Waris Dirie über weibliche Genitalverstümmelung : "Es ist ein Verbrechen an unschuldigen Mädchen"

Supermodel Waris Dirie wird am kommenden Mittwoch in Berlin-Zehlendorf das erste medizinische Zentrum für genitalverstümmelte Frauen eröffnen. Dem Zehlendorf Blog gab sie vorab ein Interview und spricht darin über ihr Engagement und Berlin als Pilotprojekt

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Waris Dirie bei einer UN-Konferenz im Jahr 2004
Waris Dirie bei einer UN-Konferenz im Jahr 2004Foto: AFP

Am 11. September wird Waris Dirie in Berlin-Zehlendorf das erste "Desert Flower Center" eröffnen, in dem genitalverstümmelte Frauen behandelt und operiert werden können. Im Waldfriede-Krankenhaus an der Argentinischen Allee wird sie auch eine alte Bekannte wiedertreffen: Sherry Hormann. Die Regisseurin wohnt nur ein paar hundert Meter entfernt vom Waldfriede am Mexikoplatz und hat das Buch "Wüstenblume" verfilmt, in dem Waris Dirie ihre Lebensgeschichte erzählt und selbst die Hauptrolle spielt. Mit dem Zehlendorf Blog hat sie in ihrem Urlaub in den USA über ihr Engagement und den Standort Berlin gesprochen.

Wie wichtig sind Berlin und Deutschland als Standort im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung?

Das "Desert Flower Center" wird das erste medizinische Zentrum sein, das eine ganzheitliche Behandlung der Opfer anbietet. Das ist ein sehr wichtiger Schritt.

Was heißt ganzheitlich?

Neben den chirurgischen und medizinischen Voraussetzungen bietet das Waldfriede auch psychologische Betreuung. Das ist wichtig.

Kann Berlin ein zentraler Ort für den Kampf werden, den Sie mit ihrer Desert Flower Foundation führen. Was wären die nächsten Schritte, die man zu machen hätte?

 Weil es das erste Zentrum ist, ist es wichtig. Wir werden von diesem Pilotprojekt lernen und nach einem Jahr die Ergebnisse anschauen und analysieren. Dann sehen wir weiter.

Aus dem Leben von Waris Dirie
Waris Dirie mit einem ihrer Bücher, hier der Bildband Wüstenblume.
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05.09.2013 13:44Waris Dirie mit einem ihrer Bücher, hier der Bildband Wüstenblume.

Wie lautet Ihr erster Satz, wenn Sie Frauen oder Männer treffen, für die Beschneidung Teil ihrer Kultur ist, und was ist Ihr stärkstes Argument, um sie zum Umdenken zu bewegen?

Weibliche Genitalverstümmelung hat nichts zu tun mit Religion, Kultur oder Tradition. Es ist ein Verbrechen an unschuldigen kleinen Mädchen, das verfolgt werden muss. Ich sage den Müttern, sie sollen aufhören mit dieser schrecklichen Praxis, weil sie doch wissen, wie schmerzhaft sie ist, und sie sollen ihre Töchter schützen.

Sollte das Geld für das Desert Flower Center in Berlin-Zehlendorf nicht lieber für Informationen und Hilfe in den Ländern eingesetzt werden, wo die Beschneidung noch immer durchgeführt wird?

Unsere Stiftung ist gegründet worden, um innovative Projekte voranzubringen und zu unterstützen, die helfen, das Problem der Genitalverstümmelung zu überwinden. Das Vorhaben des Waldfriede-Krankenhauses passt perfekt in unsere Philosophie. Wir planen im übrigen weitere medizinischen Zentren zu gründen, in vielen afrikanischen Staaten, aber aber woanders.

Was wissen Sie über den Ort Zehlendorf und das Waldfriede?

Im letzten Jahr war ich eingeladen, um auf einem medizinischen Kongress zu sprechen. Dort traf ich den Chefarzt Dr. Roland Scherer und Bernd Quoss, den Direktor der Klinik. Wir haben dann gemeinsam die Idee für das Zentrum entwickelt. Ich schätze ihre Anteilnahme.

Der Autor ist Redakteur für besondere Aufgaben im Tagesspiegel.
Der Autor ist Redakteur für besondere Aufgaben im Tagesspiegel.Foto: Kai-Uwe Heinrich

 

Wussten Sie eigentlich, dass Sherry Hormann, die Regisseurin ihres Spielfilms "Wüstenblume" praktisch um die Ecke des Waldfriede-Krankenhauses wohnt?

Nein, ich traf sie zum letzten Mal vor drei Jahren, dann haben wir leider den Kontakt verloren. Ich freue mich sehr, sie dort wiederzusehen und zu erfahren, wie es ihr geht.

ZUR PERSON

Waris Dirie stammt aus einer muslimischen, zur Ethnie der Somali gehörenden Nomadenfamilie. Waris bedeutet "Wüstenblume". Ihr Geburtsdatum ist unbekannt, das zumeist mit 1965 angegebene Geburtsjahr unbelegt. Als sie im Alter von 13 Jahren an einen alten Mann verheiratet werden sollte, floh sie durch die Wüste in die Hauptstadt Mogadischu. Ein Onkel, der damals somalischer Botschafter in Großbritannien war, suchte ein Dienstmädchen. Sie ging mit. und arbeitete in der Botschaft ihres Landes ohne Bezahlung. Als der Onkel nach Ausbruch des Bürgerkriegs in Somalia London verlassen musste, flüchtete Waris aus der Botschaft und lebte zuerst in den Straßen Londons, später in einem Heim und verdiente ihren Lebensunterhalt als Reinigungskraft in einem Fastfood-Restaurant. Mit 18 Jahren entdeckte sie der englische Fotografe Terence Donovan, der sie 1987 gemeinsam mit dem damals noch unbekannten Model Naomi Campbell für den Titel des Pirelli-Kalenders fotografierte. Sie arbeitete unter anderem für Chanel, L'Oréal, Versace, Cartier und zierte alle wichtigen Mode-Covers. 1987 war sie in einem James-Bond-Film zu sehen (als Waris Walsh). Schließlich arbeitete sie auf den wichtigsten Laufstegen der Welt. 1997, auf dem Höhepunkt ihrer Modelkarriere, berichtete Waris Dirie erstmals einer Journalistin über ihre Beschneidung und löste damit ein weltweites Medienecho aus. Im selben Jahr wurde sie UN-Sonderbotschafter gegen Beschneidung. 2002 gründete sie ihre eigene Organisation, die Desert Flower Foundation.

Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels. Das Waldfriede gehört zu den Premium-Partnern des Zehlendorf Blogs.

 

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