Berlin : Bi-nationaler Brandeinsatz

Feuerwehr übte mit türkischen Statisten und Ärzten – Premiere in Europa

Rainer W. During

An den Fenstern schreiende Menschen. auf der Straße Angehörige, die ins Haus zurücklaufen wollen – Szenen, wie man sie von Brandkatastrophen her kennt. Am Sonnabend aber handelte es sich um eine Feuerwehrübung: Zweieinhalb Monate nach dem Brand in der Moabiter Ufnaustraße, bei dem neun Menschen starben, hat die Feuerwehr die Zusammenarbeit deutscher und ausländischer Rettungskräfte geprobt. Dabei handelte es sich nach Angaben von Landesbranddirektor Albrecht Brömme um die erste derartige Übung in Europa – er will sie zu einem europäischen Modellprojekt ausbauen. Ab Dezember sollen türkische Ärzte und Seelsorger zu Einsätzen in bestimmten Wohngebieten herangezogen werden.

Gestern ging alles gut: Als die ersten Löschtrupps auf dem Übungsgelände der Polizei in Ruhleben eintrafen, war das Haus in Qualm gehüllt. Nach einigen Minuten forderten ein Feuerwehrmann und ein Dolmetscher die Menschen abwechselnd in deutscher und türkischer Sprache auf, in den Wohnungen zu bleiben und auf die Retter zu warten. Innerhalb einer halben Stunde waren alle 25 Verletzten ins Freie gebracht worden, wo deutsche und türkische Ärzte sie versorgten.

Auch die vom Arbeiter-Samariter-Bund geschminkten „Opfer“ wurden von türkischen Freiwilligen gespielt. Rund 200 Menschen waren an der Übung beteiligt, zu der es auf Initiative der Berliner Gesellschaft türkischer Mediziner kam. Seit der 1999 gemeinsam organisierten Erdbebenhilfe steht man in Kontakt mit den Behörden, so der Vorsitzende Ilker Duyan. Der Verein hat ein festes Katastrophenschutzteam mit sechs Medizinern sowie zehn Psychiatern und Psychologen, die per Telefonkette alarmiert werden können. Bei Bedarf ist eine Erweiterung auf 44 Mitglieder möglich. Ziel des Projektes „Erste Hilfe Hand in Hand“ sei es, die Kulturen auch bei der Notfallhilfe zusammenzubringen, sagte der Ehrenvorsitzende, Ali-Nadir Savaser.

Mit der Moabiter Brandkatastrophe war das Szenario nur bedingt vergleichbar, so Brömme. Dort habe man es mit vielen verschiedensprachigen Bewohnern zu tun gehabt. Zum Einsatz des Megaphons gebe es keine Alternative. Zu einer Konsequenz hat das Unglück bereits geführt. Noch in diesem Jahr diskutieren Feuerwehren, Psychologen, Soziologen und Sprachwissenschaftler auf Einladung des Verbandes der Versicherungswirtschaft erstmals die bisher unerforschte Frage, wie Retter im Stress Menschen in Panik bestmöglich erreichen können. Um noch schneller vielsprachig helfen zu können, will Brömme verstärkt Ausländer zur Mitgliedschaft in Freiwilligen Feuerwehren animieren. Anders als bei der Berufswehr dürfen hier auch Nicht-EU-Bürger mitwirken.

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