Bildung : Koran oder Kafka in Kreuzberg

Ein Gymnasium – fast ohne Deutsche: Der Film "Deutschstunde" zeigt den Alltag an der Robert-Koch-Schule im berlinerischen Kreuzberg- Theo Teuchner war drei Jahre mit der Kamera unterwegs.

Matthias Jekosch,Susanne Vieth-Entus
Deutschstunde Foto: RBB
Mit ganzer Kraft. Inge Sewig, Deutschlehrerin in Kreuzberg, bleibt Optimistin. -Foto: RBB

Nein, es geht nicht um Siegfried Lenz’ berühmten Roman „Deutschstunde“ in diesem gleichnamigen Film von Theo Teucher. Es geht nicht um große Gewissensfragen in Zeiten der Diktatur. Sondern um Schulfragen in Zeiten der Migration. Um Schulfragen, die sich ins Existenzielle auswachsen, weil sie 40 Jahre lang nicht beantwortet wurden.

Rund 40 Jahre ist es her, dass die ersten türkischen „Gastarbeiter“ in Kreuzberg ankamen. Lange Zeit sah es so aus, als wenn nur die Grund- und Hauptschulen die Folgen der missratenen Einwanderungs- und Bildungspolitik ausbaden müssten. Irgendwann aber waren auch die Gymnasien dran, als auch hier der Anteil der meist türkischstämmigen Schüler so groß wurde, dass die deutschen Schüler in andere Bezirke auszuweichen begannen. Wie aber fühlt es sich an, wenn an einem Gymnasium nur noch wenige deutsche Schüler übrig sind? Was bedeutet das für das schulische Niveau, für die Identität der Schule, für die Lehrer?

Gestellt hat diese Fragen der Germanist, Politologe und Filmemacher Theo Teucher. Drei Jahre hat er mit einer Kamera im Gepäck Antworten gesucht und zwar im Robert-Koch-Gymnasium in der Kreuzberger Dieffenbachstraße; hat mit Schülern und Lehrern geredet und immer wieder Unterrichtsstunden begleitet. Das Ergebnis ist ein bedrückender Film, der gestern am späten Abend auf RBB gesendet wurde und auch käuflich erworben werden kann.

Teuchers Film gibt keine einfachen Antworten. Stattdessen erzählt er viele einzelne Geschichten. Zum Beispiel die von Fatima, einer Hamas-Sympathisantin. Oder von ihrem westlichen Gegenpol, der Schülerin Olivia, die aus Egoismus eine Theateraufführung platzen lässt. Oder die von Lehrern, die mit Idealen in den Beruf gegangen, aber immer öfter am Verzweifeln sind.

Der Film weckt Widerspruch. Das zeigte sich bereits bei einer Diskussion vor Monaten im Koch-Gymnasium: Falsche Gewichtung, falscher Ton, so die Kritik damals. Und überhaupt sei der Film viel zu negativ. Teucher streitet nicht ab, dass „Die Deutschstunde“ ziemlich düster und hoffnungslos geraten ist. „Dieser Film ist pessimistisch. Ich teile den Optimismus der Politik nicht, die sagt, dass sie die Sache in den Griff bekommt", verteidigte sich der Regisseur. Mit der „Sache“ meint er, dass verstärkt Kinder mit Migrationshintergrund auf die Schule kommen und schlechte Sprachkenntnisse, abweichende Wertvorstellungen und ein bildungsfernes Elternhaus mitbringen.

„Ich kann die normalen Aufgaben in den Lehrbüchern nicht verwenden. Die Kinder sind interessiert und begabt, aber sie haben Defizite in der deutschen Sprache", beklagt sich die Deutschlehrerin Inge Sewig. Sie ist eine von den idealistischen Lehrern und seit über 35 Jahren bemüht, den Schülern Goethe, Heine und Lessing näher zu bringen. Nur, wie kann sie sie begeistern, wenn die Schüler die Texte nicht verstehen? Wenn sie mehrfach den Koran, aber niemals Kafka gelesen haben? Vor kurzem konnte ein Deutschlehrer der Schule das Diktat einer siebten Klasse nicht werten, weil nur fünf Schüler bestanden hätten. Das hat auch damit zu tun, dass ein hoher Prozentsatz der Schüler keine Gymnasialempfehlung hat. Bis zu 20 Prozent schaffen das Probehalbjahr nicht.

