Wie ich zur Studentin wurde - ein Essay : Zugelassen!!!

Dann sperrte sich der Briefkasten mit höhnischem Lachen auf und gähnte mir seine Leere entgegen. Unsere Autorin hat viele Bewerbungen geschrieben und sich schon mit lauter Absagen abgefunden. Aber dann kam es doch anders, wie sie auf dem Zehlendorf Blog schreibt.

Stefanie Engel
Unsere Autorin wird jetzt Studentin an der Uni Potsdam
Unsere Autorin wird jetzt Studentin an der Uni PotsdamFoto: privat

Oft denkt man, man erinnere sich zukunftsträchtiger Tage in jeder winzigen Einzelheit. Oft glaubt man, man könne es bereits im Voraus spüren, dieses Kitzeln einer sonderbaren Ahnung, die ein nahendes Ereignis verspricht, das den Alltag regt, ihm neuen Aufschwung gibt und wie der Windstoß dem Blatt schließlich zur entscheidenden Wende verhilft. So oder so ähnlich habe ich das auch für mich ausgemalt, wobei es dabei jedoch nie um telepathischen Hokuspokus ging.

Nein, bei dem, was ich mir vorstellte, lag der Kern - der eigentliche Schwerpunkt in einem ganz realen Geschehen. Nämlich der schriftlichen Zusage einer Universität – FU, HU, TU, Uni Potsdam. Ganz einfach. Ganz unromantisch, ganz Poesie - und schnörkellos.

Ein Stapel Papier in jenen braunen Umschlägen, die die Zeit zu überdauern scheinen. Ich malte mir aus, wie ich eines Morgens die Augen aufschlug und wusste: "Jetzt ist es soweit." Und tatsächlich hatte ich dieses Gefühl einige Male, doch hielt es sich dabei jedes mal um einen Trugschluss. Dann sperrte sich der Briefkasten mit höhnischem Lachen auf und gähnte mir seine Leere entgegen.
Auch malte ich mir aus, wie ich mich beim Erhalten einer Zusage wie in einen Thronsessel aus Glück und innerer Erfüllung zurücklehnte und mir sagte: "Jetzt bin ich angekommen. Jetzt ist die größte Hürde geschafft." Doch hatte ich das nicht irgendwie bei jedem größeren Ereignis gedacht? Langsam wich die schöne, scheinende Illusion, genau wie meine Hoffnung, noch eine Zusage zu erhalten.

Die Antwort kam an einem Tag ohne erkennbaren Sinn

An einem Tag, an dessen Datum ich mich zwar noch erinnere, alles weitere, also was ich tat, welchen Aufgaben ich nachging, ja selbst welches Wetter war, hoffnungslos und unwiederbringlich vergessen hatte. Es war wohl einer dieser Tage, der fade und ereignislos war und sich damit in die Reihe all jener gliederte, die ohne erkennbaren Sinn und damit ohne jeglichen Nutzen waren. Dass es ausgerechnet dieser Tag war, an dem ich meinen Bescheid über die Zu- beziehungsweise Absage bekommen würde, konnte ich nicht ahnen, es sei denn, ich hätte Goethes Aphorismus: „Man säe nur, man erntet mit der Zeit“ als wörtliche Lebensweisheit genommen.
Ich hatte in der Zeit viel nachgedacht, gegrübelt, spekuliert und mich wohl oder übel auch dem Gedanken, nicht an einer der Universitäten immatrikulieren zu können, angenommen und arrangiert. Ich hatte zwar noch keine Vorstellung davon, was ich danach machen sollte – die Bewerbungsfrist für Ausbildungen, FSJ, sowie FÖJ waren längst überschritten - doch irgendwie gelang es mir, mich in einen Mantel aus duldender Ruhe und Billigung, rührte dieser auch aus einer großen inneren Unruhe her, zu umwölken.

Hörsäle... sind meistens voll, vermutlich auch die, in denen unsere Autorin demnächst sitzen wird.
Hörsäle... sind meistens voll, vermutlich auch die, in denen unsere Autorin demnächst sitzen wird.Foto: dpa

Frei nach dem Motto: Gewohnheit schafft Akzeptanz, wenngleich diese eine erzwungene und mehr als unbefriedigende ist. Später, es war etwa gegen Mittag, beschloss ich dann einen Blick auf das Bewerberportal der Universitäten zu riskieren, und ließ mir dafür beim Frühstück mit anschließender langer Unterhaltung, die ich mit meinen Eltern führte, genügend Zeit, um mich insgeheim auf eine Absage einzustellen. Da die Prüfung der einzureichenden Unterlagen für die zulassungsbeschränkten Studiengänge bis zum 15. August abgeschlossen war und ich noch immer keine Nachricht erhalten hatte, vermutete ich bereits das schlimmste. Tatsächlich entdeckte ich dann, nachdem ich mich in meinem E-Mailaccount eingeloggt hatte, eine Nachricht von der Uni, die mir am Abend zuvor zugestellt worden war.

"Bitte melden Sie sich an, um mehr zu erfahren"

„Der Status Ihrer Online-Bewerbung im Studienplatzportal hat sich geändert.“, stand da in der Nachricht der Universität Potsdam geschrieben. „Bitte melden Sie sich mit Ihren Zugangsdaten an, um mehr darüber zu erfahren.“
An dieser Stelle erwartet man jetzt wohl lange Gefühlsarien, in denen ich meine Ängste und Zweifel, meine Hoffnungen und Erwartungen bekunde, doch keine Sorge, ich mache es kurz: Ich besann mich auf das Sprichwort: „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende“, ließ ich mich mit diesen Worten auf die entsprechende Seite weiterleiten, gab alles ein, dann schloss ich kurz die Augen, um zweimal tief durchzuatmen und mir zu sagen: „Es ist ok“, womit ich mich der anstehenden Enttäuschung zu bestärken und freizusprechen versuchte.

Schön aufpassen, sonst kommt der böse Wolf... Rotkäppchen vor der Uni in Potsdam.
Schön aufpassen, sonst kommt der böse Wolf... Rotkäppchen vor der Uni in Potsdam.Foto: dpa

Tatsächlich leuchtete mir dann aber vom Bildschirm meines Notebooks ein anderes Resultat entgegen: Ich war zugelassen. Und zwar für gleich zwei Studiengänge. Mir erschien dies, angesichts der vielen Bewerberzahlen und Numerus Clausus, die ich zuvor in Schreiben und Zeitungen gelesen hatte, völlig irreal, ja widersinnig. Immer wieder las ich die Zeilen, rief sogar einige Freunde von mir an, wobei ich stotternd und mit zitternder Stimme alles schilderte, und ließ mir von ihnen versichern, das tatsächlich alles seine Richtigkeit hatte. Ich ließ mir einige Tage Zeit, um die Überlegung zu treffen, für welchen Studiengang ich mich entscheiden sollte, bis ich meine Wahl schließlich getroffen hatte. Und die lautete Deutsch und Geschichte auf Lehramt.

Das alles ist jetzt ungefähr einen Monat her. Jenes Gefühl des Unglaubens über die Zusage ist allmählich dem über den baldigen Studienbeginn im Oktober gewichen, doch ich denke mir, nein, bin mir sogar sicher, dass jeder Einzelne der angehenden Studenten gleichermaßen fühlt.
Der Alltag an der Uni, das selbständige Arbeiten und Organisieren, die Vorbereitungen, sei es für Prüfungen oder dem eigenständigen Zusammenstellen des Stundenplans, bilden eine ganz neue und vor allem eigene Welt, die mit der der Schulzeit nicht zu vergleichen ist. Gerade darin liegt ein sonderbarer Reiz, der mich jetzt schon bis in meine Träume verfolgt. Wie werde ich zurechtkommen, welche Leute werde ich kennen lernen, wie mit den neuen Herausforderungen umgehen? Welche Art von Freundschaften werde ich schließen? Alles Fragen über Fragen, die weder ich, noch irgendwer anders beantworten kann, allein die Zeit wird mir die Erkenntnisse bringen, solange muss ich mich in Warten und Geduld üben.

