Berlin : Bezirksfusion: Das Tor Berlins zur weiten Welt

Rainer W. During

Berlin nimmt ab. Kann eine Millionenstadt schlanker werden? Ja, denn am 1. Januar trat die Bezirksfusion in Kraft, und damit sank die Zahl der Bezirke durch Fusionen von 23 auf 12. Dies gehört zum Kern der Verwaltungsreform, mit der die Stadt viel Geld sparen will. Jeder dieser 12 Bezirke hat etwa 300.000 Einwohner - so viel wie eine mittlere Großstadt. Wir stellen die zwölf Bezirke der Reihe nach vor. Zudem machen wir Vorschläge, wie die riesigen Verwaltungseinheiten übersichtlich in Ortsteile gegliedert werden können. Der Achitekt Jan Rave hat dazu die Idee geliefert und sich passende Namen ausgedacht.

Reinickendorf. Auch wenn er das Bezirkswappen ziert, hat Reineke Fuchs nichts mit dem Namen Reinickendorf zu tun. "Reynkendorp" hieß der Ort auf plattdeutsch in Erinnerung an den ersten der niedersächsischen Bauern, die vom Markgrafen um 1230 in der Nähe des Schäfersees angesiedelt wurden. Das war ein gewisser Reinhardt. Dass man den Fuchs später dennoch zum Wappentier kürte, hat wohl weniger mit der Wortspielerei als mit dem bis heute hohen Grünanteil im Berliner Norden zu tun. Seine erste urkundliche Erwähnung fand das Dorf, als markgräfliche Truppen von der Stadt Spandau kommend anrückten, um einen befürchteten Angriff von Eindringlingen aus Böhmen abzuwehren.

Ältester Ortsteil nach Reinickendorf selbst ist Lübars, das als Dorf bereits 1247 urkundlich erfasst wurde. Einzig Heiligensee, das ebenso wie Hermsdorf, Tegel und Wittenau (vormals Daldorph) erst in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts erwähnt wird, brachte es als Standort einer Havelfähre bereits frühzeitig zu einer gewissen Bedeutung. Die Gartenstadt Frohnau, die Siedlungen Konradshöhe/Tegelort und das nach seinem ersten Ausflugslokal benannte Waidmannslust sind jüngeren Datums. Und erst kürzlich wurde die in den 60er Jahren entstandene Großsiedlung Märkisches Viertel in den Status eines zehnten Ortsteils erhoben.

Einst Bestandteil des französische Sektors von Berlin, erinnert Reinickendorf wie kaum ein anderer Bezirk an die Tradition der einstigen Schutzmächte. Die ins Bundeseigentum übergegangenen Militärsiedlungen wie die Cité Foch und die Cité Guynemer tragen ebenso wie die dort verlaufenden Straßen noch ihre alten Namen, ein Freundschaftsverein pflegt die deutsch-französischen Beziehungen, in einem Partnerschaftsgarten sprießen Lavendel und Artischocken, und am Ratskeller "Le Caveau" trifft man sich zum Boule-Spiel.

Mit seinen 247 000 Einwohner rutscht Reinickendorf jetzt vom zweiten auf den drittletzten Platz der Berliner Bezirke. Mit 8946 Hektar Gesamtfläche steigt man größenmäßig dagegen nur vom dritten auf den fünften Rang ab. Ein grüner Wohnbezirk und ein Naherholungsgebiet, das zu gut der Hälfte aus Wald und Wasser besteht, ist Reinickendorf zugleich ein gewachsener Industriestandort und setzt auf die Entwicklung seiner Fabrik-Areale. Das Gelände der ehemaligen Borsig-Lokomotivfabrik gilt als Musterbeispiel für die gelungene Umwandlung in eine Symbiose aus produzierendem Gewerbe, Dienstleistungen und Handel. Und seit 1975 der Luftverkehr auf den Flughafen Tegel konzentriert wurde, kann sich der Bezirk rühmen, das Berliner Tor zur Welt zu sein.

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