Bildung : Hamburgs neue Schulpolitik bringt Berlin in Bewegung

Hamburg schafft die Hauptschulen ab - und Berlin hält die Luft an. Nachdem sich CDU und Grüne bei ihren Koalitionsverhandlungen in der Hansestadt auf ein Zwei-Säulen-Modell geeinigt haben, verdichten sich auch in Berlin die Zeichen, dass die Hauptschulen keine Zukunft haben.

Alle Aufmerksamkeit richtet sich jetzt auf Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Auch Berlins Grüne wollen an diesem Wochenende auf ihrem Landesparteitag entscheiden, ob sie den Hamburger Weg einschlagen. Die Ungeduld in der Stadt ist groß. Nachdem sich abzeichnet, dass sich sobald kein Gymnasium an der Pilotphase für die Gemeinschaftsschule beteiligen will, richten sich die Reformerwartungen auch in der SPD verstärkt auf ein Nebeneinander von Gymnasien und einer einzigen weiteren Schulform, die in Hamburg „Stadtteilschule“ heißen soll. Selbst prominente und jahrzehntelange Befürworter der Gesamtschule wie der renomierte Bildungsforscher und Sozialdemokrat Klaus Klemm sind auf den neuen Kurs eingeschwenkt. Klemm, der seit langem als enger Berater Zöllners gilt, befürwortet inzwischen die Stadtteilschule, damit die Hauptschüler „nicht mehr allein bleiben“.

„Der Charme des Hamburger Modells besteht darin, dass auch die Stadtteilschule bis zum Abitur führen soll“, sagt Klemm. Auf Anfrage erklärte er, dass er diesen Weg auch für Berlin richtig fände.

Auch sonst verdichten sich die Anzeichen für eine bevorstehende Umstrukturierung. Dazu gehört, dass der angesehene Hauptschulreferent Siegfried Arnz, auf dem bisher alle Hoffnungen in Sachen „Hauptschulreform“ ruhten, eine andere Aufgabe übernommen hat: Im Rahmen der jüngsten Neuorganisation der gesamten Bildungsverwaltung wurde Arnz zum Referatsleiter befördert. Sein Aufgabenfeld lautet nun „schulübergreifende Angelegenheiten“. Die Hauptschulen werden jetzt nur kommissarisch betreut – vom stellvertretenden Rektor der Hauptschule am Brunnenplatz in Mitte.

Trotz dieser Weichenstellungen und politischen Anzeichen ist der Weg zum Zwei-Säulen-Modell aber keineswegs ein Selbstläufer. Nach wie vor beharrt die Linkspartei als Koalitionspartner darauf, die Gemeinschaftsschule fest im Auge zu behalten und auch in der SPD sind noch nicht alle bereit, sich vom Projekt einer „Schule für alle“ zu verabschieden.

Wie schwierig dieser Weg ist, lässt sich seit über einem Jahr gut bei den Grünen beobachten, wo zwei starke Flügel um die Parteilinie in dieser Frage ringen.

Die Weichen für ihre künftige Bildungspolitik wollen sie auf ihrem Landesparteitag am heutigen Sonnabend stellen. Und diese Abstimmung über zwei Alternativanträge dürfte spannend werden. Beide Anträge zielen auf eine Schule für alle nach skandinavischem Vorbild; dazu gehört, dass das Sitzenbleiben und das Probehalbjahr abgeschafft werden sollen.

Schulpolitiker Özcan Mutlu sowie die Partei- und Fraktionsspitze beabsichtigen, ab 2011 eine „Gemeinschaftsschule von unten“ zu entwickeln, glauben aber nicht daran, dass es in absehbarer Zeit eine gesellschaftspolitische Mehrheit für eine Abschaffung des Gymnasium geben kann. Dagegen beharrt der Flügel um Fraktionsvize Anja Schillhaneck darauf, dass bis auf die neuen Gemeinschaftsschulen alle Schularten – auch die Gymnasien – auslaufen sollen. Welche Position in der Partei die Mehrheit erhält, ist noch völlig offen.

Falls sich die Realos um Mutlu und Fraktionschef Ratzmann durchsetzen, wäre übrigens auch in Berlin eine Voraussetzung für ein schwarz-grünes Bündnis gegeben. Jedenfalls lässt die Berliner CDU keinen Zweifel daran, dass sie große Sympathien für das Hamburger Zwei-Säulen-Modell hat.

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