Zehlendorf singt zum Mittagessen : Lieder gegen Ladensterben

Mitten in Zehlendorf, im Bali-Kino, geschieht gerade Ungewöhnliches. Frei nach den Lunchkonzerten der Philharmoniker wird hier zur Mittagszeit gesungen. Die Konzertorganisatoren wollen damit auch auf das Ladensterben im Kiez aufmerksam machen.

Maike Edda Raack
Ungewöhnlicher Ort für ein Konzert, und das auch noch zur Mittagszeit. Das Bali-Kino in Zehlendorf, zu sehen Countertenor Stefan Görgner.
Ungewöhnlicher Ort für ein Konzert, und das auch noch zur Mittagszeit. Das Bali-Kino in Zehlendorf, zu sehen Countertenor Stefan...Foto: Maike Raack

Wollen wir einmal mit dem Ende beginnen. Denn auch um das Ende soll es hier später gehen, und um das Ende geht es auch im Barocklied „Passacaglia della vita“ von Stefano Landi, das Teil des Konzertsommers 2014 im Bali-Kino ist: „Ah come ti inganni / se pensi che gli anni / non han da finire / è breve il gioire“ - auf Deutsch: „Ah, wie du dich täuschst / wenn du denkst, dass die Jahre / nicht zu Ende gehen müssen / die Freude ist kurz.“

Doch zunächst soll es um die Kunst gehen: Schließt man die Augen, könnte da eine Frau stehen und mit klarer, kräftiger Altstimme vom Ende des Lebens singen. Schmerzlich, dann wieder beinahe bittersüß klingt das traditionelle süditalienische Volkslied aus diesem Mund. Dann wechselt die Stimmungslage im Lied - und auch die Kopfstimme rutscht plötzlich ab in die (wenn auch hellen) Tiefen eines männlichen Tenors.

Countertenor Stefan Görgner moduliert seine Stimme in immer neuen Nuancen, das Lied bleibt bis zum Ende klanglich überraschend. „Die Musik muss für sich sprechen“, hat er zuvor angekündigt. Zu allen Liedern begleitet Görgner sich selbst mit einer Loopstation, die den Grundrhythmus der Tarantella abspielt, und die er singend und auf der Gitarre spielend mit dem Fuß bedient. Üppiges Klangvolumen erfüllt den kleinen Kinosaal. Irgendwie wie bei einem Ein-Mann-Orchester.

Im Publikum sitzt Annette Spitzlay, die dieses Konzert organisiert hat und auch moderiert. Sie wippt mit Kopf und Fußspitze im Takt, klatscht begeistert Beifall. „Mit den Mittagsmusiken 2014 wollen wir nicht nur eine kulturelle Option für die Mittagspause bieten. Wir wollen Zehlendorf aufmischen“, sagt sie unternehmungslustig. Sie scheut den Vergleich nicht zu den Lunchkonzerten der Philharmonie. „Aber wir möchten eine angenehme Alternative in kleinerer Runde sein.“ Tatsächlich schmiegen sich heute insgesamt etwa zwei Dutzend Musikinteressierte in die weinroten Kinosessel, um den Gitarristen und Countertenor Stefan Görgner zu hören.

Spitzlay möchte, wie sie sagt, den Zehlendorfern neue Formen der Kultur nahe bringen, mit so unterschiedlichen Interpreten wie dem Berlin Guitar Quartet, das am Dienstag, 1. Juli 2014 mit Jazz und Rock aufspielt, oder am Donnerstag, 3. Juli Dichterliebe, das romantische Literatur und Musik wie etwa Schumanns „Buch der Lieder“ vorträgt. Am 4. Juli folgen Rock- und Folksongs der kalifornischen Sängerin Nicole Yazolino, dann soll es erst mit den Mittagskonzerten im Herbst weitergehen. Das Bali-Kino mag eine ungewöhnliche Bühne für eine Konzertreihe um Punkt 12 Uhr und 13 Uhr sein, doch Spitzlay erklärt: „Das Bali bietet die richtige Größe und Lage mitten in Zehlendorf. Sonst kommen wir nicht an die Leute ran.“

Sie wollen Zehlendorf aufmischen

Denn genau das möchte sie: Ran an die Leute und sie aufmerksam machen. Auf die Musik, aber auch eine andere Sache liegt der Musikmäzenin Spitzlay am Herzen. Die studierte Musikwissenschaftlerin und Klavierlehrerin möchte mit der Konzertreihe in Zehlendorf das Ladensterben in ihrem Heimatbezirk anprangern. „Ich habe schon drei, vier Jahre mit der Idee geliebäugelt, Mittagskonzerte hier zu veranstalten. Der Auslöser war dann das Ende von Antkowiak.“

Zwei mit einem Ziel: Countertenor Stefan Görgner und die Organisatorin der Mittagsmusik in Zehlendorf, Annette Spitzlay.
Zwei mit einem Ziel: Countertenor Stefan Görgner und die Organisatorin der Mittagsmusik in Zehlendorf, Annette Spitzlay.Foto: Maike Raack

Seit 1986 lebt Spitzlay in Zehlendorf. In den letzten Jahren machte plötzlich ein Stammgeschäft nach dem anderen zu. „Früher konnte ich beispielsweise Schrauben einzeln hier um die Ecke bekommen. Jetzt ist da ein Blume 2000 drin.“ Das Ende des alteingesessenen Schreibwarenladens Antkowiak (der Tagesspiegel berichtete) hat sie besonders beschäftigt. Und aktiv werden lassen. Spitzlay, die Veranstaltungen in der Mendelssohn-Remise am Gendarmenmarkt organisiert, hat nun einige Zehlendorfer Geschäfte, Institutionen wie Musik-Oehme oder das Weinhaus von Magnus als Sponsoren für die Mittagskonzerte gewinnen können. Miete und Gema-Gebühren werden von den Sponsoren übernommen, so dass die Konzerte kostenlos sind. „Mit den Mittagsmusiken zeigen wir auch der Zehlendorfer Jugend, dass klassische Musik durchaus auch modern und spritzig ist. Und gerade auch über die Sponsoren wollen wir viele Zehlendorfer erreichen und ein weiteres Ladensterben verhindern“, hofft Spitzlay.

In musikalischer Hinsicht jedenfalls, ist das Publikum schon mal ganz bei Spitzlay: Zwar noch etwas zaghaft folgt das Publikum der Einladung zum Mitsingen im letzten Stück – sogar auf italienisch.

 Die Konzerte finden am 1., 3. und 4. Juli um 12 Uhr und noch einmal um 13 Uhr statt, jeweils dreißig bis vierzig Minuten dauert der musikalische Vortrag, danach haben die Zuhörer Gelegenheit, Fragen an die Künstler zu stellen. Kartenvorbestellungen: Bali Kino, Telefon 030 811 46 78 Teltower Damm 33, 14169 Berlin Eintritt frei, Spenden erwünscht

Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Zehlendorf und wird jetzt immer öfter auf dem Zehlendorf Blog des Tagesspiegels zu lesen sein, dem Online-Magazin aus dem Südwesten.

 




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