Berlin : Biete Mehrzweckbau mit sakralem Akzent

Die katholische Kirche muss sich von Gotteshäusern trennen: durch Verkauf oder Abriss. Vor einem halben Jahr hatte das Erzbistum diese Nachricht wütend zurückgewiesen

Claudia Keller

Die katholische Kirche in Berlin erwägt, Kirchen zu verkaufen oder abzureißen. Als der Tagesspiegel das vor einem halben Jahr als erste Zeitung geschrieben hat, reagierte das Erzbistum mit einem wütenden Dementi. Nun ist es so weit. Für die erste Kirche wird ein Käufer gesucht. Und die Sanierung anderer Gotteshäuser wäre so teuer, dass es wohl auf einen Abriss hinauslaufen wird.

Die Gemeinde Regina Mundi in Waidmannslust wird mit der benachbarten Christkönigskirche in Lübars und der Pfarrei Maria Gnaden fusioniert. Das Grundstück und die dazu gehörende Kirche sollen verkauft werden. Regina Mundi sehe gar nicht aus wie eine richtige Kirche, sagt Bistumssprecher Stefan Förner. Es handle sich bei der bungalowartigen Anlage am Oraniendamm um einen „Mehrzweckbau mit sakralem Akzent“. Deshalb komme sie in den Blick, „wenn man überlegt, von welcher Kirche man sich trennen kann“. Die Liegenschaftsexperten des Bistums hätten auf der Suche nach Käufern auch bei den umliegenden Autohäusern vorbeigeschaut und Visitenkarten eingesteckt, erzählt Förner. „Beschlossen ist aber noch nichts.“ Beschlossen werde auch vor dem 25. August nichts. Dann kommt Kardinal Georg Sterzinsky aus dem Urlaub zurück.

Manfred Geßner, der Chef des Opel-Autohauses Diehm am Oraniendamm nebenan, ist interessiert an dem Grundstück. „Das ist eine Preisfrage.“ Bereits vor zwei Jahren habe man gemeinsam mit der Kirche über einen Kauf nachgedacht. Das Autohaus würde gerne die Ausstellungsfläche vergrößern. Wie das in einer Kirche gehen soll, kann er sich allerdings nicht vorstellen. „Man müsste die großen Betonwände durch Glas ersetzen.“ Wenn das nicht geht, müsste man die Kirche abreißen. Mit dem Bistum will er in den kommenden Tagen Kontakt aufnehmen.

Sollte es zum Verkauf kommen, muss der Erzbischof die Kirche per Dekret „entwidmen“. Danach würden die kirchlichen Gegenstände wie der Beichtstuhl, das Tabernakel und der sakrale Altar aus der Kirche herausgeholt. Wenn der Altar nicht in einer anderen Kirche verwendet werden kann, werde er zerschlagen, sagt Förner. Denn der Altar ist in der katholischen Kirche heilig und darf nicht zu profanen Zwecken genutzt werden.

Der Verkauf der Kirche Regina Mundi sei im Moment die Ausnahme, sagt Förner, aber die eine oder andere weitere Kirche gebe es, bei der man überlege, sie zu entwidmen. Dazu gehört auch St. Agnes in Kreuzberg. Die 1957 erbaute Betonkirche ist so marode, dass Putzeimer im Kirchenschiff aufgestellt werden müssen, um durchtropfenden Regen aufzufangen. Im Winter steht regelmäßig der Keller unter Wasser. Die Sanierung würde einen siebenstelligen Eurobetrag kosten. So viel hat das Bistum nicht. „Dass St. Agnes saniert wird, ist sehr unwahrscheinlich“, sagt Förner. Es droht der Abriss. Außerdem gebe es im Umkreis genügend andere Gotteshäuser, in die die Katholiken von St. Agnes zum Gottesdienst gehen könnten, und von dem gleichen Architekten stammt die Kirche St. Martin im Märkischen Viertel. Man habe beschlossen, diese zu sanieren. Die Gemeindemitglieder dort haben schon seit Jahren große Summen aufgebracht, um die Sanierung voranzutreiben.

Pfarrer Konrad Torwesten von St. Agnes hält an der Zusage fest, die ihm der Erzbischof vor einem halben Jahr gegeben hat: Es werde keine Kirche im Berliner Erzbistum abgerissen. Vor einem halben Jahr wurde der Kirche eine Bestandsgarantie von fünf Jahren gegeben. Dazu sagt Hans-Joachim Schade, Bauleiter des Bistums, heute: „Alles ist im Fluss.“

„Ratlos“ ist man im Bistum auch, was man mit der Schutzengel-Kirche in Britz machen soll. Auch hier wäre die Sanierung sehr teuer. Der Vorsitzende des Diözesanrats, Hans-Jürgen van Schewick, hält es „auf Dauer für unumgänglich, dass man Gottesdienststätten aus der Nutzung nimmt“. Er sieht darin auch Vorteile. Der Vertreter des Laiengremiums hofft, dass die Fusion von ausgedünnten Gemeinden neues Leben in die Pfarreien bringt. Dazu sei es sinnvoll, die Gottesdienste an einem Standort zu konzentrieren. Van Schewick kann sich vorstellen, in den dann leer stehenden Kirchenräumen „gediegene Restaurants“ oder Museen einzurichten. Wichtig sei, dass die Gemeinde mit entscheidet, was mit den Gotteshäusern geschehen soll. Fest steht im Bistum: „Eine neue Nutzung von Kirchen darf uns keine Kosten verursachen“, sagt Sprecher Förner. Man müsse sich von einem Viertel der Grundstücke und Immobilien trennen, um den Haushalt zu entlasten.

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