Bildung : Opposition hält Gemeinschaftsschule für gescheitert

Die SPD will Hürden senken, um mehr geeignete Schulen für das Modellprojekt Gemeinschaftsschule zu gewinnen. Die Grünen sprechen dagegen von einem "Offenbarungseid" - die Qualität der Schulbildung dürfe auf keinen Fall sinken.

Stefan Jacobs

Das rot-rote Reformprojekt „Gemeinschaftsschule erhitzt die Gemüter wie selten zuvor. Auslöser ist der Vorschlag der SPD-Bildungspolitikerin Felicitas Tesch, wonach die 14-köpfige Schulkonferenz bereits mit einfacher statt mit Zweidrittelmehrheit die Umwandlung in eine Gesamtschule beschließen können sollte. Diese Idee stieß nicht nur bei den traditionellen Gemeinschaftsschulgegnern CDU und FDP auf harschen Protest, sondern auch bei den in dieser Frage eher der Koalitionsmeinung zugeneigten Grünen. Deren bildungspolitischer Sprecher Özcan Mutlu sprach von einem „Offenbarungseid“ und warnte: Die Entscheidung sei so wichtig, dass eine möglichst große Mehrheit von Lehrern, Eltern und Schülern dahinter stehen müsse. „Deshalb darf man die Standards auf keinen Fall absenken: Qualität vor Quantität.“ FDP-Bildungspolitikerin Mieke Senftleben bezeichnete das Pilotprojekt als gescheitert und forderte, die dafür eingeplanten 22 Millionen Euro lieber in die problembeladenen Haupt- und Realschulen zu investieren.

Ein Grund für den SPD-Vorschlag ist die bislang mäßige Resonanz insbesondere bei den Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe, von denen nur zwei fest zugesagt haben, an der Testphase teilnehmen zu wollen. Andere, die zunächst ebenfalls Interesse angemeldet hatten, warten aus unterschiedlichen Gründen ab: Teils fehlen geeignete Räume, teils rührt die Skepsis von schlechten Erfahrungen mit früheren Modellprojekten her, bei denen den Schulen mehr Geld in Aussicht gestellt worden war, aber dann nur der Papierkram zunahm.

Aus der Bildungsverwaltung hieß es gestern, dass große Mehrheiten für die Gemeinschaftsschulen zwar wünschenswert, aber nicht zwangsläufig seien: In einem Schreiben von Senator Jürgen Zöllner (SPD) sei nur von „Zustimmung der Gremien“ die Rede gewesen, und eine Verwaltungsempfehlung für ein Ja mit Zweidrittelmehrheit sei unverbindlich. Laut Schulgesetz sind je nach Thema unterschiedliche Mehrheiten gefordert.

SPD-Schulexpertin Tesch zeigte sich von der Kritik der Grünen überrascht: Der Unterschied zwischen einfacher und Zweidrittelmehrheit betrage in den stets 14-köpfigen Schulkonferenzen zwei Stimmen. Es wäre „schade“, wenn interessierte Schulen daran scheitern würden.

SPD und Linksfraktion wollen sich in dieser Woche über das Thema beraten. Für Carola Bluhm, Schulexpertin und Fraktionschefin der Linken im Abgeordnetenhaus ist der Bedarf an mehr Gemeinschaftsschulen klarer als je zuvor: „Alle zwei Jahre bekommen wir so ein verheehrendes Zeugnis ausgestellt“, sagte sie mit Blick auf die jüngste OECD-Bildungsstudie. Bessere Resultate scheiterten nicht an den Schulen, sondern an deren gegliedertem System, in dem „Schüler frühzeitig aufs Abstellgleis geschoben werden“.

Dieses Argument ist nach Meinung des CDU-Bildungsexperten Sascha Steuer falsch: „In Berlin gehen 49 Prozent der Kinder aufs Gymnasium – das hat also nichts mit Auslese und Elite zu tun.“ CDU und FDP waren Anfang August unter Protest aus dem Beirat zu dem Modellprojekt ausgestiegen, weil sie neben der finanziellen Bevorzugung der Gemeinschaftsschulen auch den Abschied vom Leistungsprinzip kommen sahen: Dass auf den Gemeinschaftsschulen nicht mehr nach Leistungsstärke der Schüler differenziert werden solle, ist für Steuer ein wesentliches Manko der Idee.

Die Koalitionäre dagegen verweisen zum einen auf die geplante individuelle Förderung und zum anderen auf Erfahrungen etwa aus Skandinavien, wo Kinder unterschiedlicher Niveaus und sozialer Schichten gemeinsam lernten. „Dieses Wohlbehütetsein ist erwiesenermaßen nicht die beste Voraussetzung, um später erfolgreich zu sein“, sagte Linksfraktionschefin Bluhm. „Aber wir können doch nicht warten, bis 100 Prozent der Leute davon überzeugt sind.“

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