• Johannes Kram sw by Markus Lücke

    Nachbarschaft

    Der Autor Johannes Kram wohnt seit elf Jahren im Nollendorfkiez – und betreibt den Grimme-Online-Preis-nominierten „Nollendorfblog“, auf dem er sich immer wieder mit Homophobie und aktuellen LGBT-Themen auseinandersetzt.

    Bloggen gegen Homofeindlichkeit – ist das nach der Einführung der Ehe für alle überhaupt noch nötig? Klar. Die Diskussion um die Ehe für alle war ja eher lähmend. Seit zehn Jahren war da alles zu gesagt, es war mehr als überfällig. Jetzt kann man auf die drängenden Probleme hinweisen, die es immer noch im Alltag gibt. Etwa, dass die Mehrheit der Lesben und Schwulen Diskriminierung am Arbeitsplatz erleben: Nur ein Drittel outen sich am Arbeitsplatz. So liberal, wie sich die Gesellschaft fühlt, ist sie nicht.

    Es wird viel über die steigende Kriminalität im Nollendorfkiez geklagt. Wie nehmen Sie die Lage wahr? Wir dürfen Gewalt gegen Homosexuelle nicht verharmlosen. Aber wir sollten auch nicht so tun, als sei der Nollendorfkiez das Land der fliegenden Messer. Hier wird viel miteinander vermischt. Homophobe Straftaten sind das eine, aber was rund um die Fuggerstraße berichtet wird, hat wohl mit einer erhöhten Stricherkriminalität und nicht so sehr mit Homophobie zu tun. Schwule werden offensichtlich auch bewusst als Opfer ausgesucht, weil sie als leichte Beute gelten und möglicherweise keine Anzeige erstatten. Für mich kann ich sagen: Ich fühle mich hier sehr wohl, übrigens auch dank der Begegnungszone.

    Die wird doch in der Öffentlichkeit immer sehr kritisch diskutiert. Ich finde das Konzept spannend – und es ist auch entspannend, so etwas mitten im Kiez zu haben. Es ist einfach, über die Begegnungszone zu lästern, weil sie ästhetisch wirklich nicht sehr chic geworden ist. Aber im Großen und Ganzen funktioniert sie. Ich beobachte das zu allem Tag- und Nachtzeiten, schreibe ja oft vom Berio aus und sitze gerne im Reza. Statt da ideologische Kriege drüber zu führen, sollte man schauen, was gut angenommen wird und was nicht. Natürlich hassen es die Autofahrer, sich durch dieses Nadelöhr zu zwängen – aber das ist auch ein schöner Lerneffekt für alle Beteiligten. Jetzt, wo sich alle mal richtig ausgekotzt haben, können wir vielleicht endlich darüber reden, wie es weitergehen soll.

    Wie hat sich der Kiez verändert, seitdem Sie hierher gezogen sind? Ich trauere dem More hinterher. Toll ist allerdings, dass das Berio 24 Stunden geöffnet ist. Ein echter Gewinn –  auch wenn man es nicht nutzt, aber man weiß, dass man da immer noch landen kann.

    Was müsste Ihrer Meinung nach künftig besser werden? Wieder ICEs vom Bahnhof Zoo! Schade ist, dass der Nollendorfplatz selbst so ein Monster ist.  Man könnte da auch im Kleinen einiges ohne viel Geld attraktiver machen. Es gibt zum Beispiel diesen schönen Brunnen direkt unter den Hochbahngleisen. Der schreit danach, wieder eine zentrale Rolle spielen zu dürfen: Vielleicht als Straßenmusiker-Bühne, oder was mit Video, Kunst? Das könnte ein echtes Highlight sein.

    Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: leute@tagesspiegel.de

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von Tilmann Warnecke tagesspiegel
Liebe Nachbarn aus Tempelhof-Schöneberg,

Neulich im M19, Richtung Nolli. Oben, ganz vorne sitzen halbstarke, westdeutsche Pubertierende auf Berlinbesuch. Einer weiß Bescheid und flüstert: „Und hier ist voll die Schwulengegend. Am Bahnhof leuchten sogar Regenbogenfarben – und zwar JEDE Nacht!!!“ – Kurzes Schweigen bei den Kumpels, bis einer die Fassung wiedererlangt: „Boah, Alter, das ist echt voll krass.“

Willkommen in unserem Regenbogenkiez! Zugegebenermaßen habe nicht ich diese Episode erlebt, sondern der Grünen-Abgeordnete Sebastian Walter, dessen Büro in der Eisenacher Straße liegt und der seine Beobachtung auf Facebook festgehalten hat. Sie zeigt schön, welche durchschlagende Wirkung die Regenbogenfarben im öffentlichen Raum haben kann. Im Queerspiegel, dem LGBTI-Blog des Tagesspiegels, den ich mitbetreue, setzen wir uns mit solchen Fragen oft auseinander. Müssen wir Homosexuelle tatsächlich immer noch auf uns aufmerksam machen? Auf jeden Fall, finde ich: Denn Unsichtbarkeit ist der erste Schritt zur Diskriminierung. Umso mehr freue ich mich, heute hier zum ersten Mal den Leute-Newsletter schreiben zu dürfen – für den Bezirk, in dem die moderne queere Emanzipationsgeschichte ihren Anfang hatte. Und gerne diskutiere ich diese Fragen auch mit Ihnen, liebe Leser*innen – in den sozialen Medien oder per E-Mail.

Eine kleine Lesereise durchs queere Schöneberg. Für diese Ausgabe habe ich mich mit einigen queeren Schöneberger*innen unterhalten, die sich besonders für die Zivilgesellschaft engagieren. Mit dem Blogger Johannes Kram zum Beispiel, der auch gleich einige Vorschläge zur Veränderung des an sich ja ziemlich tristen Nollendorfplatzes anbrachte („da sollten wir gar nicht auf tolle städtebauliche Konzepte warten, die das vielleicht irgendwann mal ändern“)  – und mit Maria Tischbier, die sich für lesbische Frauen einsetzt, die Opfer von Gewalttaten geworden sind. Versprochen: Das ist für alle interessant: Heteros, Homos – und alle, die sich ganz anders oder gar nicht definieren wollen.

Tilmann Warnecke arbeitet beim Tagesspiegel als Redakteur im Ressort Wissen&Forschen und betreut den Queerspiegel, den LGBTI-Blog des Tagesspiegels. Er ist im Bayerischen Viertel aufgewachsen und dort immer noch oft unterwegs, obwohl er inzwischen in Kreuzberg wohnt. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an tilmann.warnecke@tagesspiegel.de

Tilmann Warneckes Tipp für Sie

Kleine, unabhängige Kinos gibt es heute nicht mehr allzu viele in Berlin. Eine Ausnahme ist das Xenon-Kino in der Kolonnenstraße. Eröffnet wurde es bereits 1909, älter in Berlin ist nur das Kreuzberger Moviemento. Heute ist es das einzige Kino, das dezidiert einen Schwerpunkt auf queere Filme legt – Werke, die anderswo oft ganz schnell wieder aus dem Programm genommen oder gar nicht erst gezeigt werden. Besonders mag ich die ersten drei Reihen: breite, ziemlich gemütliche Sofas mit toller Beinfreiheit. (Ich gebe gerne zu, dass mich auch das beste Programm nicht zum Kinobesuch motivieren kann, wenn ich nach einem 90-Minuten-Film befürchten muss, wegen akuten Beinquetschungen und Rückenzwackens erstmal zur Physiotherapie gehen zu müssen.) Das kleine, liebevoll gestaltete Foyer tut sein übriges – also: einfach mal hingehen! Ab Donnerstag laufen dort der neue Francois-Ozon-Film und ein Film über den Künstler Julian Schnabel, klingt beides spannend.

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