Berlin : Bierprämien und Tortenschlachten Der Wahlkampf in Cottbus hatte teils skurrile Züge

Heute wird über den Bürgermeister entschieden

Sandra Dassler

Cottbus - „Ich bin betrogen worden“, sagt Fred Conrad. Der 42-jährige Umzugsunternehmer sitzt im Cottbuser „Pressecafé Doppeldeck“ und stiert in sein Bierglas. „Die haben meine Wahlliste 24 Stunden zu früh einkassiert“, klagt er. 24 Stunden, die Conrad seiner Ansicht nach genügt hätten, um vor einigen Wochen die notwendige Zahl an Stützunterschriften zu bekommen. Dann hätte er bei der heutigen Wahl um das Oberbürgermeisteramt in der zweitgrößten Stadt Brandenburgs mitmischen können. Dabei hatte er schon jedem, der für ihn unterschrieb, eine Flasche Bier in die Hand gedrückt.

Aber auch ohne Conrad trug der Wahlkampf teilweise skurrile Züge. Das lag nicht an den beiden Kandidaten. Brandenburgs Verkehrsminister Frank Szymanski (SPD), den auch die Grünen unterstützen, und Holger Kelch (CDU), der von FDP, Frauenpartei, einem freien Wählerverein und pikanterweise der PDS empfohlen wird, hatten einen fairen Wahlkampf versprochen. Und sich zumindest bei ihren öffentlichen Auftritten daran gehalten.

Ihre Sympathisanten aber gingen zum Teil ungewöhnliche Wege: Einer manipulierte am vergangenen Wochenende gar den Wahl-Ted der in Cottbus erscheinenden Tageszeitungen „Lausitzer Rundschau“ und „20 Cent“. Innerhalb weniger Stunden wurden mehr als tausend Stimmen für Kelch abgegeben. Nun hoffen die Cottbuser, dass ihre Wahlcomputer von Hackern verschont bleiben. Die stammen von der Firma Nedap und waren wegen angeblicher Sicherheitslücken in die Kritik geraten. Experten der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt überprüften deshalb noch einmal alle 70 Computer, an denen die 88 000 wahlberechtigten Cottbuser abstimmen können.

Zum Wahlkampfthema wurde sogar eine Tortenschlacht, die ein Radiosender veranstalten wollte. Das Ordnungsamt wies dem Sender dafür den Oberkirchplatz zu. Als nun die Torten am vergangenen Sonnabend vor der Tür der ehrwürdigen Oberkirche zerdeppert wurden, schlug das nicht nur dem Pfarrer auf den Magen. Auch die stellvertretende SPD-Landesvorsitzende Martina Münch beschwerte sich bei Holger Kelch über eine solche Pietätlosigkeit in Zeiten wachsender Armut. Verantwortlich für das Ordnungsamt ist nämlich CDU-Kandidat Kelch. Er führt seit der Abwahl der parteilosen Oberbürgermeisterin Karin Rätzel kommissarisch die Rathausgeschäfte. Dass der Sender die Hälfte der Torten an Einwohner und die Cottbuser Tafel für Bedürftige verschenkte, machte die Sache nicht besser. Weil die Zutaten für die Torten offenbar jenseits der Haltbarkeitsdauer verbacken worden waren, schaltete sich jetzt auch noch das Cottbuser Amt für Lebensmittelkontrolle ein.

Ob all diese Kapriolen am heutigen Wahlsonntag ein Ende finden, ist längst nicht ausgemacht. Das Brandenburgische Kommunalwahlgesetz schreibt nämlich vor, dass der Sieger mindestens 15 Prozent der Stimmen aller wahlberechtigten Bürger auf sich vereinen muss. Würden also wie bei der letzten Kommunalwahl nur 28 Prozent der Cottbuser an die Urnen treten und ihre Stimmen mit je 14 Prozent auf beide Kandidaten gleichmäßig verteilen, müsste am 12. November erneut gewählt werden. Bekommt auch dann wieder keiner der Kandidaten 15 Prozent, werden die Stadtverordneten ihren Oberbürgermeister wählen. Da Holger Kelch von 39 der derzeit 50 Stadtverordneten unterstützt wird, wäre der Ausgang klar.

Aber da ist immer noch Fred Conrad. Der wurde ja eventuell um seine Teilnahme am Kampf um das Amt des Oberbürgermeisters betrogen. Und Conrad hat dem SPD–Kandidat Szymanski versprochen: „Wenn du nicht gewählt wirst, Frank – dann fecht’ ich die Wahl an“. Rein theoretisch, sagen Anwälte, wäre das möglich.

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