Zehlendorf: Der geplatzte Traum vom Profifußball : Wie Alexander Kwasny die Wahrheit ertrug

Unzählige Fußballer haben den Traum, Profi zu werden. Aber wie ist das, wenn der Traum platzt? Alexander Kwasny von Hertha 03 Zehlendorf erging es so. Hier erzählt er über den Tag der Entscheidung, warum er jetzt Zehnjährige trainiert, und wie er den Spaß wiederfand.

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Alexander Kwasny im Vereinshaus von Hertha 03 Zehlendorf vor der Pokalvitrine.
Alexander Kwasny im Vereinshaus von Hertha 03 Zehlendorf vor der Pokalvitrine.Foto: Tsp

Natürlich hatte auch er diesen Traum, den Traum, den alle kleinen und großen Jungs beim Fußball haben: Profi werden. Und eines Tages kam dieser Moment, ein Zeitfenster von wenigen Wochen, seine Chance. Alles schien möglich.

 Alexander Kwasny, 21 Jahre, sitzt im Vereinshaus von Hertha 03 und lächelt jetzt etwas gequält. Aber er, der in dieser Saison zum ersten Mal als Trainer arbeitet und als Männerspieler die U11 von Hertha 03 Zehlendorf übernommen hat, möchte diese Geschichte unbedingt erzählen. Schließlich ergeht es vielen Spielern so wie ihm, der großen Mehrheit nämlich, und genau deshalb muss man dazu stehen können - vor sich und anderen. Findet er.

Kwasny, der bis vor wenigen Monaten noch im Kader der ersten Männer von Hertha 03 war, hatte in seiner Jugend fast alle Auswahlmannschaften durchlaufen, und dann kam die Einladung, die Saisonvorbereitung bei der U23 von Hertha BSC mitzumachen. Er war begeistert, vom Team, vom Umfeld, von ehemaligen Profis wie Andreas "Zecke" Neuendorf. Und vor allem vom damaligen Trainer Karsten Heine. Irgendwann musste er zum Gespräch in die Trainerkabine, Heine saß entspannt da, wie oft musste dieser Trainer wohl eine solche Situation schon erlebt haben? Alex war weniger entspannt.

 Kwasny sagt: „Heines Worte waren wirklich nett und fürsorglich. Er hat mich gelobt und mit Wärme gesprochen. Das war tröstlich.“ Aber der entscheidende Satz, der lautete: „Für den Profibereich reicht’s nicht.“

Ein Schock, auf jeden Fall. Aber es war ein ehrlicher Moment. Heine hat ihm in die Augen geschaut und offen gesprochen. Und es war der Augenblick, in dem Kwasny endlich Gewissheit hatte - und sich auf ein neues Leben einstellen konnte.

Er hat mit John Anthony Brooks, dem heutigen Hertha-Profi und US-Nationalspieler, bei den Minis von Blau-Weiß 90 mit dem Fußball angefangen. Er hat mit Antonio Rüdiger, heute beim VfB Stuttgart und frischgebackener deutscher Nationalspieler, bis zur B-Jugend zusammen bei Tasmania 73 gespielt. Aber nach Heines Worten bei  Hertha BSC hat Alex Kwasny, damals 18 Jahre alt, sein Abitur gemacht und beschlossen, ich spiele jetzt nur noch aus Spaß!

Zu viele Verletzungen: Dann hörte er auf

Ohnehin sind Spaß und die Leidenschaft für den Fußball Kwasnys wichtigsten  Antreiber gewesen. „Ich habe eigentlich nie Druck gespürt, ich wollte das immer alles.“ Seine Eltern haben ihn stets gelassen, haben darauf vertraut, dass er die richtigen Entscheidungen trifft, haben ihn begleitet, sich aber nicht zu sehr eingemischt. Niemals haben sie Druck auf ihn ausgeübt. Und wenn er Halt brauchte? „Dann war die Familie da.“

Zum ersten Mal hat er diese süße Verlockung des großen Fußballs in der D-Jugend gespürt. Denn damals fing in dieser Altersklasse das Talentförderungsprogramm an. Die besten Spieler der jeweiligen Bezirke kamen zusammen. Kwasny sagt: „Ich war stolz, dabei zu sein, daraus habe ich meine Motivation gezogen.“ Und so lag seine Priorität bald auf dem Leistungsfußball, bei Tasmania, später bei Türkiyemspor, wo er „eine überragende Zeit“ hatte.

