Zehlendorf-Bloggerin über Korruption in der Türkei : Verdächtiger Gegenstand? Verhaftet!

Unsere Schülerreporterin lebt für zehn Monate in der türkischen Stadt Izmir. Hier schreibt sie auf, wie sie die Lage in der Türkei erlebt und warum viele geplante Demonstrationen gar nicht erst stattfinden können.

Meltem Ohle
Meltem Ohle, 16, ist Schülerin am musikbetonten Droste-Hülshoff-Gymnasium in Zehlendorf.
Meltem Ohle, 16, ist Schülerin am musikbetonten Droste-Hülshoff-Gymnasium in Zehlendorf.Foto: privat

Hier in der Türkei und in der Regierung ist gerade wieder viel los. Doch dieses Mal geht es nicht um einen Park, der zugebaut werden soll, sondern viel Geld und Korruption. Drei Söhne türkischer Minister sind darin verwickelt, sie haben Millionen Lira veruntreut. Doch anstatt dass Erdogan die Minister entlässt (allerdings sind diese teilweise zurückgetreten), werden der Polizeipräsident und Hunderte Polizisten in Istanbul entlassen, die gegen die Söhne ermittelt haben.

All das hat natürlich zu Demonstrationen geführt. Allerdings sind diese teilweise gar nicht zustande gekommen. In Istanbul wurden alle Leute, die mit einer Fähre zur europäischen Seite wollten, kontrolliert, durchsucht und dann erst auf das Boot gelassen. Verdächtigen Gegenstand dabei gehabt? Verhaftet. Manche Metro- und Fährenlinien wurden dann auch einfach gesperrt.

Nach türkischem Recht braucht man für eine Demonstration keine Erlaubnis. Es ist lächerlich, wie der Staat seine eigenen Gesetze nicht beachtet. Die Polizei hatte den Taksimplatz Stunden vor Beginn der Demo abgeriegelt. Wie immer wurden Wasserwerfer, Plastikgeschosse und Gas eingesetzt.

Die Situation in der Türkei ist echt kritisch

Auch hier in Izmir gab es Demonstrationen, allerdings waren dort sehr viel weniger Leute. Ich war gerade im Stadtzentrum unterwegs, als sie anfingen. Polizei habe ich keine gesehen. In Izmir ist alles etwas entspannter, die Stadt ist die westlichste der Türkei, nicht nur geografisch gesehen. Auch wenn man sagen muss, dass die deutsche Polizei bei Demos scheinbar nicht wirklich besser ist als die türkische. Man denke etwa an die jüngsten Demos in Hamburg oder an Stuttgart 21.

Am letzten Abend des Jahres 2013 wurde im Fernsehen eine Reportage über die Demonstrationen im Sommer gezeigt. Endlich hat das Fernsehen hier auch die Bilder gezeigt, die im Sommer um die Welt gingen. Doch über den jetzigen Skandal wird viel gesendet. Das Thema ist jeden Tag in den Nachrichten und in den Talkshows.

Die Situation in der Türkei ist echt kritisch, auch die Wirtschaft hat enorme Probleme. Doch im Frühling sind Lokalwahlen, ich bin gespannt, was da raus kommt.

Die Autorin ist 16 und Schülerin am Droste-Hülshoff-Gymnasium in Zehlendorf. Zurzeit geht sie für zehn Monate in Izmir zur Schule. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegels.

ANHANG ZUM THEMA

Die letzte Meldung der Nachrichtenagentur AFP zum Thema vom Mittwochabend (8. Januar) begann mit dem folgenden Absatz: "Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan soll einen Staatsanwalt unter Druck gesetzt haben, um eine Einstellung der Korruptionsermittlungen gegen seine Regierung zu erreichen. Der Istanbuler Staatsanwalt Zekeriya Öz erklärte am Mittwochabend, Erdogan habe zwei Gesandte zu ihm geschickt, die ein Ende der Ermittlungen verlangt hätten. Wenn er sich weigere, werde das „schwerwiegende Folgen haben“, habe die Botschaft des Ministerpräsidenten gelautet. Die Regierung wies die Vorwürfe zurück."




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