Zehlendorfs Angst vor den Autodieben : "Sprachlos und entsetzt"

Immer häufiger, so scheint es, werden in Zehlendorf Autos oder Motorräder gestohlen. Zwei Betroffene erzählen hier, wie es ihnen dabei erging und was sie mit der Polizei erlebten.

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VW Touran wird in Zehlendorf gerne geklaut. Nur der hier wohl eher nicht...
VW Touran wird in Zehlendorf gerne geklaut. Nur der hier wohl eher nicht...Foto: Imago

"Man fühlt sich allein gelassen", sagt Uli Auffermann. "Ich bin mittlerweile sprachlos und entsetzt", sagt Frank Mertens. "Es gibt keinen eklatanten Anstieg an Diebstählen, nur leichte Schwankungen der Fallzahlen. Niemand muss sich sorgen", sagt die Berliner Polizei.

Auffermann und Mertens wohnen in Berlin-Zehlendorf, und sie gehören nicht zu den Menschen, die schnell Alarm schlagen oder sich unnötig Sorgen machen. Aber beide haben in der letzten Zeit schlechte Erfahrungen gemacht, Frank Mertens ist vor der Haustür im beschaulichen Deisterpfad erst kürzlich sein Motorrad Marke BMW geklaut worden, Auffermann wurde vor einem Jahr sein VW Touran gestohlen, und nun, ein paar Tage nach dem Motorrad-Klau, die beiden sind Nachbarn, saß im neuen VW Touran schon wieder ein Dieb.

Dieses Mal hatte Auffermann vorgesorgt, denn er hatte eine Wegfahr- und Gangsperre einbauen lassen, die Wegfahrsperre ist nur zu überwinden, wenn der Rückwärtsgang eingeschaltet ist, um dies zu verhindern, gibt es wiederum die Gangsperre. Der Dieb jedenfalls, das konnte ein anderer Nachbar Auffermanns sehen, gab entnervt auf, stieg aus, und ging seelenruhig davon.

Offensichtlich ist der Teil Zehlendorfs, von der Onkel-Tom-Siedlung bis hoch zum Quermatenweg mit seinen vielen kleinen Nebenstraßen ein Auflaufgebiet von kriminellen Banden, Auto- und Motorraddieben. Denn sowohl Mertens als auch Auffermann kennen sehr viele andere Betroffene in der Gegend, denen ebenfalls ein Fahrzeug gestohlen worden ist oder das Navigationsgerät und andere Dinge aus dem Auto.

Aufklärungsquote: Knapp zehn Prozent

Im letzten Jahr hatten sich Polizeipräsident Klaus Kandt und Justizsenator Thomas Heilmann persönlich bemüht, die Gemüter der zunehmend entnervten Zehlendorfer zu beruhigen und ihnen zumindest versprochen, dass die Polizei ihr Möglichstes tun wird - damals ging es um die rasant gestiegenen Häusereinbrüche. Auf der Veranstaltung in der Dreilindengrundschule in Nikolassee gab es Anwohner, die frustriert davon berichteten, dass bis zu sieben Mal in einem Jahr in ihrer Straße eingebrochen worden sei. Bis zum Herbst 2013 hatte die Polizei allein in Nikolassee 40 Häusereinbrüche verzeichnet. Sechs Wochen vor der Veranstaltung hatte die Polizeipressestelle auf Anfrage mitgeteilt, es gebe keinen signifikanten Anstieg.

Erlebt Zehlendorf nun Ähnliches bei Autodiebstählen? In der offiziellen Kriminalstatistik 2013 steht wörtlich: "Das Diebstahlphänomen mit den höchsten absoluten Fallzahlen und einem deutlichen Anstieg in diesem Jahr ist Diebstahl von Kraftfahrzeugen." Insgesamt verzeichnete die Berliner Polizei in der Stadt 36034 Fälle, wobei in diesen Fällen auch der Diebstahl von Dingen aus dem Auto eingerechnet ist. Eine Steigerung von 16,8 Prozent gegenüber 2012 musste die Polizei verzeichnen, Aufklärungsquote: 4,2 Prozent

Einbruch und weg. Die Zahl der Diebstähle von und aus Kraftwagen ist 2013 sprunghaft gestiegen.
Einbruch und weg. Die Zahl der Diebstähle von und aus Kraftwagen ist 2013 sprunghaft gestiegen.Foto: Imago

Beim reinen Diebstahl von Autos oder Motorrädern stieg die Quote um 15,6 Prozent auf 6659 Fälle, immerhin ist hier die Aufklärungsquote nahe heran an zehn Prozent. Die Polizei geht von "organisierten osteuropäischen Tätergruppierungen" aus. Bevorzugte Automarken sind Audi, Range Rover und Mazda.

Entgegen der eigenen Polizeistatistik will die Polizeipressestelle auf Nachfrage aber wieder nichts wissen von einem auffälligen Anstieg. Mertens macht der örtlichen Polizei keinen Vorwurf, denn es gibt nur noch einen einzigen Polizeiabschnitt, der für ganz Zehlendorf zuständig ist. Mertens ist Autojournalist, er kennt sich aus, er weiß, dass die Versicherungen sagen, die Polizei mache eher wenig, weil sie wüsste, dass die Versicherung zahlt. Von dem einen oder anderen Polizisten hat er zudem gehört, dass die Kapazitäten nicht ausreichten, um ausreichend Streife zu fahren. Selbst Kandt und Heilmann mussten zugeben, dass es wenig nütze, noch mehr Streife zu fahren, weil die Täter sich zumindest bei den Häusereinbrüchen immer eine neue Straße suchen könnten. Ein elendes Katz- und Mausspiel. Warum sollte das bei Autos anders sein.

Polizei-Empfehlung: Anzeige online

Die Pressestelle der Polizei dagegen sagt: "Wir fahren im Ortsteil ordnungsgemäß mit drei Wagen Streife, von Überlastung kann keine Rede sein." Die meisten Betroffenen haben Verständnis für die Polizei, was sie aufregt, ist die Abwiegelungstaktik. Das sei einfach feige und nicht ehrlich. Wenn das Auto erst einmal weg ist, kommt die Polizei auch nicht gleich vorbei, denn das ist dann ja kein Notfall mehr. Stattdessen wird empfohlen, eine Anzeige online zu stellen. Wenn das Auto weg ist, fängt die Bürokratie an. Anzeige stellen, Auto abmelden, Unterlagen bei der Versicherung einreichen - warten.

Auch Uli Auffermann beschwert sich nicht über die örtliche Polizei ("Die sind höflich und hilfsbereit"), was ihn stört, ist, dass der Staat eigentlich Schutz geben müsste, ein Gefühl von Sicherheit, "stattdessen aber spart und zentralisiert er alles, so dass die Polizei in den Kiezen keine Nähe mehr zu den Bürgern hat".

Frank Mertens hat man auf der Polizeistelle gesagt, dass man ihm wenig Hoffnung machen könne, sein Motorrad jemals wieder zu sehen. "Ist ein tolles Gefühl, wenn man sich Kriminellen so ausgeliefert fühlt."

Übrigens, im April brannten am Teltower Damm erstmals in der Nacht auch drei Autos. Auch hier sagt die Polizei: "Keine Angst, das ist in Zehlendorf die bisher einzige Brandtstiftung an Kraftfahrzeugen. Ein Einzelfall und nicht politisch motiviert."

Der Autor ist Redakteur für besondere Aufgaben und hat die lokalen Blogs im Tagesspiegel mit konzipiert. Der Text erscheint auf dem Zehlendorf Blog, dem Online-Magazin aus dem Südwesten.

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