Zehlendorfs Suppenküche für Bedürftige : Seit 21 Jahren mit Spenden finanziert

"Die Gemeinschaft tut gut", sagt eine Bedürftige, die in die Suppenküche der Paulus-Kirche in Zehlendorf kommt. Seit 21 Jahren wird zwischen Oktober bis März für Obdachlose und Bedürftige gekocht. Viele Freiwillige tragen diese Aktion. Unsere Reporterin hat vorbeigeschaut.

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Viele freiwillige, fleißige Helfer tragen die Aktion Warmes Essen in Zehlendorf.
Viele freiwillige, fleißige Helfer tragen die Aktion Warmes Essen in Zehlendorf.Foto: Anett Kirchner

Etwa eine Stunde vor 12 Uhr mittags stehen die ersten Gäste schon vor dem Seiteneingang der Paulus-Kirche im Herzen von Zehlendorf. „Weil ich auf meinem Stammplatz sitzen möchte“, erklärt Marianne (Name geändert). Sie ist bedürftig und kommt seit sieben Jahren dreimal in der Woche für eine kostenlose warme Mahlzeit hierher. Dabei geht es ihr nicht nur um das Essen. „Die Gemeinschaft tut gut, wir lachen viel“, verrät sie. Seit Anfang Oktober wird im Kirchsaal der Paulus-Kirche wieder montags, mittwochs und freitags jeweils von 12 bis 14 Uhr warmes Essen an Bedürftige und Wohnungslose ausgeteilt.

Marianne erinnert sich: Als sie zum ersten Mal die Suppenküche nutzen musste, war ihr das peinlich, und es hat sie Überwindung gekostet. „Hoffentlich erkennt mich keiner“, habe sie damals gedacht, denn die allein stehende Frau wohnt gleich um die Ecke. Inzwischen schämt sich die Zehlendorferin nicht mehr für ihre Armut, sie kommt sogar gern hierher und hat Anschluss gefunden.

Bei der „Aktion Warmes Essen“, so der offizielle Name, steht „warm“ nicht allein im Kontext mit Essen, sondern im übertragenen Sinn auch für menschliche Wärme. Hier gibt es Menschen, die zuhören. Ehrenamtliche kümmern sich um bedürftige Menschen aus der Nachbarschaft, damit diese wenigstens für einen Moment ihre Sorgen vergessen können. Für individuelle Gespräche ist Andreas Schiel, der Pfarrer der Zehlendorfer Paulus-Gemeinde, immer freitags vor Ort.

„Wenn keiner das Gespräch sucht, nehme ich auch gern die Suppenkelle in die Hand und helfe mit“, sagt er. Die Aktion Warmes Essen ist ein konfessionsübergreifendes Projekt und wird derzeit von 20 ehrenamtlichen Helfern aus Steglitz-Zehlendorf getragen. Hildegard Epple zum Beispiel ist seit Anfang an dabei - also seit 21 Jahren. Ihre Motivation? „Wenn die Gäste zufrieden sind, bin ich es auch“, sagt die katholische Christin. Sie habe nie darüber nachgedacht, mit diesem Ehrenamt aufzuhören. Menschen in Not zu helfen, sei für sie selbstverständlich.

Freiwillige Helfer für die Suppenküche
Nach dem Essen gibt es noch Kuchen und Kekse mit Tee oder Kaffee.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: Anett Kirchner
17.10.2014 13:13Nach dem Essen gibt es noch Kuchen und Kekse mit Tee oder Kaffee.

An diesem Freitag gibt es Linseneintropf mit Würstchen; zum Nachtisch Jogurt mit Pflaumenkompott. Das Essen wird vom Zehlendorfer Krankenhaus Waldfriede geliefert, das auch Premiumpartner des Zehlendorf Blogs ist. Wer nicht ganz satt geworden ist, kann hinterher noch von den Kuchen- und Keksplatten zugreifen. Tee und Kaffee stehen sowieso auf den Tischen. Wenn vom Essen etwas übrig bleibt, wird es in Marmeladengläser gefüllt, und die Gäste können es mit nach Hause nehmen.  

An manchen Tagen kommen bis zu 70 Bedürftige in die Suppenküche der Paulus-Kirche, im Durchschnitt sind es 50 Gäste - 80 Prozent davon Männer, 20 Prozent Frauen. Den Überblick über das Projekt hat Rosmarie Mette. Bei der Sozialarbeiterin vom Diakonischen Werk Steglitz und Teltow-Zehlendorf laufen alle Fäden zusammen. Sie kümmert sich um die Finanzierung, hält Kontakte am Laufen, verfasst Dankesschreiben, organisiert und bewirbt die Ehrenamtlichen.

15 000 Euro werden im halben Jahr gebraucht

Die Aktion Warmes Essen wird ausschließlich mit Spenden finanziert. In dem halben Jahr – von Oktober bis März – werden etwa 15.000 Euro gebraucht. Das Geld kommt von Vereinen, Firmen und Privatpersonen. „Eine vorbildhafte Initiative“, heißt es dazu aus dem Bezirksamt. Es gebe nicht sehr viele Kältehilfeprojekte in Berlin, die so lange auf Spendenbasis funktionieren.

Vermutlich ist diese jahrelange Treue nicht zuletzt der unermüdlichen und herzlich offenen Art von Rosmarie Mette zu verdanken. Sie ist ein Original und wird vor allem von den bedürftigen Gästen geachtet und geschätzt. Wenn nötig, kann sie jedoch auch durchgreifen, denn manchmal ist die Stimmung beim Essen auch aufgeheizt. Dann sage sie immer: „Ich habe euch im Auge, Jungs!“ Bislang gab es keine Zwischenfälle. Das nostalgische Notfall-Telefon aus den 1970er Jahren mit der Direktdurchwahl zur Polizei sei bislang nicht zum Einsatz gekommen.

Auch der Büchertisch ist beliebt

Die Aktion Warmes Essen in der Paulus-Kirche wurde 1993 ins Leben gerufen und in den ersten Jahren vom Deutschen Roten Kreuz koordiniert. Seit 2001 liegt die Organisation in den Händen des Diakonischen Werkes Steglitz und Teltow-Zehlendorf. Das Angebot richtet sich speziell an Wohnungslose oder Menschen mit geringem Einkommen. Wer möchte, kann sich auch gespendete Winterbekleidung aus dem Kleiderkeller aussuchen.

Anett Kirchner ist freie Journalistin und bloggt seit Januar 2014 auch für den Zehlendorf Blog des Tagesspiegels
Anett Kirchner ist freie Journalistin und bloggt seit Januar 2014 auch für den Zehlendorf Blog des Tagesspiegels, außerdem...Foto: privat

Außerdem gibt es einen Büchertisch, bereitgestellt vom Verein „Kulturring in Berlin“ und gefördert vom Bezirksamt und vom JobCenter Steglitz-Zehlendorf. Das Büchertisch-Projekt läuft jedoch vorerst nur noch bis zum 9. Dezember, was vor allem Manfred traurig stimmt. Er kommt seit 13 Jahren, zweimal pro Woche, extra aus Wedding hierher nach Zehlendorf zum Mittagessen. Bevor er etwas auf dem Teller hat, ist er meist schon in seine Bücher vertieft. Was ihn interessiert? Fußball und alles mit Sport. Und sonst? „Mir gefällt es hier, und ich mag Frau Mette.“

Die Autorin Anett Kirchner ist freie Journalistin, wohnt in Steglitz-Zehlendorf, und schreibt seit Januar 2014 als lokale Reporterin regelmäßig für den Zehlendorf-Blog des Tagesspiegels.

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