Bildung in Berlin : Was ist seit Rütli passiert?

Alle Rektoren haben sich über die Zustände an den Schulen im Bezirk Mitte beklagt. Es gebe zu wenig Geld für die Migrantenförderung. Was ist seit dem Rütli-Brandbrief vor drei Jahren bildungspolitisch passiert?

Susanne Vieth-Entus

Der Brandbrief aus dem Bezirk Mitte zeigt, dass Berlin noch weit davon entfernt ist, seine Probleme bei der Migrantenförderung gelöst zu haben. Denn er macht deutlich, dass längst nicht nur die Hauptschulen unter der sozial brisanten Zusammensetzung der Schülerschaft leiden, sondern alle Schulformen. Dabei ist in den letzten Jahren Etliches veranlasst worden, was die Integrationsprobleme eigentlich mindern sollte.

Zu den wichtigsten Reformen der vergangenen Jahre gehört, dass die Berliner Kindertagesstätten zu Bildungseinrichtungen erklärt wurden. Sie sind verpflichtet, die Kinder sprachlich und intellektuell gezielt zu fördern. Neuerdings müssen die Erzieher auch Lerntagebücher führen. Allerdings beklagen Praktiker, dass mangels Personal weder das Bildungsprogramm noch die Lerntagebücher richtig zum Zuge kommen.

Der zweite wichtige Beitrag der Politik zur Verbesserung der Migrantenförderung ist der Ausbau der Grundschulen zu Ganztagsschulen. In den sozialen Brennpunkten können die Kinder bis 18 Uhr kostenlos betreut werden. Dies können auch nichtberufstätige Eltern in Anspruch nehmen. Für die Migrantenförderung gilt es als ausgesprochen wichtig, dass sich die Kinder möglichst viele Stunden in einem deutschsprachigen Umfeld aufhalten können.

Der Brandbrief aus Mitte zeigt, wo weiterhin Handlungsbedarf besteht

Viele dieser Reformen waren schon im Schulgesetz von 2004 angelegt und damit bereits vor dem Alarmruf der Neuköllner Rütli-Schule von 2006 beschlossene Sache. Allerdings hat Rütli die Bereitschaft der Politik, Geld zu investieren und tatsächlich etwas zu verändern, verstärkt. Das zeigt sich unter anderem daran, dass inzwischen schon Vierjährige einen Sprachtest absolvieren müssen und dann zu einem Deutschkurs verpflichtet werden können, bevor sie zur Schule kommen. Deutlich wird es zudem dadurch, dass weiterführende Schulen verstärkt mit Ganztagsangeboten versehen werden sollen.

Was der Rütli-Schock außerdem beschleunigt hat, ist die Diskussion um die Abschaffung der Hauptschulen. Wenn die rot-rote Koalition in Berlin sich jetzt darauf verständigt, im Jahr 2010 diesen Schritt zu vollziehen, ist auch dies ein Beitrag zur Migrantenförderung. Denn in vielen Bezirken sind die Hauptschulen längst zu reinen Migrantenschulen geworden. Die Lehrer der Rütli-Schule hatten ausdrücklich das Ende der Hauptschule gefordert.

Der neue Brandbrief aus Mitte zeigt allerdings nun, wo weiterhin Handlungsbedarf besteht. Dazu gehört etwa der bauliche Zustand der Schulen. Rütli hat nichts daran ändern können, dass die Bezirke weniger Geld für die bauliche Unterhaltung bekommen als sie brauchen würden, um die Gebäude in gutem Zustand zu erhalten. Auch die Einsparungen beim Personal wurden vom Finanzsenator trotz Rütli durchgezogen. Das hat dazu geführt, dass die Lehrerstellen für die Migrantenförderung nicht aufgestockt wurden, obwohl der Migrantenanteil stetig steigt: In den Mitte-Regionen Wedding und Tiergarten sind inzwischen drei von vier Erstklässlern nichtdeutscher Herkunft.

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