Berlin : Bezirksreform: Die Freiheitsglocke eint zwei ungleiche Partner

Tobias Arbinger

Am 1.Januar tritt die Bezirksfusion in Kraft, und damit sinkt die Zahl der Bezirke durch Fusionen von 23 auf 12. Dies gehört zum Kern der Verwaltungsreform, mit der die Stadt viel Geld sparen will. Jeder dieser 12 Bezirke hat etwa 300 000 Einwohner - so viel wie eine mittlere Großstadt. Wir stellen die zwölf Bezirke der Reihe nach vor.

Tempelhof-Schöneberg. Zwei ungleiche Partner gehen eine Ehe ein: Das beschauliche, zum Teil vorstädtische Tempelhof und der Innenstadtbezirk Schöneberg, teils bürgerliches Wohnviertel, teils bunter Kiez, der Kreuzberg oder Prenzlauer Berg ähnelt. Unweit der Szene, in Quartieren mit besonders vielen Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern, treten in Schöneberg aber auch soziale Probleme zu Tage, die man im Tempelhof in diesem Ausmaß nicht kennt.

Beide Bezirke haben ihre Namen von alten Dörfern übernommen. Tempelhofs Ortsteile Tempelhof, Mariendorf, Marienfelde und Lichtenrade liegen auf einem Gebiet, das im Mittelalter von Rittern des Tempelherren-Ordens kolonialisiert wurde. Auf dem Stadtplan fällt vor allem das riesige Areal des Flughafens Tempelhof auf, der seit 1923 besteht. Er wurde auf einem alten preußischen Truppenübungsplatz angelegt. Während der Berlin-Blockade durch die Sowjetunion landeten dort in ununterbrochenem Einsatz die Flugzeuge der alliierten Luftbrücke.

Tempelhof ist noch heute einer der größten Industriestandorte der Stadt. Entlang von Verkehrsadern, wie dem 1906 eröffneten Teltow-Kanal und der Berlin-Dresdener Eisenbahn, hatten sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Fabriken angesiedelt. Der Tempelhofer Damm ist seit jeher eine wichtige Ausfallstraße Berlins.

Wie Tempelhof war auch Schöneberg vor 150 Jahren noch ein beliebtes ländliches Ausflugsziel. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das Dorf zur Stadt. 1898 bekam Schöneberg Stadtrecht, 1910 war es komplett bebaut. Im Jahre 1920 wurden Tempelhof und Schöneberg Bezirke von Groß-Berlin. Nahe dem heutigen Nollendorfplatz war zur Jahrhundertwende das Kielganviertel entstanden, Villen für gutsituierte Berliner. Auch die großbürgerlichen Wohnhäuser rund um den Bayerischen und den Viktoria-Luise-Platz sowie die Landhauskolonie in Friedenau waren für Wohlhabende gebaut worden. Auf der Schöneberger "Insel" zwischen den Gleisen der Dresdener und der Anhalter Eisenbahn wohnten hingegen überwiegend Kleinbürger und Arbeiter.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zog das Abgeordnetenhauses ins Schöneberger Rathaus. Es blieb bis Anfang der 90er Jahre. 1950 spendeten US-Bürger den Berlinern die Freiheitsglocke, die fortan jeden Tag um 12 Uhr im Turm läutete. Sie wurde während des Kalten Krieges zum Symbol des Berliner Freiheitswillens. Dort werden künftig auch die Bezirksverordneten tagen. Mit etwa 338 000 Einwohnern wird Tempelhof-Schöneberg der Bezirk mit den meisten Einwohnern Berlins sein.

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