen laut Lonely-Planet-Reiseführer „friedlichen und nicht überlaufenen“ Strand an der Ostküste der Insel zu fahren. Der Rezeptionist unseres Hotels in Stone Town will uns ein Taxi bestellen und wirkt erstaunt über unseren Plan, mit dem dalla-dalla, also wie die Einheimischen, zu fahren. Dalla-dallas sind die offiziellen öffentlichen Verkehrsmittel in Tansania. Sie als Busse zu bezeichnen, würde bei Westeuropäern das Bild klimatisierter, großräumiger Fahrzeuge hervorrufen, aber dalla-dallas sind weder klimatisiert, noch großräumig.

Die tansanischen Minibusse haben ungefähr die Größe eines VW-Family-Vans. Eine maximale Zahl zugelassener Passagiere gibt es nicht. Stattdessen versuchen die Busfahrer, ihre dallas-dallas so voll wie nur möglich zu kriegen, denn jeder zusätzliche Fahrgast bedeutet ein paar Schilling mehr. Einen Sitzplatz in einem dalla-dalla zu haben, ist demnach ein seltenes Privileg. Wird einem dieser Luxus zuteil, kann man sicher sein, vom nächsten zugestiegenen Fahrgast entweder ein Baby, ein Huhn oder eine Kiste Holz oder Mangos auf den Schoß gesetzt zu bekommen.

In den Straßen von Stone Town.
In den Straßen von Stone Town.Foto: NTW

Dalla-dalla-Fahrten sind ein einziges Abenteuer und die beste Möglichkeit, die Tansanier und ihre Kultur in kürzester Zeit auf Tuchfühlung kennen zu lernen. Aufgrund der Menschenmasse und der daraus resultierenden Enge sind die Minibusse als Transportmittel bei Touristen jedoch unbeliebt, und man sieht nur selten einen „mzungu“ dalla-dalla fahren.

Der sansibarische Busfahrer ist daher genauso verblüfft wie der Rezeptionist im Hotel, als er Clara und mich in seinen Bus einsteigen sieht. Eingequetscht zwischen einer Gruppe sansibarischer Schulmädchen fahren wir in rasantem Tempo nach Pongwe, einem kleinen Dorf an der Ostküste der Insel. Die Autoren unseres Reiseführers haben nicht zu viel versprochen: Der Strand ist bis auf ein paar Pärchen in ihren Flitterwochen menschenleer. Palmen biegen sich im Wind und der weiße Sand knirscht unter den Fußsohlen.

Clara gelingt es mit ihren Suaheli-Kenntnissen, ein von Einheimischen frequentiertes, also nicht für weiße Touristen bestimmtes Gästehaus aufzutreiben. In einfachen Bambushütten direkt am Meer verbringen wir zwei traumhaft ruhige Tage mit Schwimmen, Sonnen, Muschelnsammeln und einem Ausflug ins Dorf. Wie schon bei meiner ersten Taxifahrt durch Tansania fühle ich mich plötzlich in ein früheres Jahrhundert zurückversetzt. Während in den Hotels am Strand leicht bekleidete Menschen Cocktails trinken, kochen sansibarische Frauen keine hundert Meter entfernt Reis über dem offenen Feuer oder waschen ihre Wäsche mühsam mit der Hand. Ziegen und Hühner wuseln zwischen einfachen Steinhäusern umher und der Muezzin ruft ununterbrochen zum Gebet.

Auf einmal bin ich mir wieder sicher, in Tansania und nicht an der Côte d’Azur zu sein. Das für uns Deutsche so fremde und gleichzeitig faszinierende afrikanische Leben gibt es auch auf Sansibar. Man muss als Weiße nur ein bisschen länger danach suchen.

Die Autorin arbeitet als freie Mitarbeiterin für den Tagesspiegel und den Zehlendorf Blog, das Online-Magazin aus dem Südwesten. In den nächsten Monaten bloggt sie weiter aus Tansania.

 




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