Am Hauptbahnhof der erste Uni-Kontakt

Auch dem Bürokratie- und Zettelwahnsinn musste ich mit eben diesen begegnen, der mit dem Immatrikulationsbescheid einherging. Unterlagen, Urkunden, Krankenkassen – und BVG - Bescheide, all das schwappte über einen her und trieb mich zu Bürgerämtern und anderen Einrichtungen. Dennoch bin ich im Nachhinein von der Organisation der Uni Potsdam angenehm überrascht, denn die Zeitabstände, in denen weitere Unterlagen einzureichen waren, veranlassten keine überstürzte Hetzerei. Dabei kamen sie mir bei Fragen stets hilfsbereit und zuvorkommend entgegen, was mir darüber hinaus viele Ängste nahm.
Und jetzt? Jetzt war alles geschafft. Alle Unterlagen waren eingereicht, geprüft und bestätigt, meinen Universitätsausweis und weitere Informationsschreiben über den internen Studierendenaccount hatte ich mir an einem regenreichen Tag am Neuen Palais abgeholt, und dabei viele angehende Erstsemestler unter dunklen Schirmen den selben Weg mit staunenden Augen und verirrten Gesichtern suchen sehen. Dabei lernte ich auch meine erste Bekanntschaft kennen, ein Mädchen, und ich glaube ebensolche Erleichterung und Dankbarkeit in ihren Augen gelesen zu haben, als wir am Potsdamer Hauptbahnhof die Handynummern austauschten.
„Jetzt hast du deinen ersten Unikontakt.“, hatte ich zu ihr gesagt, ehe wir uns mit einem Lächeln und Winken voneinander verabschiedeten und noch am selben Tag voneinander hörten.

Da gehts zur Uni und in ein anderes Leben.
Da gehts zur Uni und in ein anderes Leben.Foto: dpa


Seither beschäftige ich mich neben den Herausforderungen, welche die Uni mit sich bringen wird, vor allem mit denen, die ich an mich selbst habe und mit meinen Vorstellung von Glück und innerer Zufriedenheit verknüpfe.
Wenn es um das Lehramt geht, erhoffe ich mir die Verwirklichung vieler Ziele, etwa einen angenehmen Umgang miteinander, der die Voraussetzung dafür bildet, in den jungen Menschen Motivation zu wecken, welchen sie für ihren weiteren Weg nutzen können. Dies habe ich selbst erfahren dürfen. Auch erhoffe ich mir, die Schönheit und Einzigartigkeit der deutschen Sprache und ihrer Literatur nahe zu bringen, und auf die beständige Wichtigkeit historischer Ereignisse, selbst wenn diese längst „verjährt“ sind, hinzudeuten.

Fähigkeiten entdecken, über sich hinauswachsen

Die Schule ist ein Ort, der Schüler über viele Jahre hin begleitet, der ihnen Kopfschmerzen und Erfolgserlebnisse, Freundschaften sowie Feindschaften beschert, und dabei unumstößlich prägt. Die Schule kann frustrieren, doch sie kann ebenso ein Ort intellektueller Forderung und Inspiration sein, der neue Fähigkeiten entdecken und über sich hinauswachsen lässt. Gerade deshalb ist es für mich wichtig, eine Beziehung des Miteinander, also von „Mensch zu Mensch“ aufbauen und instand halten zu lernen, die die wichtigste Basis zur Freude am Lernen und dem Tragen ihrer Früchten bildet. Und auch wird es nur durch sie möglich sein, in die jungen Köpfe vorzudringen, ihnen mit ehrlichem Rat zur Seite zu stehen und diesen womöglich in ihrem Bewusstsein zu verankern. Das ist es, was ich mir vom Studium, vor allem aber von mir selbst erwarte, erhoffe, verspreche. Ich denke dann immer wieder an Hermann Hesses Worte, einen Mann, den ich mehr als verehre und sogar als ein Vorbild bezeichnen würde, der da einst sagte: „Der Mensch erlebt das, was ihm zukommt, nur in der ersten Jugend in der ganzen Schärfe und Frische (…) und von dem zehrt er sein Leben lang.“
Zeit ändert oft Umstände, und Umstände ändern so manches mal auch den Menschen. Ich hoffe, mich von diesem scheinbaren „Naturgesetz“ nicht blenden zu lassen und stattdessen mit Selbstvertrauen an meinen Idealen festzuhalten.

Die Autorin ist 21 Jahre, demnächst Studentin und hat ihr Abitur auf der Goethe-Oberschule gemacht. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.




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