Zehlendorf: Kultgeschäft muss umziehen : 104 Jahre Tradition am Teltower Damm

Am 19. September geht am Teltower Damm 19 Juwelier Weiss aus dem Laden. Nach 104 Jahren. Allerdings hat das wohl letzte Traditionsgeschäft am Teltower Damm in Zehlendorf noch Glück. Man zieht nur über die Straße um. Anderen erging es schlechter.

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Monika und Christian Zucker in ihrem Laden am Teltower Damm.
Monika und Christian Zucker in ihrem Laden am Teltower Damm.Foto: Thilo Rückeis

„Und was mache ich, wenn Sie nicht mehr da sind“, fragt eine Dame im reiferen Alter. Sie wirkt verunsichert, ihre Gesichtszüge verkrampfen sich. Monika Zucker drückt kurz ihre Hand. „Wir sind nicht weg, wir ziehen nur um, schräg gegenüber in die alte Theaterkasse“, sagt die Inhaberin des Juweliergeschäftes. Das Gesicht der Dame entkrampft sich wieder. Seit Wochen stellen Kunden hier dieselbe Frage. Sie befürchten, dass das Geschäft auch dicht macht. Seit 104 Jahren gibt es den Juwelier E. Weiss am Teltower Damm 19. Es ist gewissermaßen das letzte alteingesessene Traditionsgeschäft im Herzen von Zehlendorf.

Ein Wunder, dass die Leute fragen. Der Schriftzug über dem Geschäft ist bereits entfernt. Draußen stehen Schilder mit „20 Prozent Rabatt“ und „Räumungsverkauf“. Und der Schreibwarenladen „Antkowiak“ nebenan ist bereits seit November 2013 geschlossen. Das Bild der hoch frequentierten Geschäftsstraße im Zehlendorfer Zentrum verändert sich ständig. Früher gab es am Teltower Damm ein privat geführtes Sportgeschäft, einen Herrenausstatter, einen Schuster und so weiter.

„Heute siedeln sich hier nur noch große Unternehmen mit Ladenketten an“, sagt Monika Zucker, gelernte Fachverkäuferin für Schmuck. Sie öffnen, schließen, öffnen und schließen. Beständigkeit sinkt auf den Nullpunkt. „Eine Identifikation der Zehlendorfer mit ihrem Zentrum ist gar nicht mehr möglich“, findet Monika Zucker. Nun betrifft es auch sie.

Wer werden wohl die neuen Mieter sein?

Am 19. September muss sie den traditionellen Standort ihres Geschäftes verlassen und wird die Türen hier für immer hinter sich schließen. Warum? „Es ist mir ehrlich ein Rätsel“, sagt die 44-Jährige. Der Mietvertrag wurde nicht verlängert. Ohne plausible Begründung. Sie und ihr Mann, Christian Zucker, verloren vor Jahren auch schon ihre Wohnung, eine Etage höher, im selben Haus – wegen Eigenbedarf. „Bis heute steht die Wohnung leer“, erzählen sie. Die Vermieter seien zwei Brüder aus München. Keiner wisse, was sie mit dem Haus am Teltower Damm vorhaben.

Juwelier Weiss und der Teltower Damm
Monika und Christian Zucker in ihrem Laden am Teltower Damm.Weitere Bilder anzeigen
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12.09.2014 11:06Monika und Christian Zucker in ihrem Laden am Teltower Damm.

Monika und Christian Zucker wollten unbedingt bleiben, hätten sogar eine höhere Miete bezahlt. Nichts zu machen. Aber Aufgeben war für sie keine Option. Das Geschäft ist ihre Lebensgrundlage. Am Teltower Damm 22, dort, wo früher die Theaterkasse war, haben sie schließlich einen neuen Standort gefunden. Hier sind die Räume größer, etwa 54 Quadratmeter, im alten Laden waren es nur 35 Quadratmeter. „Zwar freuen wir uns, dass es weitergeht, aber der Umzug ist sehr teuer“, schildern sie. Das Ersparte gehe flöten. Allein für den Umzug des Tresors brauche man zum Beispiel eine Spezialfirma. Hinzu kommt Wehmut. So manche persönliche Erinnerung verbindet das Ehepaar mit dem Haus am Teltower Damm 19. Hier sind ihre Kinder aufgewachsen, die Tochter wurde in dem Haus geboren.

1910 gründete der Urgroßvater das Geschäft

Und was würde wohl der Urgroßvater von Monika Zucker, Erich Weiss, zu dem Umzug sagen? Der Uhrmacher hatte 1910 das Geschäft hier gegründet. Aus dieser Zeit existiert noch eine Taschenuhr, die Erich Weiss selbst angefertigt hat. Weil die Zehlendorfer seinerzeit viele Tanzbälle und Empfänge besuchten und die Damen dafür gern Schmuck und die Herren schicke Uhren trugen, hatte Erich Weiss seinen Laden schnell auf zwei Standbeine gestellt: Uhren und Schmuck. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Auch die eigene Werkstatt für Uhren gibt es noch.

Diese Taschenuhr aus den Gründungsjahren des Juweliergeschäftes hat Erich Weiss selbst angefertigt.
Diese Taschenuhr aus den Gründungsjahren des Juweliergeschäftes hat Erich Weiss selbst angefertigt.Foto: Anett Kirchner

Klaus Fenger, gelernter Uhrmacher, repariert hier die guten Stücke; am liebsten historische, mechanische Uhren. Kürzlich arbeitete er an einem Modell aus dem Jahr 1759. Feingefühl, Ausdauer und Liebe zu dem alten Handwerk gehören für ihn dazu. Manchmal ist es schwer, Ersatzteile für die historischen Stücke zu bekommen, sagt er.

Ebenfalls in der Werkstatt arbeitet Christian Zucker. Der 54-Jährige ist ursprünglich gelernter Koch, hat sich später jedoch zum Uhrenmacher ausbilden lassen. Seine Frau und er führen die Geschäfte des Juwelierladens seit 1995. Sie haben sie von Hildegard und Knut Zerndt, den Eltern von Monika Zucker, übernommen. Zu Zeiten ihrer Eltern florierte das Traditionsgeschäft in der Zehlendorfer Mitte. Es war ein Ausbildungsbetrieb und hatte acht Mitarbeiter.

Und genau so, wie der Juwelierladen von Generation zu Generation immer weitergegeben wird, so kommen auch die Kunden von Generation zu Generation hierher. „Einige kenne ich seit meiner Kindheit“, erzählt Monika Zucker. Man vertraue sich, rede manchmal sogar über persönliche Erlebnisse. Und dann, jeweils 12 Uhr mittags, es ist fast ein kleines Ritual, gibt es hier einen besonderen Moment: Es läuten die Uhren – alte und neue im Gleichklang.

Die Autorin Anett Kirchner ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt seit Januar 2014 als lokale Reporterin regelmäßig für den Zehlendorf-Blog des Tagesspiegels.

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