Berlin : Bezirksfusion: Heimliche Hauptstadt des Havellandes

Rainer W. During

Am 1. Januar tritt die Bezirksfusion in Kraft, und damit sinkt die Zahl der Bezirke von 23 auf 12. Dies gehört zum Kern der Verwaltungsreform, mit der die Stadt viel Geld sparen will. Jeder dieser 12 Bezirke hat etwa 300 000 Einwohner - soviel wie eine mittlere Großstadt. Wir stellen die neuen Bezirke der Reihe nach vor.

Spandau. Die Spandauer sind schon immer ein recht eigenständiges Völkchen gewesen und blicken bisweilen ein wenig mitleidig auf die jüngeren Berliner. Schließlich sind sie von deren Hauptstadt-Chaos weitgehend verschont geblieben und selbst in der extra für "die Bonner" entstehenden Gatower Landstadt bleibt der Ansturm der Regierungs-Umsiedler aus. Als "heimliche Hauptstadt des Havellandes" fühlen sich die Spandauer ohnehin mehr dem Umland als der Metropole verbunden und weinen der 1920 verlorenen Selbstständigkeit noch so manche Träne nach. Hätte man als immer noch bedeutendster Industriebezirk doch so manche Steuermark in die eigene statt in die Berliner Kasse stecken können.

Unvorstellbar also, dass Spandau im Zuge der Bezirksreform seine Eigenständigkeit vollends verloren hätte. Umgekehrt gab es schon einmal Begehrlichkeiten, sich die Charlottenburger Nachbarn einzuverleiben. Die Wiedervereinigung hat man als einziger Bezirk zu beträchtlichem Gebietszuwachs genutzt. Das nach einem Gebietstausch der Siegermächte von 1945 durch die DDR annektierte Weststaaken wurde wieder eingemeindet, die Rückgabe des "Seeburger Zipfels" an Brandenburg dagegen verhindert. 1982 war man den Berlinern mit der 750-Jahr-Feier stolze fünf Jahre voraus, danach machte der Bezirk einen rapiden Alterungsprozess durch. Bereits 1997 wurde der 800. Geburtstag festlich begangen. Die Spandauer hatten herausgefunden, dass die Berliner sich auf die erste urkundliche Erwähnung der eingeschmolzenen Schwesterstadt Kölln berufen hatten, während man sich selbst bisher brav auf den Jahrestag der Verleihung der Stadtrechte beschränkt hatte. Weil ein "Everardus advocatus in Spandowe" 1197 in Brandenburg eine markgräfliche Urkunde bezeugte, konnte man den Abstand zu Berlin deutlich vergrößern. Mit neuem Fernbahnhof, emporwachsendem Shopping-Center (Spandau-Arcaden) und berechtigten Hoffnungen auf eine der größten Mehrzweckhallen Europas (Berlin-Arena) geben sich die 223 000 Spandauer selbstbewusst wie stets, auch wenn sie jetzt, was die Einwohner anbelangt, vom drittgrößten zum kleinsten Bezirk werden. Bleibt der Trost, dass man mit 9191 Hektar Ausdehnung flächenmäßig nur vom zweiten auf den vierten Rang abrutscht. Mit der längsten "Waterkant" Berlins, riesigen Waldflächen, der malerischen Altstadt und der Zitadelle, die als Kulturzentrum auch überregional immer größere Bedeutung gewinnt, braucht man sich nicht vor den neuen Großbezirken zu verstecken.

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