Die, die es gerade noch schaffen, haben aber weiterhin Probleme mit der Sprache. In vielen Elternhäusern wird kein Deutsch gesprochen. „Damit steht und fällt alles", sagt Schulleiter Rainer Völkel. Die Schule reagiert darauf widersprüchlich. Auf der einen Seite wird in der siebten und achten Klasse eine Stunde Deutschunterricht mehr angeboten als vorgeschrieben. Doch auf dem Schulhof kann jeder sprechen wie er will. „Das Deutsch dort ist oft nicht das, was wir haben wollen", begründet Völkel den Verzicht auf eine Pausenhof-Deutschpflicht nach dem Vorbild der Weddinger Hoover-Schule.

Hass auf die USA

Aber das Sprachproblem allein ist es ja nicht. Fatima etwa spricht ausgezeichnet Deutsch und hat inzwischen ihr Abitur in der Tasche. Sie ist eine Hauptprotagonistin im Film. Sie lebt für ihren Glauben und besucht Hamas-Solidaritätskundgebungen. An ihrer radikalen Einstellung lässt Fatima zumindest keinen Zweifel. „Ich habe einen Hass entwickelt", sagt sie in dem Film und meint damit vor allem den Hass auf die USA.

Die Radikalisierung ist ein großes Problem an der Schule. „Wer am Ramadan nicht fastet, ist in den Köpfen der anderen nicht etwa anders, sondern schlecht. Die kennen nur Gut und Böse", sagt Schulleiter Völkel. Die deutschen Schüler fühlten sich zunehmend unter Druck gesetzt. „Frauen, die kein Kopftuch tragen, werden als Schlampe beschimpft", erzählt Susanne aus der 13. Klasse. Eine Freundin hat im Unterricht den Papst für seine auch von Muslimen geteilte Ablehnung von Kondomen kritisiert. Daraufhin wurde sie von Mitschülerinnen gemobbt. „Das Problem ist, dass sie permanent beleidigt sind", beklagt sich Susanne.

Die Situation am Koch-Gymnasium ist nicht neu. Schon 1980 schrieb die Schule einen Brandbrief. Von einer „untragbaren Arbeitssituation" angesichts des Migrantenanteils war dort die Rede. Seitdem ist wenig geschehen. Mit Mitteln für zwei Halbtagsstellen kann Völkel in der achten Stufe kleinere Klassen einrichten und zudem einen Förderunterricht „Deutsch" anbieten. Das war es. „Wir sehen keinen politischen Willen. Man verdrängt das Problem", resümiert Völkel.

Was der Film nicht zeigt, ist, dass es auch Innenstadt- Gymnasien gibt, die gut zurechtkommen. Das Kreuzberger Leibniz-Gymnasium etwa. Es hat so viele Anmeldungen, dass es alle ablehnen kann, die keine Gymnasialempfehlung haben. Noch vor Jahren war das anders, da war die Nachfrage gering. „Wir mussten umdenken. Es war sehr anstrengend", erinnert sich Schulleiterin Christiane Rösch. Lehrer bildeten sich an Wochenenden weiter, lernten andere Methoden kennen, übertrugen den Schülern mehr Verantwortung. Die Schule hat Doppelstunden eingeführt, die musische Bildung ausgebaut und einen Debattierclub gegründet. Inzwischen ist sie die Vorzeigeschule im Bezirk Kreuzberg.

Der Film von Theo Teuchert kann per Mail für 19,90 Euro bestellt werden bei info@deutschstunde.org.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben