Berlin : Bezirksfusion: Ein Name für drei ungleiche Stadtteile

Ole Töns

Seit dem 1. Januar tritt die Bezirksfusion in Kraft, und damit sank die Zahl der Bezirke von 23 auf 12. Dies gehört zum Kern der Verwaltungsreform, mit der die Stadt viel Geld sparen will. Jeder dieser 12 Bezirke hat etwa 300 000 Einwohner - so viel wie eine mittlere Großstadt. Wir stellen die zwölf Bezirke der Reihe nach vor.

Pankow. Am Anfang war der Streit: um den Namen des neuen Großbezirks im Norden der Stadt. Überraschend stimmte die Mehrheit der Bezirksverordneten für "Pankow", was in Prenzlauer Berg auf wenig Gegenliebe stieß. Und schon meldeten sich Gegner des Namens zu Wort, zu denen auch Bundestagspräsident Thierse gehörte, der am Kollwitzplatz wohnt. Keine Chance hatten "Dritter Bezirk" oder gar "Schönhausen", was an das gleichnamige Schloss in Pankow erinnern sollte. In dessen Nähe zog es schon vor Jahrzehnten die Berliner. Denn der Norden war einst ein beliebtes Ausflugsziel. "Hier können Familien Kaffee kochen" stand auf den Schildern der Biergärten und Ausflugslokale. Dies eint Pankow, Prenzlauer Berg und Weißensee. Nur Pankow und Weißensee waren bis zur ersten Gebietsreform, als 1920 Groß-Berlin entstand, eigenständige Ortschaften. Auch heute noch geht es dort etwas geruhsamer zu als im quirligen Innenstadtbezirk, ein als Stadterweiterung entstandenes Wohn- und Gewerbegebiet. Schon bei seiner offiziellen Ernennung zum Verwaltungsbezirk von Berlin im Jahr 1920 war es im Gegensatz zum ländlichen Pankow vor allem von Arbeitern und kleinen Gewerbetreibenden bewohnt.

Auch Weißensee unterscheidet sich vom Nachbarn an der Panke. Seine Entstehung aus mehreren Landgemeinden ist trotz reger Bautätigkeit in den vergangenen Jahren unverkennbar. Große Freiflächen und Felder prägen das Bild bis heute.

Bei Pankow dürfte der jüngeren Generation, vor allem außerhalb Berlins, zunächst Udo Lindenbergs Lied vom Sonderzug einfallen - auch wenn beim Erscheinen des Songs 1983 Honecker & Co. schon längst nicht mehr hier wohnten. Das SED-Politbüro war Anfang der 60er Jahre in die fälschlich dem Ort Wandlitz zugerechnete Waldsiedlung im Bernauer Forst umgesiedelt. Die Älteren werden mit "Pankow" auch die Umschreibung für die DDR in Verbindung bringen. Aus dieser Zeit stammt auch die Bezeichnung "Städtchen" für die Villengegend am Majakowskiring. Dass von 1946 bis 1960 vor allem Mitglieder des Politbüros und die Wichtigen der Partei in dem ummauerten und bewachten Villenviertel im Schlosspark Niederschönhausen wohnten, das Schlossgebäude selbst vorübergehend Sitz des Staatsoberhauptes war, hat diese Assoziationen zum Namen hervorgerufen. Pankow war zumindest im allgemeinen Bewusstsein ein Elitebezirk. Als Wohngegend für gehobenere Ansprüche gilt es heute wieder.

Dass Prenzlauer Berg an der Stelle einer Ansammlung von Windmühlen auf einem Hügel entstanden ist, hat dagegen weder Ruf noch Gesicht der heutigen Straßenzüge geprägt. Hier spielte sich im 19. Jahrhundert die Gründerzeit ab, wuchsen die Mietskasernen der Stadt ins Land. Hier lebten zur Hochzeit der Industrietätigkeit in den 20er Jahren rund 350 000 Menschen auf engstem Raum. Auch viele Neuberliner jüdischen Glaubens aus den östlichen Nachbarländern siedelten hier zuerst. Kleinfabriken und Betriebe wurden im Hinterhof gegründet. Das für Berliner Verhältnisse winkelige Straßengewirr wuchs zwischen den Hauptmagistralen ins Umland.

Zu DDR-Zeiten entstand hier die Hochburg der oppositionellen Szene, der Lebenskünstler und Aussteiger. Dazu trug wohl auch bei, dass es in Prenzlauer Berg des realexistierenden Sozialismus leichter war, eine Wohnung, wenn auch vernachlässigt, zu bekommen. Denn scharenweise zogen die Einwohner aus Stube und Küche mit Kohleöfen in die "WBS 70", wie eine Plattenbauserie in den Neubaugebieten hieß, wo es immerhin fließend Warmwasser und Zentralheizung gab. Der heutige Szenebezirk gilt schließlich als einer der Ursprünge der Bürgerbewegung, die letztlich den Untergang der DDR einläutete. Hier wirkten viele namhafte Protagonisten wie Ulrike und Gerd Poppe, Bärbel Bohley, Reinhard Schult, Hans-Jürgen Fischbeck und Sebastian Pflugbeil.

Bleibt die historische Gemeinsamkeit der beliebten Ausflugsziele, der wochenendlichen Lustbarkeiten für die Stadtbevölkerung, die alle drei Bezirke einst bevorzugten, weil sie an den Ausfallstraßen der erholungsbedürftigen Sommerfrischler lagen. Kaffeehäuser und Schankbetriebe, Brauereien prägen Prenzlauer Berg noch immer. Dass Amüsement im Übrigen auch einmal das war, was den Berlinern zuerst zum nobler sich gebenden Nachbarn im Norden einfiel, verbürgt ein bis heute nicht ausgestorbenes Volkslied von Bolle, der sich einst zu Pfingsten in Pankow amüsierte - und das "janz köstlich".

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