Berlin : Bildung: "Klippern gehört zum Handwerk"

Susanne Vieth-Enthus

Was haben die "Feuerzangenbowle" und Berliner Schule im Mai 2001 gemeinsam? Zum Beispiel dies: Der Lehrer steht vorn am Pult und bestreitet rund 80 Prozent des Unterrichts selbst. Dies soll jetzt anders werden, damit die - reichlich abgelenkte - Schülerschaft von heute mehr vom Wissensstoff behält und außerdem lernt, in der Gruppe zu arbeiten. Vom September an werden 6000 Jugendliche und 600 Lehrer die Methoden des pfälzischen Reformers Heinz Klippert kennen lernen und im Unterricht anwenden. Schulsenator Klaus Böger (SPD) ist dieser Versuch rund zwei Millionen Mark wert.

Das Projekt hat eine lange Vorgeschichte. Seit Jahrzehnten werden neue Unterrichtsmethoden gesucht, denn es ist klar, dass die Lehrer nicht genug auf die immer schwierigeren Schülern vorbereitet werden. Heinz Klippert ersann neue Wege, doch es dauerte lange, bis er sich durchsetzte. Denn es müssen erstmal die Lehrer für das aufwendige Umsteuern gewonnen werden. Dann sind die Fortbildungen zu finanzieren und die Lehrer für den Seminarbesuch vom Unterricht freizustellen.

In Berlin wurde schon vor zwei Jahren an vier Pilotschulen der Anfang gemacht. Klippert selbst bildete die ersten 30 "Trainer" fort, die heute im Neuköllner Albert-Einstein-Gymnasium ihre Zertifikate erhalten. Ab September schwärmen sie in 41 Oberschulen aus, die sich um die Teilnahme beworben hatten.

Das Konzept ist nicht einfach zu erklären. In erster Linie sollen die Schüler aktiver am Unterrichtsgeschehen teilhaben. Ein Beispiel: Der Lehrer verteilt an vier Gruppen Aufgaben und entsprechendes Material zum Thema "Euro". Eine Gruppe beschäftigt sich mit der Bedeutung des Geldes, eine andere mit dem Fahrplan zur Euro-Einführung, die dritte mit den teilnehmenden Ländern, die vierte mit den spezifischen Problemen. Dann werden die Gruppen neu gemischt und zwar so, dass in jedem Team ein "Experte" zu jedem der vier Themen sitzt. Nun wird ein Vortrag und dazu Material vorbereitet, mit dem sich der erarbeitete Stoff darstellen lässt, also etwa ein Plakat oder eine Overhead-Folie. Die Schüler lernen dabei auch, ihre Zeit einzuteilen, den Stoff zu protokollieren, zu strukturieren, Entscheidungen zu treffen.

Gute Erfahrungen habe sie mit dieser Methode gemacht, erzählt Lehrerin Erdmute Safranski, die die "Euro-Stunde" schon vor längerer Zeit an ihrer Ernst-Abbe-Schule abgehalten hat. Das Gymnasium gehörte zu den vier Pilotschulen. Weil das Kollegium so überzeugt ist von dem Konzept, hängt hier auch der Slogan "Klippern gehört zum Handwerk" im Flur. Selbst schüchterne oder zweisprachige Schüler aus dem eher schwierigen Umfeld der Schule im Neuköllner Norden lernten, selbstbewusst vor der Klasse aufzutreten, sagt Frau Safranski. Allerdings müssten mindestens zwölf Stunden pro Woche auf diese Weise gestaltet werden, damit sich der Erfolg zeige.

Nicht nur Fächer wie Erdkunde und Geschichte lassen sich gut in Teams erarbeiten. Auch Mathematik etwa sei geeignet, berichtet Ralf Schönenberger, Leiter der Pankower Carl-von-Ossietzy-Oberschule. Er hatte schon vor vier Jahren von Klippert gehört, dazu Lektüre angeschafft und interne Fortbildungen veranlasst. Einiges klappte, sogar die Eltern wurden einbezogen. "Aber jetzt haben wir gemerkt, dass wir es allein nicht schaffen, das Konzept stärker in den Fachunterricht zu übertragen," begründet er die Entscheidung, sich jetzt um die Teilnahme an der offiziellen Fortbildung zu bewerben: Die eine Hälfte der Kollegen macht mit, die andere ist bereit, zusätzliche Vertretungsstunden zu übernehmen.

Angeschoben wurde das Ganze vom Landesinstitut für Schule und Medien (Lisum). Bis zum April 2003 organisiert es die Veranstaltungen. Man habe sich trotz der knappen Kassen für das Projekt entschieden, weil Unterricht nun mal "das Kerngeschäft" der Schule sei, sagt Staatssekretär Thomas Härtel (SPD). Er erhofft sich von der Methode auch, dass die Schüler "lernen durch Handeln".

Sie sollen lernen, sich selbständig methodisches Fachwissen anzueignen, denn lebenslanges Lernen werde immer wichtiger, ergänzt Lehrerin Barbara Duske-Mernberger, die das Projekt von Anfang an begeistert begleitet hat. Lisum-Leiterin Angelika Dinges-Dierig ist so überzeugt von der Sache, dass sie meint, die Methode müsse auch einen festen Platz im Lehrerstudium oder spätestens im Referendariat erhalten. Das kann passieren, denn wie Berlin haben noch weitere Bundesländer Klippert "entdeckt".

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