Bikini Berlin ist erst der Anfang : Im Westen spielt Zukunftsmusik

Vieles hat sich an der Gedächtniskirche und am Zoo verändert – die Currywurst aber ist geblieben. Neben dem Waldorf Astoria soll nun das Bikinihaus den Grundstein für die moderne City West legen. Wie vertragen sich das Alte und das Neue?

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Luftig
LuftigFoto: Britta Pedersen/dpa

Wo ist der beste Fensterplatz, um alles auf sich wirken zu lassen? Also, das Frühlingserwachen eines Stadtteils, das sich im locker lustigen Wort „Bikini“ ausdrückt und den Kern des alten Westens rund um die Gedächtniskirche meint. Wo nur? Den höchsten, aufregendsten Blick, den mag der 30. Stock des Waldorf Astoria bieten, aber da sind die Menschen unten so winzig und entrückt. Nein, um die Atmosphäre eines Aufbruchs zu spüren, sagen wir, an einem ganz normalen Werktag zur Mittagszeit im Sonnenschein, um die Menschen beim Hasten und Schlendern zu betrachten, da dürfte ein Plätzchen gut 30 Etagen tiefer, im Romanischen Café, eine gute Wahl sein. Ganz vorn an der Spitze vor dem großen Fenster mit bestem Blick auf das neue Bikini Berlin, den Zoo Palast, einen Teil des Europa-Centers und – wenn nicht gerade der große Hauspfeiler die beste Sicht nähme – auf die Gedächtniskirche.

Die Schickeria pilgert nun in die City West

Allein schon das alte große Wahrzeichen ist mit seiner prächtigen Halle neu entdeckt zu einem Touristenmagneten geworden, der viele Berliner noch gar nicht angezogen hat. Es gibt hier um die Kirche mehr Menschen als sonst zu sehen, ein Gedrängel, das die großen Erwartungen der benachbarten Geschäftswelt möglichst durch Kommen und Kaufen erfüllen soll. Wie es natürlich auch die Gäste im noch so neuen Café mit dem berühmten Namen tun, in dem die Currywurst mit Pommes schon mal 14 Euro kosten darf – statt wie am Bahnhof Zoo bereits ab 1,40.

Ein Blick ins „Bikini Berlin“
Nach gut drei Jahren Renovierung hat am 3. April das neue Bikinihaus eröffnet. Es gibt auch Platz zum Chillen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 24Foto: Britta Pedersen/dpa
09.01.2014 14:19Nach gut drei Jahren Renovierung hat am 3. April das neue Bikinihaus eröffnet. Es gibt auch Platz zum Chillen.

Der Blick aber aus dem Café sowie die Pommes und das Prädikat „Bio“ entschädigen, und überhaupt hat die Gegend trotz des Waldorf Astoria und der neuen, eleganten Bikini-Schönheit mit dem gewöhnlichen Leben am Bahnhof zu leben. Auf der einen Seite der Joachimstaler Straße glänzen die Kronleuchter, auf der anderen die Kronkorken. Das erdet die neu entstandene Noblesse und veredelt die alteingesessene Tristesse. Nichts gegen den Bahnhof: Er ist nicht mehr die berüchtigte Grusel- und Fremdschäm-Ecke Berlins. Und sind die Gegensätze an dieser Stelle der Stadt nicht ausgesprochen reizvoll? Hier das Waldorf, dort die Wursterei.

Hoffen auf den großen "Boom"

In den Achtzigerjahren wurde an der Gegend herumgewurschtelt, hier ein Stückchen am Hardenbergplatz herumgebastelt, dort am Bikinihaus ein Kugelkino errichtet, am Aquarium der seltsam kleine Olof-Palme-Platz. Regelmäßig aber waren die öffentlichen Klagen über den Niedergang der City West zu hören. Gebäude verkamen, Billigläden fühlten sich angezogen, zudem wuchsen in den Neunzigern am Potsdamer Platz und an der Friedrichstraße neue Zentren mit mehr Eleganz heran. Doch seither wird auch wieder der Aufschwung der City West rund um den Breitscheidplatz angekündigt oder geradezu beschworen. An der Gegend klebt seit Jahren das Etikett „Boom“, das aber viele Investoren erst einmal abhielt, den teuren Preis dafür zu zahlen. Der Bahnhof Zoo wurde von der Bahn zwar schöner gestaltet, jedoch herabgestuft, was viele West-Berliner fast als Deklassierung verstanden. Mit dem Waldorf Astoria und jetzt mit dem wiederbelebten Bikini-Ensemble sind allerdings große, auch mutige Schritte getan: Die Aussichten sind so glänzend wie die Sonne, die mittags ins Romanische Café scheint.

Erinnerungen an die alte City West verblassen

Wenn bald der Hochhausriese nebenan gewachsen ist, wird er seinen Nachbarn jedoch zu dieser Tageszeit in den Schatten stellen. Ein Hochhaus mit dem schönsten Blick über Berlin wird versprochen. Wie sich die tiefere Ebene damit abfindet, wie sich die City West damit optisch verdichtet, das bleibt noch der Fantasie überlassen. Geschäftswelt und Publikum aber blicken erwartungsvoll nach vorn, und die Erinnerung verblasst umso mehr. War hier anstelle des Cafés an der Ecke des alten Schimmelpfeng-Hauses nicht mal das China-Restaurant, und nebenan vor Urzeiten das Aktualitäten-Kino Aki und ein Dortmunder Lokal – und stand da nicht als einer der wenigen Anziehungspunkte dieses City-Teils Teppich Kibek? War da nicht noch dieser Autotunnel, der den Breitscheidplatz zerschnitt?

