Berlin : Bildung: Nach "Pisa"-Studie: Böger will Lehrer nachsitzen lassen

Susanne Vieth-Entus

Nach dem verheerenden Abschneiden Deutschlands bei der internationalen Bildungsstudie "Pisa" zeichnen sich in Berlin noch keine einschneidenden Reformen des Schulsystems ab. Der bereits eingeschlagene Weg hin zu mehr Sprachförderung in Kita und Grundschule, zusätzlichem Mathematikunterricht, zu Qualitätssicherung und Eigenverantwortung der Schulen sei richtig und müsse jetzt konsequent verfolgt werden, forderte gestern Schulsenator Klaus Böger (SPD). Ein Zickzack-Kurs sei die falsche Reaktion. Allerdings müsse eine Fortbildungspflicht für Lehrer eingeführt werden, da die Vergleichsstudie große Defizite bei Methodik und Didaktik des Unterricht aufgedeckt habe. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hingegen sieht "das ganze Schulsystem" auf dem Prüfstand.

"Wir dürfen nicht wieder nur Stückwerk machen", warnte der stellvertretende GEW-Vorsitzende Dieter Haase. Die "Pisa"-Ergebnisse hätten gezeigt, dass das gegliederte Schulsystem der falsche Weg sei. Er sieht die GEW-Forderung nach einer "Schule für alle", also einer Art Einheitsschule, bestätigt. Darüberhinaus müsse auch die Lehreraus- und weiterbildung reformiert werden. Es könne aber nicht sein, dass die einzige Konsequenz aus dem schlechten Abschneiden eine verpflichtende Lehrer-Fortbildung sei.

Zu den vielen Defiziten, die "Pisa" offenbart, gehört auch die späte Einschulung deutscher Kinder. Berlin liegt hier mit einem Einschulungsalter von sechs Jahren und acht Monaten voll im bundesdeutschen Trend. Obwohl dies als Wettbewerbsnachteil gilt, wird sich daran in Berlin voraussichtlich nichts ändern. "Das Vorziehen der Schulpflicht ist vom Tisch", teilte Böger gestern mit. Man habe diese Reform im Rahmen der Koalitionsvereinbarungen gekippt, weil es über 500 neue Lehrerstellen gekostet hätte, Kinder ein halbes Jahr früher einzuschulen. Damit sei auch die vollständige Verlegung der Vorschulen in die Kitas hinfällig.

Irritationen gab es gestern zum Thema "Klassenfrequenzen". Der Berliner Bildungsforscher Jürgen Baumert hatte bei der "Pisa"-Vorstellung gesagt, dass die Verkleinerung der Klassen "die teuerste Maßnahme mit der zweifelhaftesten Wirkung" sei. Böger ergänzt, auch eine Untersuchung in Nordrhein-Westfalen habe kürzlich ergeben, dass "große Klassen nicht schaden". Er teilt Baumerts Einschätzung, dass die großen Klassen keine "Fluchtburg" sind, aus der heraus man sich um weitere Konsequenzen aus der "Pisa"-Studie herumdrücken könne. Dagegen zitierte Haase aus dem "Pisa"-Zwischenbericht, dass es bei Klassen über 25 Schülern einen "kontinuierlichen Rückgang der Leistung in allen Testbereichen" gebe.

Eine kleine Hoffnung, dass sich im Bereich "Mathematik" etwas verbessert, hat der Schulsenator parat: Vom übernächsten Schuljahr an soll es für die Klassenstufen 5 bis 8 eine zusätzliche Stunde Mathematikunterricht geben. Im übrigen gibt Böger den Lehrern mit auf den Weg, dass sie die Leitlinie "Fördern und Fordern" ernster nehmen. Und er mahnt an, dass die Pädagogen ihre "Diagnosefähigkeit" verbessern. Denn die Untersuchung hat gezeigt, dass viele Pädagogen sich nicht über den Leistungsstand ihrer Schüler im Klaren sind: Gefragt nach Schülern mit Leseproblemen hatten Lehrer nur einen Bruchteil der Kinder, die tatsächlich Probleme hatten, benennen können.

In Berlin hatten rund 3500 14- bis 15jährige Schüler von 101 Oberschulen an der Studie teilgenommen. Die weitere Auswertung der Ergebnisse wird auch einen Vergleich zwischen den Bundesländern ermöglichen, der mit Spannung erwartet wird. Er soll voraussichtlich im Herbst 2002 vorliegen.

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