Berlin : Bildung: Alte Erstklässler, viele Sitzenbleiber

Susanne Vieth-Entus

Wie schön wäre das, wenn die innerdeutsche Auswertung der Pisa-Bildungsstudie im kommenden Herbst ergeben würde, dass Berlin besser dasteht als die anderen Bundesländer. Dass all die niederschmetternden Fakten über mangelnde Lese- und Rechenfähigkeit, über gescheiterte Ausländerintegration, zu alte Schüler und zu viele Sitzenbleiber nicht auf Berlin zuträfen. Schon jetzt allerdings ist klar, dass sich diese Hoffnung nicht erfüllen wird. Denn Berlin liegt voll im bundesdeutschen Trend. Dies lässt sich an einigen Beispielen belegen.

Einschulungsalter: Berlins Eltern neigen dazu, ihre Kinder zu schonen. Nur wenige machen Gebrauch von der Möglichkeit, einen Antrag auf vorzeitige Einschulung zu stellen. Selbst wenn das Kind wenige Wochen nach der Einschulung das sechste Jahr vollenden würde, lassen die Eltern ihre Kleinen lieber in der Kita. Die sind dann schon fast sieben, wenn sie die Schultüte in die Hand nehmen. Auf diese Weise ist der Altersdurchschnitt bei der Einschulung inzwischen auf sechs Jahre und acht Monate geklettert. In Hamburg liegt er zwei Monate drunter, international bei rund sechs Jahren.

Zurückstellungen: Zur weiteren Verzögerung des Schuleintritts führt die Methode, Kinder wegen angeblich mangelnder Reife vom Schulbesuch zurückzustellen. Dies betraf allein im laufenden Schuljahr fast 2000 der 25 500 schulpflichtigen Kinder in Berlin. Die mit der Bildungsstudie befassten deutschen Bildungsforscher beurteilen in ihrer Publikation "Pisa 2000" das Zurückstellen negativ, da es nicht zum gewünschten Ergebnis führe: das Zurückstellen verringert das spätere Sitzenbleiber-Risiko nicht.

Sitzenbleiben: Die Pisa-Forscher konstatieren, dass in deutschen Schulen "im Unterschied zu vielen ausländischen Schulsystemen ... durchgängig mit dem Verfahren des Sitzenbleibens gearbeitet wird". Daran konnten auch Forschungsergebnisse nichts ändern, wonach für die Sitzenbleiber gegenüber den gleich leistungsschwachen "Vorrückern" kein zusätzlicher Lerneffekt entsteht. Jedes Jahr müssen drei Prozent der deutschen Schüler eine Klasse wiederholen, weitere zwei Prozent machen es freiwillig. Auch dies entspricht Berliner Gepflogenheiten.

Unterm Strich führen das späte Einschulen, viele Zurückstellungen und Sitzenbleiben dazu, dass Deutschlands und eben auch Berlins Kinder mit 15 Jahren noch überwiegend die neunte Klasse besuchen. Laut "Pisa" gilt dies für 60,5 Prozent der getesteten 15-Jährigen. Nur 23,5 Prozent waren bereits in der zehnten Klasse, 14,7 Prozent erst in der achten. Zum Vergleich: In Belgien sind 65,5 Prozent bereits in der zehnten Klasse und 28,1 in der neunten, in Österreich ist die Verteilung etwa 50 zu 50. Die Forscher konstatieren, dass Österreich und Belgien wesentlich weniger vom Zurückstellen und Sitzenbleiben Gebrauch machen. Es gab sogar Reformen, um die Sitzenbleiberquote zu senken.

Ausländerintegration: Auch in diesem Punkt kann man kaum erwarten, dass Berlin positiv vom Bundestrend abweicht. Im Gegenteil. Dies belegen besonders zwei Zahlen: Jeder dritte Jugendliche nichtdeutscher Herkunft in Berlin verlässt die Schule ohne Abschluss und nur neun Prozent schaffen das Abitur. Bei den deutschen Kindern ist das Verhältnis umgekehrt.

Das Dilemma nimmt bereits im Kindergarten seinen Anfang. Sprachtests bei Sechsjährigen haben ergeben, dass die Kinder trotz jahrelangen Kita-Besuchs schlecht Deutsch sprechen. Dieses Defizit lässt sich nicht mehr aufholen, wie der spätere Misserfolg während der Schullaufbahn beweist.

Jetzt zeigen die "Pisa"-Ergebnisse, dass andere Länder erfolgreicher bei der Ausländerintegration sind. Ein Schlüssel zum Erfolg ist die Qualifizierung der Erzieherinnen, ein weiterer die Ganztagsschule, damit die Kinder mehr als vier Stunden am Tag die deutsche Sprache hören. Dass Berlin viel Nachholbedarf hat, steht schon jetzt fest.

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