Mit Antonio Rüdiger (rechts), Profi beim VfB Stuttgart, hier im Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Polen, hat Alexander Kwasny bei Tasmania 73 von der D- bis zur B-Jugend zusammengespielt.
Mit Antonio Rüdiger (rechts), Profi beim VfB Stuttgart, hier im Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Polen, hat Alexander...Foto: dpa

Türkiyemspor spielte damals mit den Männern in der 4. Liga, Kwasny war 17, spielte noch A-Jugend bei Türkiyem, hatte aber immer mal wieder Einsätze bei den Männern. Und war auf dem Sprung. Neben Karsten Heine gehörte Taskin Aksoy, der ihn zu Türkiyemspor holte, Zweitligaspieler für Hertha BSC und TeBe, zu den Trainern, die ihn am meisten geprägt haben. Dann waren da doch Tim Jauer von Tasmania und Stützpunkttrainer Adnan Akbaba. Kwasnys Entscheidung, die Seiten zu wechseln, vom Spieler zum Trainer, hat auch mit seinen eigenen Erfahrungen zu tun: „Ich habe von diesen Fußball-Lehrern so viel gelernt, das möchte ich weitergeben.“

Allerdings hat Alex Kwasny nicht wirklich freiwillig aufgehört. Der Körper hat nicht mehr mitgemacht. Immer wieder war der Verteidiger und defensive Mittelfeldmann verletzt, zum Schluss, bei den Männern von Hertha 03 Zehlendorf, war es die Patellasehne. Die gesamte Vorbereitung zum Aufstiegsjahr 2013/14 hatte er mitgemacht, dann entzündete sich die Sehne.

Sie Jungs haben ihm die Freude zurückgegeben

Bis zum Winter kämpfte sich Kwasny zurück, das Trainerteam und die Spieler erkundigten sich immer wieder nach ihm, „das war ein schönes Gefühl, die Atmosphäre bei den Männern war sehr familiär“, lobt Kwasny. Aber dann kam wieder ein Schlag aufs Knie, und wieder brach die alte Verletzung auf.

Ein halbes Jahr hat Kwasny dann mit sich gerungen, „allein, nur für mich“, wie er sagt, bis er seine Entscheidung getroffen hatte: Ich höre auf! Es ging eben nicht mehr, „und ich hätte mein altes Niveau nicht mehr erreicht“.

Jetzt freuen sich die Jungs der 1.E-Jugend! Und die haben schon einiges erreicht, sie haben nämlich ihrem jungen Trainer geholfen, ohne dass sie es wissen. Das letzte Jahr war nicht einfach für einen, der sein Leben lang für den Fußball lebte. Seine Kumpels gingen früher feiern, er ging früh ins Bett. Jahrelang, diszipliniert, fokussiert. Und am Ende, nach vielen Jahren auch der Qual wegen der Verletzungen, ist diese Freude am Sport irgendwann weg. „Meine Jungs haben mir die Freude am Fußball wiedergeschenkt“, sagt Kwasny, und die Augen leuchten. „Wenn ich sie sehe, ihren Spaß und ihre Leidenschaft, dann sehe ich mich. Und ich freue mich jedes Mal aufs Training.“

Alexander Kwasny (2.v.l.obere Reihe) auf dem Mannschaftsfoto von Hertha 03 Zehlendorf, Saison 2013/14.
Alexander Kwasny (2.v.l.obere Reihe) auf dem Mannschaftsfoto von Hertha 03 Zehlendorf, Saison 2013/14.Foto: H03/promo

Mit 21, er ist am 28.12. 1992 geboren, hat Kwasny zwar noch keine eigenen Kinder, aber er hat ein Patenkind, das ist vier, und zwei jüngere Cousinen, 10 und 14, „ein bisschen Erfahrung ist also da“, schmunzelt er. Seinen Fußball-Fokus hat er neben dem Spaß auch wieder aktiviert. Bald will er seine C-Lizenz machen, davor aber kommt die Prüfung zum Industriekaufmann bei der Firma Biotronik in Neukölln. Später wird er dort als Werksstudent weitermachen und Wirtschaftsingenieurswesen studieren.

Ach ja, und dann gibt’s da natürlich noch ein Ziel. Irgendwann will er seinen Fußball-Lehrer machen. Er sagt: „Ich weiß, wo ich hin möchte.“

Der Autor ist Redakteur für besondere Aufgaben im Tagesspiegel und engagiert sich ehrenamtlich für Hertha 03. Er hat für Tagesspiegel.de die lokalen Blogs konzipiert. Dieser Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin aus dem Südwesten.

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