Bildung : Immer mehr Schulen wehren sich gegen Jahrgangsmischung

Erste und zweite Klassen sollen gemeinsam lernen, aber die Lehrer lehnen einen verpflichtenden Charakter der Regelung ab. Eltern drücken ihren Unmut mit etlichen Protestbriefen aus.

Sabine Beikler

Immer mehr Schulen protestieren offenbar gegen die Verpflichtung zum gemeinsamen Unterricht der ersten beiden Jahrgänge. Nach einer gestern veröffentlichten Umfrage der Berliner CDU-Fraktion haben sich 81 von 95 befragten Grundschulen für eine freiwillige Einführung der flexiblen Schulanfangsphase ausgesprochen. Das sind 85,2 Prozent. Angesichts dieses Ergebnisses sprach CDU- Bildungspolitiker Sascha Steuer von einem „Alarmsignal, das von der Schulverwaltung nicht ignoriert werden darf“. Die Verwaltung dürfe Schulen das jahrgangsübergreifende Lernen (JüL) nicht aufzwingen. „Schulen sollen freiwillig darüber entscheiden.“ Der gemeinsame Unterricht der ersten beiden Jahrgänge soll in Berlin flächendeckend nach den Sommerferien eingeführt werden.

Die Christdemokraten kritisieren auch, dass viele Lehrer nicht geeignet seien, den jahrgangsübergreifenden Unterricht zu praktizieren. Steuer spricht von ganzen 64 Prozent der Berliner Lehrer. „Für diese Reform braucht man aber auch die Motivation der Lehrkräfte.“ Um Pädagogen besser auf das JüL vorzubereiten, fordert die CDU eine Verschiebung der flexiblen Schulanfangsphase um ein Jahr auf 2009. Auch die FDP-Bildungspolitikerin Mieke Senftleben und der Grünen-Bildungsexperte Özcan Mutlu appellierten an Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), die Altersmischung im Unterricht nicht vorzuschreiben.

Zöllner nehme die Hinweise der Schulen sehr ernst, sagte sein Sprecher Kenneth Frisse. Eine erfolgreiche Umsetzung hänge von der „Qualifikation des Personals und der Rahmenbedingungen“ ab. Seit November werde geprüft, wie viel Personal die Schulen benötigten und ob möglicherweise zusätzliche Pädagogen eingestellt werden müssten. „Das Ergebnis der Überprüfung wird der Senator Anfang Februar vorstellen“, sagte Frisse.

Noch hält die Schulverwaltung am Zeitplan fest, die flexible Schulanfangsphase für die ersten beiden Klassen nach den Sommerferien einzuführen. „Der langjährige JüL-Modellversuch in Berlin, aber auch andere Studien belegen, dass der jahrgangsübergreifende Unterricht gerade für diese Altersgruppe die bessere Unterrichtsform darstellt“, sagte Frisse.

Unterstützung erhält Zöllner von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und vom Landeselternsprecher André Schindler. „Es ist sinnvoll, die Einführung des gemeinsamen Unterrichts konsequent zu verfolgen“, sagte die GEW-Landesvorsitzende Rose-Marie Seggelke. Die Lehrer an den 450 Grundschulen sollten die Möglichkeit haben, sich den Unterricht an einer der 176 Schulen anzusehen, die sich bereits zur Einführung des Reformmodells entschlossen haben, sagte Schindler. Außerdem forderte er die Einstellung neuer Lehrer.

Etliche Elternvertretungen haben wie berichtet Protestbriefe an den Bildungssenator geschrieben. Und in Neukölln hatten sich 28 der 39 Grundschulen gegen die Einführung der flexiblen Schulanfangsphase ausgesprochen. Proteste hatten bereits vor zwei Jahren dazu geführt, dass die Einführung der Jahrgangsmischung auf 2008 verschoben wurde.

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