Wie begleitet man Sterbende: Ein Porträt : Das Hospiz ist wie das Leben

Angelika Behm ist Chefin im Hospiz am Wannsee in Zehlendorf. Sie versprüht positive Energie, ist witzig und charmant. Aber der Tod gehört zu ihrem Alltag. Dennoch sagt sie: Unsere Arbeit ist nichts Besonderes, wir lassen den Einzelnen nur nicht allein.

Anett Kirchner
Angelika Behm ist seit 1999 im Diakonie-Hospiz-Wannsee, seit 2007 leitet sie das Haus und ist eine von zwei Geschäftsführern.
Angelika Behm ist seit 1999 im Diakonie-Hospiz-Wannsee, seit 2007 leitet sie das Haus und ist eine von zwei Geschäftsführern.Foto: Anett Kirchner

Sie hat sich in ihrem bisherigen Leben nicht unterkriegen lassen. Obwohl das Schicksal Angelika Behm vor Jahren einen gewaltigen Tiefschlag versetzte. Völlig überraschend verlor sie ihren Ehemann. Er wurde mitten aus dem Leben gerissen, mit erst 48 Jahren. Sie war mit drei Kindern allein; zehn, 14 und 16 Jahre alt.

Aber wer sie heute trifft, der spürt, sie ist keineswegs verbittert. Sie versprüht positive Energie, ist witzig und charmant. Krankheit, Behinderung und Tod haben die heute 60-Jährige immer begleitet und gehören für sie zum Leben dazu; vor allem beruflich. Angelika Behm ist Geschäftsführerin im Diakonie-Hospiz Wannsee.

Hier, wo sich das Blau des Himmels im See spiegelt und die Sonne das Wasser zum Glitzern bringt: Spaziergänger schlendern am Ufer entlang. Zufrieden. Glücklich. Ob sie manchmal auch ans Sterben denken? Nur wenige Minuten zu Fuß an der Königstraße im Hospiz ist das Alltag.

„Ich wehre mich aber dagegen, dass unsere Arbeit etwas Besonderes sein soll“, sagt Angelika Behm gleich zu Beginn des Geprächs. Vielmehr sei es ein Beruf mit und für Menschen in der letzten Phase des Lebens. Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass es viele Menschen in anderen schwierigen Situationen gibt, zum Beispiel Obdachlose, Unfallopfer oder Behinderte. Sich auf die ganz besonderen Bedürfnisse des Einzelnen einzustellen, darum gehe es; auch im Hospiz.

Manchmal überrollt sie die Traurigkeit

„Natürlich erleben wir traurige Momente, aber wir lachen auch und feiern“, erzählt sie. Eine Taufe, Verlobung und Geburtstage hat es schon gegeben, selbstverständlich werden Ostern und Weihnachten gefeiert. „Wie das Leben ist, ist auch das Hospiz“, sagt Behm. Und wenn sie einmal doch von Traurigkeit überrollt wird, schöpft sie Kraft aus ihrem christlichen Glauben. Sie habe ein Bild vom Tod. Dabei gehe der Mensch von der einen Hand Gottes in die andere Hand Gottes über. Es verdeutlicht die Hoffnung, auch nach dem Tod geborgen zu bleiben.

Im Grünen und am Wasser gelegen, das Diakonie-Hospiz-Wannsee.
Im Grünen und am Wasser gelegen, das Diakonie-Hospiz-Wannsee.Foto: Anett Kirchner

Dieses Urvertrauen möchte Angelika Behm vor allem den Angehörigen der Sterbenden mitgeben. Menschen, die gerade das Liebste in ihrem Leben verlieren, sind oft hilflos und verzweifelt. „Sie werden in unserer Gesellschaft mit all ihren Fragen und Ängsten allein gelassen“, erzählt die Hospiz-Chefin. Das zu ändern und den Angehörigen zur Seite zu stehen, ist ihre Hauptmotivation. Sie findet es ganz normal, sich für die Schwachen einzusetzen: Für die, die keine Lobby in unserem Land haben. Dieses Weltbild hat sie aus ihrem christlichen Elternhaus mitgenommen.

