Bildung : Schlechtes Zeugnis für Grundschulen

Leistungsstarke Schüler lernen weniger, wenn sie nach der vierten Klasse auf der Grundschule bleiben. Diese immer wieder vorgetragene Befürchtung von Eltern bekommt neue Nahrung durch aktuelle Äußerungen des HU-Erziehungswissenschaftlers Rainer Lehmann.

Susanne Vieth-Entus
Schüler
Schüler an einer Grundschule. -Foto: dpa

Leistungsstarke Schüler lernen weniger, wenn sie nach der vierten Klasse auf der Grundschule bleiben. Diese immer wieder vorgetragene Befürchtung von Eltern bekommt neue Nahrung durch aktuelle Äußerungen des HU-Erziehungswissenschaftlers Rainer Lehmann, der die Kenntnisse von 4700 Viert- bis Sechstklässlern in Berlin untersucht hat. Zwar liegt seine seit langem erwartete Studie offiziell noch nicht vor. Aber Lehmann lässt keinen Zweifel daran, in welche Richtung seine Forschungen gehen.

„Im Gymnasium lernen besonders leistungsfähige Kinder mehr, als wenn sie nach der vierten Klasse noch in der Grundschule bleiben“, lautet Lehmanns Einschätzung. Er hatte im Auftrag des damaligen Schulsenators Klaus Böger (SPD) im Jahr 2003 damit begonnen, das Lese- und Mathematikverständnis von Viertklässlern an 69 repräsentativen Grundschulen zu untersuchen. In den Jahren 2004 und 2005 beobachtete sein Forscherteam, wie sich die Leistungen veränderten. Im Rahmen dieser sogenannten Element-Studie wurden deshalb auch Schüler an grundständigen Gesamtschulen und 31 Gymnasien untersucht.

Lehmann wollte den kompletten Bericht über die Studie gestern der Senatsverwaltung für Bildung zukommen lassen und sich selbst vorerst nicht zu den Ergebnissen äußern, da dieses Recht der Bildungsverwaltung als Auftraggeber zustehe, sagte Lehmann dem Tagesspiegel. Allerdings ist er bereit, generelle Aussagen zu treffen, die sich auch auf seine übrigen Forschungen beziehen.

Auf dieser Grundlage sagt der Wissenschaftler klipp und klar, dass er leistungsstarken Schülern nicht den Verbleib auf der Grundschule raten würde. Denn dort würden sie nach dem jetzigen Stand „langsamer lernen“. Vor diesem Hintergrund rät er den Hamburger Politikern, die gerade über eine mögliche Einführung der sechsjährigen Grundschule verhandeln, „erstmal die Berliner Element-Studie abzuwarten“.

Auch das Argument, dass das gemeinsame Lernen die sozialen Unterschiede verringere, lässt der Humboldt-Professor nicht gelten: Eine derartige „Vermutung“ lasse sich anhand seiner Untersuchungen nicht belegen, betonte Lehmann im Gespräch.

Die Senatsverwaltung für Bildung konnte gestern nicht sagen, wann sie die Studie veröffentlicht. Klar ist aber schon jetzt, dass sie erheblichen Wirbel auslösen wird, weil die Gegner der sechsjährigen Grundschule neuen Aufwind bekommen. Sie beklagen seit langem, dass es zu wenig Plätze in den grundständigen Gymnasien gebe – obwohl ihre Zahl in den vergangenen Jahren stetig stieg. Vor wenigen Jahren waren noch zusätzliche fünfte Klassen an altsprachlichen Gymnasien hinzugekommen sowie an mathematisch-naturwissenschaftlichen Gymnasien. Der damalige Bildungssenator Böger hatte auch zugelassen, dass die Gustav-Heinemann-Gesamtschule eine fünfte Klasse mit einem Japanisch- Schwerpunkt eröffnete.

Die Grundschulen beklagen deshalb zunehmend, dass ihnen die Leistungsträger abhanden kommen. Die Fakten sprechen für sich: Die Zahl der Schüler in den fünften und sechsten Klassen an den sogenannten grundständigen Gymnasien hat sich – trotz insgesamt sinkender Schülerzahlen im Land Berlin – in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt: Von 1800 im Schuljahr 1996/97 auf 3950 im aktuellen Schuljahr. Zwar hat die Nachfrage nach Schnellläuferklassen dem Vernehmen nach leicht abgenommen, weil Eltern davor zurückschrecken, dass ihre Kinder dort schon nach elf Jahren Abitur machen. Aber dafür hat die Nachfrage nach den übrigen grundständigen Gymnasien zugenommen.

Man müsse in den Grundschulen „nachbessern“, appelliert FU-Grundschulforscher Jörg Ramsegger an die Politik. Dazu gehöre auch, dass man ihnen jetzt nicht das Personal für die Integration der behinderten Schüler kürze. Ramsegger plädiert zudem dafür, auch Studienräte in den fünften und sechsten Klassen der Grundschulen unterrichten zu lassen. Zudem müsse man in der Lehrerausbildung mehr darauf achten, dass der Umgang mit heterogenen Lerngruppen geübt werde. Andernfalls seien Lehrer eben nicht in der Lage, sowohl Leistungsstarken als auch Leistungsschwachen gleichermaßen gerecht zu werden.

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