Europa-Center bleibt Teil der Geschichte

Hier ließen sich Geschichten erzählen, ganz alte über die Literaten im einstigen Romanischen Café, das vor dem Krieg auf dem Gelände des Europa-Centers stand, das uns heute wiederum so vertraut ist, als habe es hier schon immer gestanden. Wir lassen in Gedanken einen kleinen City- Spaziergang Revue passieren: Das „kleine“ Hochhaus des Europa-Centers wirkt frisch und gemütlich, die Geschäftswelt hat hier viel bewegt, ins Haus ist mehr Leben gekommen, Saturn zieht an. Hätten da nicht die Stachelschweine oder auch das Irish Pub offenbar auf ewig Anker geworfen, man verlöre als Alteingesessener schnell die Orientierung. Wer gegenüber an der Ecke Ranke-/Tauentzienstraße steht und auf das alte neue Bikinihaus in voller Schönheit blickt, kann inmitten des Gewusels ein richtig angenehmes, fast anheimelndes Großstadtgefühl und vielleicht sogar eine neu entbrannte Liebe zu Berlin spüren. Hier funktioniert die Stadt, und wenn im einstigen Defaka-Kaufhaus statt Bücher von Hugendubel nun Kleidungsstücke von Forever 21 verkauft werden, so ist das eben hundertmal besser als Leerstand.

Für immer jung, doch Relikte bleiben weiterhin

Es hat den Anschein, als ob die City West für immer jung werden will. Im Modeladen von &other stories in einem der schönsten erhaltenen Gründerzeithäuser am Ort, Kurfürstendamm 234, haben wir uns an das einstige Café Schilling erinnert, das Parkett, der Kronleuchter, die Stuckdecken sind zu bewundern, ein einstiger Kult- und fast schon Kulturort, der den Wandel der City West zum Besseren nicht mehr miterleben sollte, und den viele Berliner erst zu schätzen wussten, als es zu spät war. Aber die Spuren erwärmen das Herz, ein Café dieser Art fehlt heute dringend, den Verlust können ein Romanisches Café oder gar ein McCafé nicht kompensieren. Das ist gegenüber am Kurfürstendamm angesiedelt, hier soll einst Joseph Roth seinen Roman „Radetzkymarsch“ geschrieben haben. Wie schön, dass im Wandel der Zeit in näherer Umgebung noch Relikte zu sehen sind: Zum Beispiel die Schriftzeichen der längst entschlafenen und zu Modehäusern gewordenen Kinos Gloria-Palast und Marmorhaus.

Schönheitskur für den Hardenbergplatz

Das sogenannte Aschinger-Haus, auch als Botag-Haus bekannt, dürfte in absehbarer Zeit abgerissen werden. Seine Siebzigerjahre-Architektur ist oft gescholten worden, nimmt allerdings versteckt Bezug auf die Bahnhofsarchitektur. Doch das Innere gilt als so marode, dass eine Rettung des Hauses nicht möglich erscheint. Der riesige, unübersichtliche und kalt wirkende Hardenberplatz müsste aber dringend in Therapie: Bei aller Euphorie über die Entwicklung der City West ist er ein Beispiel von städtischer Konzeptionslosigkeit. Das Hochhaus am Zoo, in dem einst das Café Huthmacher residierte, scheint in Schnellimbissen zu ersticken, Wok to Walk und immer wieder Currywurst. Die Pläne für eine große Tiefgarage unterm Platz sind nicht vom Tisch, schlummern jedoch in Schubläden, die so schnell keiner öffnen will. Fußgängerzone, gar Festplatz – das alles wurde schon vorgeschlagen.

Es gibt seit längerem Entwürfe für eine behutsame Randbebauung, Überlegungen, den Zoo durch mehr öffentliche Einsicht in die Stadt zu „ziehen“. So ist der Platz jedenfalls schwer genießbar, und wer ihn überquert, läuft ständig Gefahr, wenn nicht von Autos, so doch von einem BVG- und sonstigem Bus überrollt zu werden. Hinter der Bahnbrücke zur Hertzallee scheint die City West wie abgeschnitten. Fast verödet. Doch halt: Verkündet dort nicht noch immer ein Schild, dass hier ein Aussichtsrad gebaut werden soll? War das Projekt, das auch als Zeichen des Aufschwungs gefeiert wurde, nicht krachend gescheitert? Ach, in Berlin geht eben auch das nicht so schnell. Und so ist zu hören, dass sich viele potente Investoren für das Grundstück interessieren – und einer der Kandidaten doch noch das ganz große Rad drehen will. Das wäre vom Fenster des Romanischen Cafés aber nicht zu sehen. Und wieder eine ganz andere Geschichte, doch mit gleicher Botschaft: In die City West kommt viel in Bewegung.

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