Bildung : Hilfslehrer aus der Wirtschaft? Kritik an Vorschlag von Schavan

Unternehmen sollen ihre besten Mitarbeiter zurück an die Schule schicken - als Lehrer, schlägt Bundesbildungsministerin Annette Schavan vor. Lehrerverband und Politiker portestieren: unausgegoren und unpraktisch sei das. Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner meint, in der Haupstadt funktioniere die Kooperation mit der Wirtschaft bereits.

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Gute Idee? Bundesbildungsministerin Annette Schavan schlägt vor, dass Mitarbeiter von Unternehmen an Schulen unterrichten. -Foto: dpa

Mitarbeiter von Unternehmen sollen an Schulen unterrichten - dieser Vorschlag von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) ist auf Kritik gestoßen. Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) sieht die Idee skeptisch. "Eine echte Entlastung im Unterricht (…) verspreche ich mir nicht davon", sagte Zöllner am Dienstag im RBB-Inforadio. Er könne sich nicht vorstellen, dass Firmenmitarbeiter eigenverantwortlich Schulfächer "übernehmen". Grundsätzlich sei er aber dafür, dass sich Schulen der Wirtschaft oder dem Handwerk öffnen sollten.

Zöllner befürwortet Kooperationen mit der Wirtschaft

Junge Leute könnten Zöllner zufolge dadurch motiviert und begeistert werden, Naturwissenschaften als Schwerpunktfach zu wählen und später ein entsprechendes Studium zu ergreifen. "Das kann natürlich jemand aus dem Berufsleben besser als ein Lehrer", erklärte er. Dieses Fachwissen könne gut im Rahmen von Schulprojekten eingebracht werden.

Die Kooperation mit der Wirtschaft sei in Berlin auf verschiedensten Ebenen bereits vorbildlich, betonte der SPD-Politiker. Zöllner verwies zudem auf bestehende Seiten- und Quereinsteiger-Programme, um Berufstätige für den Lehrerberuf zu gewinnen.

Vorschlag als unpraktikabel kritisiert

Der Vorsitzende des Lehrer-Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) fand deutlichere Worte. "Zunächst habe ich gedacht, es sei ein Faschingsscherz", sagte der Ludwig Eckinger der "Berliner Zeitung". "So etwas ist keine Strategie, sondern höchstens eine Notmaßnahme."

Ähnlich sieht das der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Dessen Präsident Ludwig Georg Braun lehnte den Vorstoß als unpraktikabel ab und sagte dazu: "Der Aufwand für den Einzelnen wäre neben seiner eigentlichen Arbeit im Betrieb schnell immens hoch - ganz abgesehen davon, dass die Unternehmen kaum auf ihre besten Leute verzichten können", sagte er. Dem Lehrermangel müssten die Länder vor allem durch attraktive Entwicklungsperspektiven entgegenwirken, wenn junge Menschen sich für den Lehrerberuf entschieden.

KMK-Vorsitzender fordert bessere Koordination der Lehrerausbildung

Kritik äußerte auch der amtierende Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsminister Henry Tesch (CDU). Er monierte zudem die bundesweite Abwerbung junger Lehrer durch Baden-Württemberg. Tesch sagte, Föderalismus lebe zwar vom Wettbewerb, es gebe aber Regeln. Baden-Württemberg wirbt derzeit mit Plakaten um junge Lehrer und Referendare aus anderen Bundesländern. Das wird unter anderem von Berlin und Bremen kritisiert.

Der KMK-Vorsitzende Tesch forderte außerdem länderübergreifende Vereinbarungen zu den Ausbildungskapazitäten. Beide Punkte sollten auf der Sitzung der Kultusminister Anfang März in Stralsund diskutiert werden.

Doch wie viele Lehrer fehlen eigentlich bundesweit? Ulrich Thöne, Vorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), forderte von den Kultusministern eine verlässliche Statistik über das wirkliche Ausmaß des Lehrermangels. Es müsse zuverlässig erfasst werden, in welchen Regionen und welchen Fächern Pädagogen fehlten, sagte er der in Regensburg erscheinenden "Mittelbayerischen Zeitung". Eine solche Aufstellung verweigere die KMK bislang. Ohne verlässliche Untersuchungen könne die Politik das Problem jedoch nicht wirklich angehen.

Lehrer werden nur mit guter Abiturnote?

Der Vorsitzende des Lehrer-Verbandes Eckinger sagte außerdem, er befürchte, dass "Top-Ingenieure als Laien in der Schule ins offene Messer rennen". Fachliche Qualifikationen allein reichten nicht aus, um erfolgreich in der Schule zu unterrichten. Große Defizite sehe er in der Aufklärung über den Lehrerberuf. Der Einstieg ins Studium müsse viel praxisnäher sein. Die Abiturnote der Bewerber sage noch nichts über eine wirkliche Eignung für den Beruf aus. Der Landesvorsitzende der CDU in Baden-Württemberg hatte eine entsprechende Mindestnote im Abitur von 2,0 gefordert.

Hintergrund ist eine aktuelle Studie des ifo-Instituts. Sie kommt zu dem Schluss, dass Abiturienten mit guten Noten nur selten Lehrer werden. Das Lehramtsstudium sei für viele angehende Lehrer nur eine Notlösung, weil sie an Zulassungsbeschränkungen in anderen Fächern gescheitert seien. (jnb/ddp/dpa)

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