Angelika Behm wurde 1954 in Berlin-Mitte geboren und wuchs dort auch auf. Ihr Vater war Gemeindepfarrer in der Sophienkirche, genau wie später ihr Ehemann. Nach dem Abitur machte Angelika Behm eine Berufsausbildung zur Psychiatriediakonin. Sie wollte unbedingt mit geistig behinderten Menschen arbeiten. Erfahrungen sammelte sie bereits als 16-Jährige in einer kirchlichen Tagesstätte. Vor allem Kampfgeist sei damals ihr Antrieb gewesen. „Ich muss etwas für die Menschen tun, die sonst in eine Ecke gedrängt werden“, habe sie immer gedacht.

Über viele Jahre arbeitete sie in ihrem Beruf, heiratete und bekam Kinder. 1982 zog die Familie von Berlin-Mitte nach Teltow und verwirklichte sich im Evangelischen Diakonissenhaus an der Lichterfelder Allee einen Traum. Sie arbeitete dort als Psychiatriediakonin, ihr Ehemann als Gemeindepfarrer. Gemeinsam wohnten sie auf dem Diakonissen-Gelände und ihre Kinder hatten den Freiraum, den sie sich wünschten. 1991 startete Angelika Behm noch einmal durch und begann ein Studium der Sozialpädagogik. Dann kamen Krankheit und Tod ihres Mannes.

Anstatt zu verzweifeln, rappelte sie sich auf und machte eine weitere Ausbildung für eine ehrenamtliche Mitarbeit im Hospiz. Berührungsängste? Fehlanzeige. „Ich hatte Lust auf das Thema“, erinnert sie sich.

Angelika Behm möchte ihre persönlichen Erfahrungen an andere weitergeben. Ihr ist wichtig, dass jedem Menschen mit allen heute verfügbaren Mitteln bis zuletzt ein lebenswertes Leben ermöglicht wird. Hospizarbeit stützt sich dabei auf vier Säulen: die medizinische, pflegerische, psychosoziale und spirituelle Begleitung.

Angelika Behm, Chefin im Hospiz am Wannsee in Zehlendorf, macht ihren Job vor allem mit Witz, Charme und einer immer positiven Einstellung zu den Menschen, die sie begleitet und betreut.
Angelika Behm, Chefin im Hospiz am Wannsee in Zehlendorf, macht ihren Job vor allem mit Witz, Charme und einer immer positiven...Foto: Anett Kirchner

Seit 1999 arbeitet sie hauptamtlich im Diakonie-Hospiz-Wannsee, übernahm 2007 die Leitung und ist seit 2011 eine der beiden Geschäftsführer. Zu ihren Aufgaben zählt unter anderem, den wirtschaftlichen Betrieb am Laufen zu halten. So müssen zum Beispiel zehn Prozent des Tagessatzes durch Spenden finanziert werden. In diesem Jahr sind das rund 137000 Euro. Dem Gast – also dem Sterbenden – entstehen keine Kosten. Das Hospiz bietet sowohl eine ambulante und stationäre Sterbebegleitung als auch einen Hospizdienst im Krankenhaus an. Insgesamt gibt es 37 feste und etwa 120 ehrenamtliche Mitarbeiter.

Auf den ersten Blick wirkt das stationäre Hospiz wie ein Hotel. 14 Einzelzimmer wohnlich eingerichtet mit eigenem Bad, Terrasse, Zugang zum Garten und einer traumhaften Umgebung am Wannsee. Die Zimmer sind immer belegt. Doch es ist kein Hotel: Fast an jedem zweiten Tag wird hier lautlos eine Kerze angezündet und vor die Tür eines Gastes gestellt. Das ist das Zeichen, dass wieder einmal ein Mensch in die andere Hand Gottes übergegangen ist.

Die Autorin ist freie Journalistin und schreibt unter anderem für die Evangelische Wochenzeitung "dieKirche". Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.

 

 




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